Standort: science.ORF.at / Meldung: "Brasilien "Weltmeister der CO2-Reduktion""

Regenwald und blauer Himmel

Brasilien "Weltmeister der CO2-Reduktion"

Zwar wurden auch im Vorjahr knapp 6.000 Quadratkilometer Regenwald in Brasilien abgeholzt. Vor einem Jahrzehnt waren es aber drei- bis viermal so viel. Ein ganzes Bündel an Maßnahmen habe dazu geführt, berichten Forscher. Fußballweltmeister sei Brasilien zwar noch nicht, aber "Weltmeister in Sachen CO2-Reduktion" schon jetzt.

Umwelt 06.06.2014

"Es ist bekannt, dass Brasilien als einer der Favoriten in die beginnende Fußball-WM geht", sagt Daniel Nepstad, Hauptautor eines in "Science" erschienenen Artikels und Leiter des Earth Innovation Institute. "Aber es führt auch weltweit bei dem Versuch, den Klimawandel abzuschwächen."

Der Review:

"Slowing Amazon deforestation through public policy and interventions in beef and soy supply chains " von Daniel Nepstad und Kollegen ist am 5.6.2014 in "Science" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 6.6., 13:55 Uhr.

Zwischen 2005 und 2013 wurden 86.000 Quadratkilometer Regenwald verschont - das entspricht der Größe Österreichs bzw. jener von 14 Millionen Fußballfeldern, wie die Forscher anlässlich der WM ausgerechnet haben. "3,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid wurden der Erdatmosphäre damit erspart", erklärt Claudia Stickler, eine Mitautorin des Artikels, gegenüber science.ORF.at. "Das ist so viel wie jene Menge des Treibhausgases, die sich die EU ersparen würde, wenn drei Jahre lang kein Auto und keine Bahn fahren und auch kein Flieger fliegen würde."

Lange Zeit zahnlose Gesetze

Rund 3,6 Millionen Quadratkilometer umfassen die Regenwaldgebiete Brasiliens. Wie viel davon in der Vergangenheit gerodet wurden, ist unklar: Die ersten offiziellen Abholzungsstatistiken stammen laut Stickler von 1988. In den frühen 90er Jahren betrug der jährliche Waldverlust aber zwischen 10.000 und 15.000 Quadratkilometer. "Die Hauptursachen waren damals Maßnahmen der Regierung, etwa weil neue Straßen oder Siedlungen gebaut wurden", sagt Stickler.

Mitte der 90er Jahre sollte sich das ändern. Nicht zuletzt wegen des in Europa grassierenden Rinderwahnsinns wuchs die internationale Nachfrage nach Soja und Rindern aus Brasilien stark an. Bis zu 30.000 Quadratkilometer Regenwald wurden deshalb bis 2004 für Ackerbau oder Viehzucht pro Jahr "freigemacht".

Zwar hat es schon damals Gesetze zum Schutz des Urwalds gegeben. Diese waren aber so streng, dass sich so gut wie niemand daran gehalten hat. "Die Profite von Soja waren in der Phase so hoch, dass die Strafen quasi als Teil der Produktionskosten galten. Es gab keine Anreizsysteme, sondern bloß Strafen", erklärt Stickler.

Deutliche Reduktion ab 2005

Im Zeitraum zwischen 2005 und 2007 führten mehrere parallele Entwicklungen zu einer deutlichen Änderung des Trends. Zum ersten fielen die Weltmarktpreise für Soja, was die Verlockung von weiteren Anbauflächen reduzierte. Zum zweiten wurden unter der linksgerichteten Regierung von Präsident Lula die Gesetze geändert und ein neues Überwachungssystem eingeführt, das via Satellit schnell über den Verlust von Regenwald informierte und damit die Strafverfolgung vereinfachte. Drittens wurde 2006 ein - von Greenpeace initiiertes - "Soja-Moratorium" beschlossen: Soja aus neuer Urwaldzerstörung wurde seither von den Großhändlern nicht mehr auf den Markt gebracht.

All das hat dazu geführt, dass 2007 "nur noch" rund 10.000 Quadratkilometer neuer Urwald abgeholzt wurde. In den Jahren danach wurde die Zerstörung sogar noch einmal halbiert. Und das obwohl die Nachfrage nach Soja und Rindfleisch wieder deutlich zunahm, die Preise anstiegen und auch tatsächlich deutlich mehr produziert wurde.

Einer der Gründe waren neue lokale Politikansätze. So wurden weniger die individuellen Urwaldzerstörer verfolgt, sondern es gerieten größere Einheiten ins Visier: War in bestimmten Landkreisen die Abholzungsrate besonders hoch, wurde allen Großgrundbesitzern dieses Landkreises der Zugang zu Krediten verwehrt. Dies stimulierte gemeinschaftliches Handeln. "Anreize statt Strafen", so lautet auch das Motto des Amazonas-Funds, der mit der großzügigen Spende von einer Milliarde US-Dollar durch die norwegische Regierung eingerichtet wurde.

Trotz Anstieg bald gar keine Abholzung mehr?

Die Tendenz ist also sehr erfreulich, im Vorjahr ist die Anzahl der neu zerstörten Regenwaldgebiete aber wieder leicht gestiegen. Die Ursachen dafür sind vielfältig, sagt Claudia Stickler. Zum einen stiegen die Profite aus Sojaproduktion und Rinderzucht wieder stark an. Zum anderen waren auch nicht alle Großbauern mit dem Soja-Moratorium zufrieden.

Eine generelle Trendumkehr sieht die Umweltforscherin aber nicht. "Auch wenn des Moratorium Ende des Jahres ausläuft: Es gibt bereits Gespräche zwischen den Soja-Käufern und -Verkäufern, und ich denke, sie werden sich einigen - auf den Konsens, die Abholzungsraten nicht wieder steigen zu lassen, sondern vielleicht in ein paar Jahren sogar auf Null zu reduzieren Solch eine freiwillige Vereinbarung wird besser funktionieren als Gesetze."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: