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"Das Spital von Valjevo, 1915", Gemälde der Malerin Nadezda Petrovic

"Seismographen auf dem Boden eines Vulkans"

Nachdem der bosnische Serbe Gavrilo Princip in Sarajevo Thronfolger Franz Ferdinand erschossen hatte, hat das heftige antiserbische Proteste in Wien ausgelöst - und letztlich den Ersten Weltkrieg. Viele Intellektuelle in der k .u. k. Metropole waren davon begeistert. Wie sich ihre serbischen Schriftstellerkollegen verhalten haben, zeigt ein neues Buch.

Erster Weltkrieg 02.06.2014

Von Begeisterung war in Serbien wenig zu spüren, erzählt Gordana Ilic Markovic, Buchherausgeberin und Slawistin an der Universität Wien. Die Rolle der Schriftsteller und Künstlerinnen sei in etwa mit "Seismographen auf einem Vulkanboden" zu vergleichen.

science.ORF.at: In Österreich-Ungarn haben sehr viele Schriftsteller und Intellektuelle den Beginn des Ersten Weltkriegs stark begrüßt. Wie war das in Serbien?

Ilic Markovic: Ganz anders. Denn Serbien hatte gerade die zwei Balkankriege hinter sich. Der Gedanke an einen weiteren Krieg hat niemanden begeistert, auch keine Schriftsteller oder Künstler.

Die Slawistin Gordana Ilić Marković

Nicholas Bettschart

Gordana Ilic Markovic ist Senior Lecturer am Institut für Slawistik an der Universität Wien. (Bild: Nicholas Bettschart)

Das Buch

Gordana Ilic Markovic (Hg.): Veliki Rat - Der große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse. Verlag Promedia, Wien 2014.

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science.ORF.at: Welche Rolle spielte das Sarajevo-Attentat?

Ilic Markovic: Für die Bevölkerung in Serbien hat es kaum eine Rolle gespielt - sehr wohl aber für die serbischen Bürger, die in der k. u. k. Monarchie gelebt haben, weil viele von ihnen verhaftet wurden oder ihr Hab und Gut verloren. Für die Bewohner Serbiens war das Attentat kein Thema, auch nicht in der Literatur. Darüber haben erst jene Schriftsteller reflektiert, die den Krieg nicht erlebt haben. Die sind aber nicht Thema meines Buchs.

science.ORF.at: Schon Thema Ihres Buches ist die Reaktion eines in Wien lebenden Serben nach dem Attentat.

Ilic Markovic: Stimmt, das ist aber eine Ausnahme. Der großartige Schriftsteller Milos Crnjanski befand sich am Tag des Attentats als Philosophiestudent in Wien. Er hatte gerade seinen Frack gebügelt, den er am Abend bei einem Ball tragen wollte, befand sich später in einem Cafe nahe dem Stephansplatz, als er die Nachricht hörte. Die Kaffeehausgespräche sind aber weitergegangen, und auch die Musik hat weitergespielt. Erst später wurde sie abgestellt und Crnjanski notierte: "Die Walzerepoche war zu Ende."

Dann beschreibt er, wie viele Wiener danach dennoch auf Sommerfrische gegangen sind und das Leben zumindest eine Zeitlang normal weiter verlief. Das ist sehr ähnlich, was auch die anderen Autoren in dieser Zeit in Österreich-Ungarn geschrieben haben. Es gibt keine vergleichbaren Texte von Schriftstellern in Serbien: Das Attentat war ein Thema in der serbischen Presse, in den diplomatischen Zeugnissen, aber keines für die Bevölkerung und damit auch nicht für die Literaten.

science.ORF.at: Wie war die Position der Schriftsteller in Serbien allgemein nach Kriegsausbruch?

Ilic Markovic: Sie waren betroffen wie der Rest der Bevölkerung. D. h. es gab nichts, das man mit dem Kriegspressequartier Österreich-Ungarns (in dem die Presse und Propaganda zentral kontrolliert wurde, Anm.) vergleichen könnte. Sie waren Soldaten oder Zivilisten des Kriegs, viele waren interniert, d. h. sie waren normale Teilnehmer des Kriegs. Sie schrieben ihre Texte nicht nach Verordnung, sondern - oft heimlich - in den Pausen des Kriegs.

science.ORF.at: Was waren die Hauptmotive, über die sie geschrieben haben?

Ilic Markovic: Was bei der serbischen Literatur signifikant ist, dass sie sich auf das Leiden und auf ein Gefühl des Stolzes konzentriert. Jubelgefühle gab es keine. Was viele Texte gemeinsam haben, ist der Bezug auf das Leiden. Serbien war im Krieg sofort an der Front, d. h. die Zivilbevölkerung wurde sofort in Mitleidenschaft gezogen. Serbien ist das Land, das prozentuell am stärksten betroffen war, ein Drittel aller Einwohner und Einwohnerinnen sind laut den Historikern im Ersten Weltkrieg gestorben.

science.ORF.at: Welche Art Stolz war das?

Ilic Markovic: Dieser Stolz war ein Gefühl der Verteidigung: Man wurde angegriffen, und dagegen hat sich das Volk verteidigt. Dieses Gefühl ist bei den Dichtern stark zu spüren. Aber das Hauptmotiv dieser Literatur, die im Krieg entstanden ist, und von Menschen geschrieben wurde, die sich im Krieg befanden, war das Leiden.

science.ORF.at: In vielen Ländern gab es Schriftsteller, die der Kriegsbegeisterung von Beginn an nicht anheimgefallen sind: Gibt es Ansätze von Selbstkritik auch bei den von Ihnen untersuchten serbischen Schriftstellern, was ihren Nationalstolz betrifft?

Ilic Markovic: Ja sicher, z. B. bei Dimitrije Tucovic, dem Präsidenten der sozialistischen Partei Serbiens. Er ist Anfang des Krieges gefallen, hat aber bis zuletzt ein Tagebuch geführt. In einer der letzten Eintragungen ist eine klare Kritik des Königs und der ganzen Regierung zu lesen. Es drückt aber zugleich seinen Stolz für die Bevölkerung aus, die sich wehrt. Er selbst ist in den Krieg gezogen, obwohl er die Regierung als Sozialist kritisiert hat. Aber er verteidigte das Land. Ein anderes Beispiel: Ich habe die Arbeiterzeitung von Wien mit jener aus Belgrad verglichen. Während des Kriegs ist auffällig, wie parallel die Texte verlaufen, wie beide Zeitungen ihre eigenen Regierungen und den Krieg kritisieren.

science.ORF.at: Wie hat sich der Krieg auf die Form der Literatur ausgewirkt?

Ilic Markovic: Es gibt ein Zitat aus einer 1917 auf Korfu erschienenen Exilzeitung, das ihre Rolle sehr schön charakterisiert. Ein Kulturredakteur sah die Literaten "auf dem Boden eines Vulkans, die wie die Seismographen nur die Beben und Schwingungen verzeichnen können". Sie konnten keine großen Werke schaffen, weil sie immer nur in den Pausen des Kriegs schrieben. Romane und Erzählungen gab es kaum, viel eher kurze Formen wie Gedichte.

Mein Eindruck ist, dass sie wie Fotografen geschrieben haben. Ihr Werk sieht aus wie ein ungeordnetes Fotoalbum. Erst nach dem Krieg sind auf dieser Basis auch längere Prosatexte entstanden. Was ich auch interessant finde: Wir befinden uns ja in der Zeit der Moderne, die durch den Krieg unterbrochen wurde. Aber wenn man den Stil beobachtet, sieht man, dass die Moderne weitergeht, sich der Stil fortsetzt. Viele dieser Schriftsteller, die nach dem Krieg berühmt wurden, machten im Krieg ihre ersten literarischen Erfahrungen.

science.ORF.at: Welche Autoren sind das zum Beispiel?

Ilic Markovic: Etwa Rastko Petrovic, ein Schriftsteller der Moderne und der Avantgarde, dessen bedeutendste Werke nach dem Krieg erschienen sind. Seine ganze Familie war sehr künstlerisch. Seine Schwester Nadezda war eine expressionistische Malerin und herausragende Persönlichkeit der Frauenbewegung in Serbien. Sie ist im Krieg gestorben, in dem sie als Krankenschwester gearbeitet und weiter gemalt hat. Als Titelbild für mein Buch habe ich das letzte Bild verwendet, das sie noch malen konnte.

"Das Spital von Valjevo, 1915", Gemälde der Malerin Nadezda Petrovic

Museum für zeitgenössische Kunst in Belgrad

"Das Spital von Valjevo, 1915", Gemälde von Nadezda Petrovic © Museum für zeitgenössische Kunst in Belgrad, MSU

Oder Stanislav Vinaver, der eines der Manifeste der serbischen Moderne geschrieben hat: Er hat zwar im Krieg nicht zu schreiben begonnen, aber er war noch sehr jung. Oder der schon erwähnte Milos Crnjanski, der zu einem der größten serbischen Schriftsteller werden sollte, und Momcilo Nastasijevic. Generell ist es schwierig, über Schriftsteller zu sprechen, die im deutschsprachigen Raum nicht oder wenig bekannt sind. Zum Glück aber ist z. B. im Vorjahr ein Sammelband mit Gedichten von Nastasijevic in deutscher Übersetzung erschienen. Er gilt als größter Dichter Serbiens im 20. Jahrhundert.

science.ORF.at: Die Begeisterung wurde in Österreich-Ungarn im Laufe des Krieges immer geringer, auch die der Literaten: Wie war diese Entwicklung in Serbien?

Ilic Markovic: Wie gesagt, die Schriftsteller in Serbien waren nicht in einem Pressequartier fokussiert. Wer das Bedürfnis zu schreiben hatte, hat geschrieben. Von einer Begeisterung war absolut nichts zu spüren. Natürlich gab es einige, die im patriotischen Stil schrieben - aber das war ihr Stil. Es gab die anderen, die eher düstere Gedanken hatten, weil sie nichts Gutes erlebten. Das vielleicht beste Beispiel dafür ist der Satiriker Branislav Nusic, der in Serbien vor allem für seine Komödien bekannt war.

Im Krieg war er schon ein älterer Mann, er war als Flüchtling mit der Armee unterwegs und sein einziger Sohn ist gefallen. Da hat er aufgehört, Komödien zu schreiben, und danach hat es rund 20 Jahre gebraucht, bis er wieder eine verfasst hat. Im Krieg hat er den Roman "Tragödie eines Volkes" geschrieben und seinem Sohn gewidmet - das zeigt, was mit einem Künstler in einem Krieg passieren kann.

Das Interview führte Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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