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Zweiter Weltkrieg: Eine Gruppe von Juden wird von einem SS-Mann abgeführt

Orte der Zwangsarbeit in Wien

Ab dem Sommer des Jahres 1944 wurden rund 60.000 ungarische Juden als sogenannte Leihgabe des ungarischen Staates in das Deutsche Reich und somit auch in das heutige Österreich deportiert. Über diesen Teil der Geschichte der Shoah ist bis heute wenig bekannt.

Ungarische Juden 08.06.2014

Das Wiener Wiesenthal-Institut hat versucht, mit einer Gedenktour zu Orten ungarisch-jüdischer Zwangsarbeit in Wien diese Lücke teilweise zu füllen. Ein Bericht.

Ankerbrotkabrik, Favoriten

Die Ankerbrot-Fabrik liegt im 10. Wiener Gemeindebezirk, entlang der Absberggasse. Noch heute wird dort Brot erzeugt, wie bereits vor über 100 Jahren. Gegründet wurde das Unternehmen von der jüdischen Familie Mendl. Durch den kostengünstigen Betrieb wuchs das Unternehmen rasch an und galt als eine der größten Brotfabriken in Europa. Mit dem Anschluss im Jahr 1938 flüchtete die Familie Mendl ins Ausland, etwa in die USA und nach Australien. Die Fabrik wurde von den Nationalsozialisten zum Teil arisiert die jüdischen Arbeitskräfte entlassen.

"Es gab allerdings immer auch Widerstandszellen im Unternehmen, die sich während des Krieges an Widerstandsaktionen beteiligt haben und man weiß auch von einem Streik Anfang 1939 der von der Gestapo niedergeschlagen wurde, " betont Christian Rapp, Kulturwissenschaftler von der Agentur für Kultur- und Ausstellungsprojekte Rapp & Wimberger.

Ab dem Sommer 1944 setzte man aufgrund des Arbeitskräftemangels vermehrt ungarische Juden als Zwangsarbeiter in den Betrieben und Firmen ein. Wie viele in der Ankerbrot-Fabrik insgesamt arbeiten mussten, ist bis heute unbekannt, sagt der Historiker Christian Rapp:

"Aus Überlieferungen weiß man, dass die Kinder meistens die Aufgabe hatten die Stiegen zu reinigen und in diesem Betrieb gab es sehr viele Stiegen. Die Erwachsenen mussten dafür die Fuhrwerke putzen, mit denen das Brot ausgeliefert wurde. Für acht Stunden Arbeit, sowohl für Kinder als auch Erwachsene, gab es dann ein Laib Brot. "

Papierwarenfabrik Adolf-Reiss

Einige Gassen von der Ankerbrot-Fabrik entfernt befand sich die Papierwarenfabrik Adolf Reiss, gegründet durch den gleichnamigen jüdischen Unternehmer. Heute ist von der Fabrik nichts mehr übrig, eine Immobilienagentur steht an ihrer Stelle. In den 1920er Jahren erzeugte das Unternehmen Adolf Reiss unter anderem 1,5 Millionen Briefkuverts pro Tag. Ein lukratives Geschäft, das die Nationalsozialisten im Jahr 1938 übernahmen.

Auch hier wurden ab 1944 ungarische Juden zur Arbeit gezwungen. Insgesamt 45 Personen teilten sich zwei Zimmer mit je 22 Quadratmeter, die zu der Fabrik gehörten, so Philipp Rohrbach vom Wiener Wiesenthal-Institut: "Erwachsene wurden in der Regel zur Wartung von Druckermaschinen oder Buchpressen eingesetzt. Die Kinder mussten Kartons schleppen. Obwohl die Arbeit als sehr schwierig beschrieben wird, muss man festhalten, dass verglichen mit anderen Arbeitslagern die Lebensbedingungen hier einigermaßen gut waren. "

Nicht zuletzt lag das an dem Lagerleiter Viktor Herzl, der für die ungarischen Juden verantwortlich war. Er galt nach den Nürnberger Rassengesetzen als Mischling 1. Grades. Zudem wurde auch ein Teil seiner Familie deportiert. Daher auch die empathische Haltung gegenüber den jüdischen Zwangsarbeitern.

Wohnlager der Gemeinde, Rudolfsheim-Fünfhaus

Ein weiterer Ort des Gedenkens: das Wohnlager in der Hackengasse im 15. Bezirk, das von der Gemeinde Wien verwaltet wurde. Das Gebäude, ehemals eine Schule, existiert heute nicht mehr. Von Juni 1944 bis April 1945 wurden hier ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter untergebracht, die unter anderem in der Ölraffinerie tätig waren.

Da Religion für viele eine zentrale Rolle spielte, wurden im Lager täglich zwei Gottesdienste abgehalten. Die Insassen schliefen auf Stockbetten in den Klassenzimmern und im Turnsaal, sagt die Leiterin der ungarischen Abteilung der Yad Vashem Archive in Jerusalem Kinga Frojimovics. Wurden die älteren Menschen unter ihnen krank, so brachte man sie auf den Dachboden: "Dort bekamen sie kaum etwas zu Essen. Gepflegt wurden sie überhaupt nicht. Sie lebten solange sie konnten. "

Man überließ sie somit dem Tod, so die Historikerin. Genaue Zahlen, wie viele ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter auf österreichischem Gebiet ermordet wurden, gibt es bislang nicht. Schätzungen gehen von mehreren Zehntausenden aus.

Réka Tercza, Ö1 Wissenschaft

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