Standort: science.ORF.at / Meldung: "Zu viel Talent ist auch nicht gut"

zwei Spieler kämpfen um einen Fußball

Zu viel Talent ist auch nicht gut

Aktueller Beitrag der Wissenschaft zur WM: Talentierte Einzelspieler fördern die Mannschaftsleistung - doch es kann auch zu viel des Guten sein, wie Statistiken zeigen. Reine Starensembles sind meist weniger erfolgreich.

Statistik 16.06.2014

Manchmal ist es schon erstaunlich, dass Mannschaften mit exzellent bestücktem Kader bei Großereignissen nicht und nicht zum Erfolg kommen wollen. Argentinien hat in den letzten Jahren etwa das Kunststück fertig gebracht, trotz der vielleicht besten Offensive - angeführt vom mehrmaligen Weltfußballer Lionel Messi - bei Weltmeisterschaften mehr oder minder zu versagen. Das mag eine Laune der Fußballgeschichte sein, vielleicht hat es auch mit dem "Zu-viel-Talent-Effekt" zu tun.

Optimal: Drei Viertel Top-Talente

Der Begriff stammt von Roderick Swaab. Der Organisationsforscher von der Insead-Wirtschaftsuniversität im französischen Fontainebleau hat soeben die letzten beiden Fußball-WM-Qualifikationen ausgewertet und kommt zu dem Schluss:

Außergewöhnlich talentierte Spieler sind für die Teamperformance - gemessen an erzielten Punkten - grundsätzlich ein Vorteil. Bis zu einem Anteil von gut 70 Prozent Top-Talenten im Team steigt die Leistungskurve an. Liegt der Anteil noch höher, fällt sie allerdings wieder ab.

Ähnliche Zusammenhänge ließen sich auch für Basketballmannschaften nachweisen, schreiben Swaab und seine Mitarbeiter im Fachblatt "Psychological Science". "Talent" definieren die Forscher über den Arbeitgeber. Ist ein Spieler für einen Elite-Club tätig, gilt er der Studie zufolge auch als besonders talentiert, wobei sich die Club-Elite wiederum über das Budget definiert. Kurzum: Kapital und Qualifikationspunkte sind in dieser Untersuchung die fundamentalen Größen. Geld schießt zwar Tore, das zeigt auch diese Studie, aber eben nicht unbegrenzt.

Gilt nicht für Baseball

Warum zu viele Top-Spieler einen hemmenden Effekt auf das Gesamtgefüge ausüben, erklären die Forscher mit ihrer (mangelnden) Fähigkeit, sich dem Team unterzuordnen. Stehe der Individualismus über dem Team, falle das Kollektiv früher oder später auseinander, selbst wenn dieses aus exzellenten Bausteinen besteht.

Dass an dieser Deutung etwas dran sein könnte, zeigt eine Statistik aus dem Bereich Baseball - eine Sportart, in der die Einzelspieler viel weniger voneinander abhängig sind. Baseball ist, schrieb der US-Sportkolumnist Bill Simmons vorletztes Jahr, "eine Individualsportart, die sich als Mannschaftsport maskiert". Die Statistik pflichtet ihm bei. Laut Swaab lässt sich beim Baseball nämlich kein "Zu-viel-Talent-Effekt" nachweisen. Baseball-Mannschaften sind umso stärker, je stärker die Einzelspieler sind.

Robert Czepel, science.ORF.at

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