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Weltkugel umringt von Figuren im Kreis

"Demokratie geht nur angstfrei"

"Demokratie kann nur existieren, wenn sich die Menschen angstfrei verhalten", sagt der deutsche Sozialphilosoph Oskar Negt. Der Abbau des Sozialstaats gefährde daher die Demokratie und spiele den nationalistischen Parteien in allen Ländern in die Hände - wie auch an den vergangenen EU-Wahlen zu sehen gewesen war.

Sozialphilosophie 18.06.2014

Die Einigkeit Europas sei bedroht, so Negt im science.ORF.at-Interview, wenn z. B. weiter an Arbeitslosengeld oder im Bildungsbereich gespart werde. Nicht nur eine sozial gerechtere Politik sei deshalb nötig, sondern eine, die insgesamt näher an den Interessen der Menschen ist.

Ein Punkt liegt dem ehemaligen Studenten von Theodor W. Adorno und langjährigem Assistenten von Jürgen Habermas besonders am Herzen: die politische Bildung.

science.ORF.at: Deutschland hat am Montag 4:0 gegen Portugal gewonnen, haben Sie das verfolgt? Interessieren Sie sich prinzipiell für Fußball?

Porträtfoto des Sozialphilosophen Oskar Negt

APA - Andreas Pessenlehner

Oskar Negt ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Universität Hannover und derzeit Fellow am IFK in Wien.

Links:

Ö1 Sendungshinweise:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 18.6., 13:55 Uhr, am 22.6, folgt eine Ausgabe der Sendung "Menschenbilder" unter dem Titel ""Keine Demokratie ohne Demokraten" - der Sozialphilosoph Oskar Negt".

Veranstaltung:

Am 18. Juni 2014, 19 Uhr, hält Oskar Negt die Wiener Vorlesung "Bildung und Wissenschaft im aktuellen Europa. Ein Gehäuse der Hörigkeit?"
Ort: Wiener Rathaus, Festsaal, Feststiege II, Felderstraße 1, 1010 Wien

Oskar Negt: Nicht besonders, das Spiel habe ich auch nicht gesehen, weil ich gerade auf einer Buchpräsentation in Kärnten war. Eigentlich interessiere ich mich im Fußball nur für Hannover 96, aber die verlieren häufig und stehen oft an der Grenze zum Abstieg (lacht) - für mich ist das Teil eines Lokalpatriotismus, da ich ja in Hannover lebe.

Bei einer WM spielen Nationalmannschaften: Haben Sie das Gefühl, dass sich in Deutschland in den vergangenen Jahren etwas geändert hat in Sachen "Fußballnationalismus"?

Ich denke, der Widerspruch zwischen dem, was man als nationale Mannschaft betrachtet, und der Zusammensetzung der Fußballspieler, wird immer radikaler. Das sind nicht mehr alle gebürtige Deutsche, sondern sie oder ihre Eltern kommen aus verschiedenen Ländern. Wenn sich im Fußball zeigt, dass z.B. Leute aus Ghana in der deutschen Mannschaft spielen, denken die Menschen vielleicht auch sonst über ihre Vorurteile gegenüber fremden Menschen nach. In diesem Sinne betrachte ich den Fußball als Experimentierfeld des Umgangs mit dem Fremden.

Ähnliche Diskussionen gab es in Frankreich schon früher, das 1998 mit einer sehr bunten Mannschaft Weltmeister geworden ist. Dennoch hat der Front National eben die Europawahlen gewonnen. Es schließt sich also nicht aus, eine ethnisch diverse Nationalmannschaft zu haben und gleichzeitig sehr rechts und national zu wählen …

Die Vorurteilsstrukturen liegen viel tiefer. Viele Menschen haben heute Angst, etwas zu verlieren. Europa ist für sie im Augenblick etwas, das ihre Interessen und Bedürfnisse nicht ernst nimmt. Und die Rechtsradikalen profitieren von den Löchern der gegenwärtigen Europapolitik.

Worin sehen Sie die Hauptlöcher?

Kein soziales Problem ist gelöst. Die Forderung nach Gerechtigkeit, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit - in Spanien und anderen Ländern sind 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos - das sind Themen, die alle liegengeblieben sind. Wenn man die Weimarer Republik betrachtet, waren genau diese Themen der Rohstoff, den die Nazis verarbeitet haben. Der sozialdarwinistische Überlebenskampf führt dazu, dass der Angstrohstoff einer Gesellschaft wächst. Das ist heute in beträchtlichem Ausmaß der Fall, und davon profitieren die Rechtsradikalen aller Schattierungen. Wenn nicht eine radikale Veränderung der Blickrichtung der europäischen Einheitspolitik stattfindet, wird dieses Europa auseinanderbrechen.

Was könnte man dagegen tun?

Die Europapolitik von der Ebene der Verfassung und der Institutionen runterbringen auf die Ebene, die die Lebensverhältnisse der Menschen betrifft. Mehr in Bildung investieren anstatt immer nur auf Wachstum zu setzen, in der Hoffnung, dass es Arbeitsplätze schafft. Auch politische Bildung halte ich im europäischen Zusammenhang für existenziell. Die Demokratie ist die einzige staatlich verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss. Und das bedeutet: in den Schulen Demokratie lernen, umgehen mit Autoritäten, Kritikfähigkeit entwickeln. Viele Dinge, die nachhaltiger sind als die Sanierung von Banken.

Die Bankenrettung hat für die Menschen etwas Bedrohliches an sich. Wenn da Garantieschirme von 500 Milliarden Euro aufgespannt und ganze Staatshaushalte verpfändet werden, macht sich der einfache Mensch Sorgen. Er fragt sich: Was bitte soll das, wenn zugleich um ein paar Euro bei den Sozialleistungen gefeilscht wird? Die politischen Maßverhältnisse sind gestört, und um das rückgängig zu machen, müssen sich die öffentlichen Diskurse verändern. Sie müssen sich wieder auf die Lebensverhältnisse der Menschen beziehen.

Warum liegt Ihnen die politische Bildung besonders am Herzen?

Weil sie ein wesentliches Element für den Erhalt Europas ist. Nationen, die sich über 500 Jahre eigenständig entwickelt haben, eigene Kulturen geschaffen haben, sind nicht einfach durch Geld - ein kaltes Medium - zu vereinbaren. Was haben etwa die Portugiesen mit den Esten zu tun? Ich habe das einmal untersucht und gezeigt, dass die Kontakte zwischen Portugal und Estland in der Zeit der Hanse intensiver waren als heute. D.h. es müssen Lernprozesse auch zwischen den einzelnen Nationen stattfinden.

Ich betrachte das Einigungsbestreben in Europa als großes historisches Lernprojekt. Natürlich gibt es da sehr unterschiedliche politische Strukturen, und die Entwicklung ist auch nicht linear auf Demokratie gerichtet. Es gibt auch autoritäre Linien, die wiederbelebt werden, wie etwa im heutigen Ungarn unter Viktor Orbán. Aber Europa als historisches Lernprojekt zu betrachten, bedeutet auch, darauf zu verweisen, dass z.B. der Sozialstaat eine Reaktion auf Faschismus und Krieg gewesen ist. Damals wurde gesagt: Eine Demokratie kann nur existieren, wenn sich die Menschen angstfrei verhalten können. Die Beseitigung der Existenzangst ist ein wesentliches Mittel, um demokratische Strukturen haltbar zu machen.

D.h., wenn man den Sozialstaat abbaut, ist das eine Gefahr für die Demokratie?

So ist es. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Plünderung des Sozialstaats die Angstquellen in der Gesellschaft vergrößert. Den Menschen wird suggeriert, dass sie die Demokratie nicht als ihre Schutzverfassung betrachten, sondern als etwas, das zu kostspielig und aufwändig ist. Deshalb die Neigung - auch hier in Österreich - zu einer Führerstruktur, die besser erscheint als die Umständlichkeit der Demokratie. D.h. wenn Europa verknüpft ist mit der Enttäuschung über demokratische Prozeduren, die nicht zur Humanisierung der Gesellschaft führen, hat das erhebliche Folgen auf seine Entwicklung. Europa bildet sich dann auf einer rechtspopulistischen Basis der Ängste und der Ausgrenzung des Fremden.

Sie haben sich ein Leben lang für Demokratie, soziale Gerechtigkeit eingesetzt: Wie hängt das mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte zusammen?

Ich bin 1934 in Ostpreußen geboren, gehöre zur Generation der "Davongekommenen". Mit zehn Jahren musste ich flüchten. Zusammen mit zwei älteren Schwestern bin ich dann acht Wochen lang in der Festung Königsberg festgehalten worden. Königsberg war im Jänner 1945 eine Totenstadt, auf Schritt und Tritt lagen Tote herum. Im Grunde bildete sich bei mir schon damals der Gedanke: So etwas darf nicht wieder kommen. Das ist ein Motiv in meinem Denken, dass es keine Alternative gibt zu einem humanen, demokratischen Europa. Denn das, was Faschismus und autoritäre Systeme den Menschen antun, haben diese nicht verdient. Das ist ein roter Faden in meiner Biografie von frühester Kindheit an.

Wie prägend waren Ihre Eltern?

Ich bin in einer Kleinbauernwirtschaft aufgewachsen, wir waren sieben Kinder. Ich hatte sehr liberale Eltern, mein Vater war Sozialdemokrat seit dem Arbeiter- und Soldatenrat von 1918. Meine Kindheit verlief bis zur Flucht 1945 sehr glücklich, und die liberalen Erziehungsprinzipien meiner Eltern haben mein Leben bestimmt. Ich habe diese Prinzipien später mit Gründung der Glockseeschule in Hannover selbst praktiziert - eine antiautoritäre Kuriosität, weil sie als Alternativschule vollstaatlich finanziert ist. Erziehung beginnt sehr früh, auch die politische Urteilsbildung beginnt im Grunde schon in den Kindergärten. Nicht im Sinne von Indoktrination, sondern im Entstehen von Kritikfähigkeit, und da haben bei mir frühe Erfahrungen eine große Rolle gespielt.

Inwiefern?

Ich habe eine Flucht erlebt, danach drei Jahre in einem dänischen Flüchtlingslager mit Stacheldraht gelebt. Wir sind zwar gut versorgt und auch nicht gequält worden. Aber diese Erfahrung hat dennoch mein Denken geprägt, möglichst wenig in Lagern zu denken. Wenn ich über mein Leben nachdenke - im Gegensatz zu anderen lebe ich noch, viele andere sind nicht mehr aus Königsberg rausgekommen, tausende sind in der Ostsee ertrunken - hat sich gezeigt, dass sich bei mir ein kategorischer Imperativ herausgebildet hat: So etwas darf nicht wieder geschehen, und das geht nur über ein solidarisches Europa.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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