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Ein französischer Soldat schaut in die Kamera.

"Bei Verdun war der Mensch Material"

Rund 300 Tage tobt 1916 die Schlacht um Verdun. Millionen Granaten zerpflügen einen schmalen Landstreifen, rund 700.000 Soldaten werden getötet, verstümmelt oder vermisst. Der deutsche Historiker Olaf Jessen zeichnet die Intentionen der Schlacht und das Leid der Soldaten nach.

1. Weltkrieg 03.06.2014

Tagebuchartige Studie

Die Schlacht von Verdun 1916 ist Sinnbild für den Ersten Weltkrieg. Nach dem massiven Angriff der deutschen Truppen am 21. Februar 1916 tobt bis in den Dezember hinein die bis dato größte Materialschlacht der Geschichte. Rund 700.000 Soldaten sterben, werden vermisst gemeldet oder verwundet.

In seiner einem Tagebuch ähnlich angelegten Studie "Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts" zeichnet der Historiker Olaf Jessen detailliert die Intentionen der Militärs, ihre Entscheidungswege und Fehleinschätzungen, aber auch das unendliche Leid der Soldaten nach. Nach Monaten schweren Geschütz-Trommelfeuers liegt im Umfeld der Festung Verdun im Nordosten Frankreichs kaum noch ein Stein auf dem anderen, Dörfer sind völlig zerstört und die Gebeine tausender gefallener Soldaten in die aufgerissene Erde eingepflügt.

Jüngste Bestattungen waren 2013

Das Buch:

"Verdun 1916. Urschlacht des Jahrhunderts" von Olaf Jessen ist im Verlag C.H. Beck erschienen (ISBN 978-3-406-65826-6).

Ö1 Jahresschwerpunkt:

Gesammelte Berichte zum Schwerpunkt "Erster Weltkrieg" sind hier zu finden.

In dieser Schlacht wird für Jessen der Mensch zum bloßen Material erniedrigt. Soldaten werden erschossen, zerrissen, verschüttet, verstümmelt oder verlieren im massiven Geschützfeuer den Verstand. "Tierkadaver, Leichen und Leichenteile, auf fast jedem Quadratmeter des Schlachtfeldes verstreut, werden durch die Einschläge von Granaten immer wieder umgewühlt, zerteilt und verkleinert." Noch heute ähnelt das Schlachtfeld einem Friedhof. Jedes Jahr würden Wanderer oder Bauarbeiter Leichenteile finden. "Die vorerst letzten Bestattungen fanden im Dezember 2013 statt."

Der Historiker zeichnet die Intentionen der handelnden Protagonisten nach. Dabei ist die Schlacht keineswegs nur der Versuch der Deutschen, die Gegner auszubluten und ihnen große Verluste zuzufügen. Der deutsche General Erich von Falkenhayn, Chef des Generalstabs, wollte vielmehr mit dem deutschen Angriff eine Gegenoffensive erzwingen und dabei die feindlichen Reserven zermürben. Mit einem anschließenden Durchbruch und dem Übergang vom Stellungs- zum Bewegungskrieg sollte der Widerstandswille von England und Frankreich gebrochen und die Kriegsentscheidung bis zum Mai 1916 erzwungen werden.

Verdun als "Nebenziel"

Dabei ging es der deutschen Generalität keineswegs um die Festung Verdun. "Die Festung ist aber nur Nebenziel. Ob über der Zitadelle die Trikolore oder die Reichsflagge weht, kann unmöglich über Sieg oder Niederlage im Weltkrieg entscheiden", schreibt Jessen. Und auch in Frankreich habe kein Zweifel daran bestanden, dass die militärische Vernunft für eine Räumung Verduns spricht.

Doch für Frankreich wie für Deutschland wird Verdun zu Prestigefrage. Die französische Führung will nicht weichen und die deutsche Generalität im Verlauf der Kämpfe nicht eingestehen, dass der ursprüngliche Plan gescheitert ist. Neben den großen politischen und militärischen Entscheidungen zeichnet Jesse dabei durch Briefe und Erfahrungsberichte immer das Grauen für die Soldaten nach.

Weg zum U-Boot-Krieg

Konsequenz aus diesem tausendfachen Sterben ist für Jessen die Ablösung Falkenhayns und der Weg in die faktische Militärdiktatur Paul von Hindenburgs und Erich Ludendorffs. Die Schlacht, an deren Ende sich die Front kaum verschoben hatte, ebnete zudem den Weg in den uneingeschränkten U-Boot-Krieg der Deutschen und damit für den Kriegseintritt der USA.

"Tatsächlich hatte vor der Schlacht für das Reich wohl noch die Möglichkeit bestanden, den Krieg nicht zu verlieren - am ehesten wahrscheinlich durch eine defensive Strategie, nach Verdun schwand diese Aussicht zusehends dahin."

Oliver Pietschmann, dpa

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