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Chinesisches Berg- und Hügelland

China macht aus Bergen Flachland

Chinas Streben nach Land, auf dem sich Städte errichten lassen, kennt scheinbar keine Grenzen. Denn seit geraumer Zeit müssen auch niedrige Berge dem Expansionsdrang weichen. Chinesische Forscher warnen nun: Das Abtragen von Bergen und Auffüllen von Tälern mit dem gewonnenen Erdreich berge unabsehbare Risiken.

Forscherkritik 05.06.2014

Der Hydrogeologe und Umweltwissenschaftler Peiyue Li und seine Kollegen Hui Qian und Jianhua Wu von der Universität Chaug'an in Xian (Zentralchina) fordern die Regierung in einem in "Nature" veröffentlichten Kommentar dringend zu mehr Zurückhaltung auf.

Fabel und Wirklichkeit

Der Kommentar:

"Accelerate research on land creation" erscheint am 4. Juni 2014 in "Nature".

Eine in China bekannte Fabel erzählt von "einem verrückten alten Mann, der Berge versetzen konnte": Ein 90-jähriger Greis überzeugt seinen Nachbarn davon, dass er Stein für Stein den Berg entfernen könne, der die Straße zu seinem Haus blockiert. Weil die Anstrengung - wenngleich mit der Hilfe verschiedener Götter - schließlich Früchte trägt, wird die Geschichte in China oft zitiert, wenn die Kraft von Beharrlichkeit veranschaulicht werden soll.

Derzeit scheint es so, dass Chinas lokale Autoritäten sich die Realisierung eben dieser Geschichte zum Ziel gemacht haben - und zwar im großen Stil. Peiyue Lin und seine Kollegen berichten von hunderten Quadratkilometern, die in den im Osten Chinas liegenden Städten Chonqing, Shiyan, Yichang, Lanzhou und Yan'an bereits aus abgetragenen Bergen gewonnen wurden.

Spitze weg, Erde in Täler

Von Erhebungen mit einer Höhe von 100 bis 150 Metern werden zuerst die Pflanzen entfernt, dann wird von der Spitze weg das Erdreich abgetragen und Täler so lange aufgefüllt, bis eine Ebene entstanden ist. Das größte derartige Projekt startete laut Forschern 2012 in Yan'an und soll in den nächsten Jahren die Fläche der Stadt verdoppeln, indem 78,5 Quadratkilometer Flachland geschaffen werden.

Die chinesischen Wissenschaftler meinen in ihrem Kommentar, dass derartige Projekte nicht durchdacht seien - weder technisch, noch ökonomisch und schon gar nicht mit Blick auf die Umwelt. Um beim Beispiel Yan'an zu bleiben: Dort wird in erster Linie lockerer Lössboden und Schlicksand verlagert, also ein weicher Boden, der bei starkem Regen einsinkt. Das Verhalten des Bodens wurde laut Forschern nicht genügend getestet, um darauf Hochhäuser errichten zu können.

Auch die Auswirkungen auf die Ökosysteme der Umgebung seien ungeklärt, schreiben die Forscher in Ihrem Kommentar: Shiyan liegt in der Nähe wichtiger Flüsse, die mit Hilfe eines ausgeklügelten Kanalsystems sowohl Beijing im Süden als auch den Norden mit Wasser versorgen sollen. Dort hat die Bergabtragung bereits zu Muren und Überschwemmungen geführt sowie den Lauf einzelner Gewässer verändert. Auch die - in vielen Städten ohnehin schon schlechte - Luftqualität leidet unter den massiven Verschiebungen von Erdmasse: Meist wird sie nicht befeuchtet, weshalb der Staub den Himmel braun färbt.

Kritik an Forschung

Hinter all diesen immensen Anstrengungen steckt ein ökonomisches Kalkül der lokalen Autoritäten: Aufgrund hoher Preise für Bauland in Städten hoffen sie auf entsprechende Einkünfte und sind bereit, dafür im wahrsten Sinn des Wortes Berge in Bewegung zu setzen.

Aber Peiyue Lin und Kollegen kritisieren nicht nur die Behörden, auch die Forschung bekommt ihr Fett ab: Jedes Institut agiere für sich, es gebe kaum interdisziplinäre Projekte und keine internationale Vernetzung, obwohl US-Forscher Abtragungen von Berggipfeln in den USA bereits wissenschaftlich begleitet haben. Forschungsbudgets würden mit falschen Schwerpunkten ausgeschrieben, weshalb wichtige Aspekte gar nicht untersucht werden.

"Minimale Forderungen"

Die chinesischen Wissenschaftler formulieren deshalb folgende "minimale Forderungen": Bei Erdbewegungen müsse der Boden befeuchtet werden. Blanke Erdflächen müssen so schnell wie möglich wieder bepflanzt werden, um Erosion und in Folge Muren zu verhindern. Und Bauern, die ihr Land verlieren, müssen entschädigt werden.

Wie in der alten Fabel bewegt China derzeit wirklich Berge - "bis wir mehr über die Konsequenzen wissen, bitten wir die Regierung dringend, wissenschaftliche Beratung zu suchen und mit großer Vorsicht vorzugehen", heißt es im "Nature"-Kommentar abschließend.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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