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Außenskelett für Querschnittgelähmte: Aufnahme der Beine

Ankick mit Roboteranzug

Wissenschaftler starten bei der Fußball-WM in Brasilien eine gewagte Demonstration. Ein querschnittgelähmter Brasilianer in einem Roboteranzug soll den ersten Ball des Turniers schießen.

Fussball-WM 11.06.2014

Roboterbeine aus Stahl, Titan und Aluminium sind außen an die Extremitäten des Patienten geschnallt; Elektroden unter einem Helm erfassen die Gehirnströme, mit denen das Exoskelett gesteuert werden soll.

Ruhm oder Blamage?

Der Roboterforscher Gordon Cheng aus München und der brasilianische Neuroforscher Miguel Nicolelis hätten vermutlich kein anderes Ereignis finden können, das so eine Medienwirksamkeit hat. 70.000 Menschen im Stadion, an den Bildschirmen hunderte Millionen. Sie werden dem Anpfiff entgegen fiebern und einem Querschnittgelähmten dabei zusehen, wie er aus dem Rollstuhl aufsteht, einige Schritte auf dem grünen Rasen zum Fußball geht und diesen dann wegschießt.

Bewegliches Außenskelett mit und ohne menschlichem Körper

Gordon Cheng

Gordon Cheng präsentiert das Außenskelett aus seinem Labor

Ein gewagtes Experiment, bestätigt Margit Gföhler von der TU Wien, sie und ihr Team beschäftigen sich seit Jahren mit der Konstruktion von Exoskeletten: "Das Spannende daran ist, dass der aktuelle Stand der Wissenschaft unter mehreren Aspekten kombiniert wird. Es wird dabei dargestellt, was momentan möglich ist, auf dem Gebiet der Robotik einerseits, und dem der Medizin andererseits.“

Komplexe Gedankensteuerung

Gesteuert werden soll der Roboteranzug vom querschnittgelähmten nur durch seine Gedanken, sagt Gföhler: "Also über ein Brain-Computer-Interface, über das die Gehirnströme dann die Bewegung steuern oder zumindest triggern."

Besonders komplex sei für die Wissenschaftler die Frage des Gleichgewichthaltens, denn im schlimmsten Fall könnte der Querschnittgelähmte samt seines Exoskeletts umfallen und schwere Knochenbrüche erleiden. "Es können Störungen, welcher Art auch immer auftreten. Das ist bei der Gleichgewichtsregulierung recht anspruchsvoll. Ich habe gelesen, dass sogar Airbags eingebaut sind, für den schlimmsten Fall", so Gföhler.

Man braucht gute Nerven

Wer tatsächlich in dem Roboteranzug stecken wird - ist bis jetzt nicht bekannt. Acht junge Brasilianer zwischen 20 und 40, darunter zwei Frauen, haben in den letzten Monaten für diesen Auftritt trainiert, der oder die, die im wahrsten Sinne des Wortes die besten Nerven hat, wird wohl ausgewählt werden.

"Das System funktioniert bei manchen Menschen besser, bei manchen weniger gut, dann kommt natürlich die Aufregung dazu - eine Liveübertragung mit Millionen Menschen, die zuschauen; die Gehirnströme sollten ja nicht durch Aufregung beeinflusst werden, wenn möglich", erklärt sagt die Exoskelett-Spezialistin.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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