Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Nur fünf Prozent der Meere sind erforscht""

Ein moderner Trawler auf hoher See.

"Nur fünf Prozent der Meere sind erforscht"

Am 21. Juni ist für Meeresforscher ein besonderer Tag: Im Rahmen des "Ocean Sampling Day" nehmen Hunderte Wissenschaftler aus aller Welt Wasserproben, um endlich mehr über das Leben der Mikroorganismen zu erfahren.

Ozeanforschung 20.06.2014

Die ersten meereskundlichen Expeditionen fanden bereits im 17. Jahrhundert statt, angesichts dieser langen Tradition könnte man erwarten, dass die Weltmeere bereits bestens erforscht wären. Das mag vielleicht für die obersten 20 bis 30 Meter des Wasserkörpers gelten, sagt Frank Glöckner vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen. Was unter dieser Oberflächenschicht passiert, sei indes weitgehend unbekannt. "In Bezug auf das gesamte Volumen kennt man vielleicht fünf Prozent der Meere, mehr nicht."

Um das zu ändern, hat Frank Glöckner vor drei Jahren eine Initiative gestartet. Der "Ocean Sampling Day" war ursprünglich als ganz normales Forschungsprojekt geplant. 32 Partner sollten gleichzeitig an über die Weltmeere verteilten Stellen Wasserproben nehmen, um auf diese Weise ein möglichst reichhaltiges Bild der Physik und Biologie der Ozeane zu erhalten.

"Sauerstoff stammt von Mikroorganismen"

Als der Forscher vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie sein Projekt bei Konferenzen vorstellte, war das Interesse an derlei kollaborativer Forschung, wie man sie bislang eher aus der Physik und der Genetik kannte, groß.

Und als er sein Projekt auch im Internet bewarb, via Website, Facebook und Twitter, explodierte die Zahl der Teilnehmer aus der Community. Mittlerweile haben 500 bis 600 Forscher angekündigt, Proben zum "Ocean Sampling Day" beizusteuern.

Sendungshinweis

Über den "Ocean Sampling Day" berichtet auch "Wissen aktuell", 20.6.2014, 13:55 Uhr.

Fluoreszierende Bakterien und digitale Daten - Nullen und Einsen

Ocean Sampling Day

Ocean Sampling Day - Theorie: Aus Einzellern werden Genomdaten

Das Hauptaugenmerk der Analysen wird sich auf die "mikrobielle Diversität" richten, wie Glöckner gegenüber science.ORF.at erzählt: Bakterien und andere Einzeller - das seien jene Organismen, über die man am allerwenigsten weiß, obwohl sie ökologisch betrachtet die Grundlage des marinen Lebens sind.

"Die Mikroorgansimen im Ozean sind diejenigen, die praktisch alle Auf- und Abbauprozesse im Meer durchführen. Nur um ein paar Zahlen zu nennen: Ungefähr 70 Prozent des Sauerstoffes, der auf der Erde produziert wird, stammt von Mikroorganismen. Etwa die Hälfte des Kohlendioxids, das wir produzieren, wird im Meer aufgenommen und von Mikroorgansimen in Biomasse umgewandelt. Damit sind sie auch der Ausgangspunkt für jede Art von höherem Leben im marinen System."

Rechtlicher Hürdenlauf

Die Proben werden am MPI in Bremen gesammelt und analysiert, die Gensequenzen werden schon im November vorliegen, erste Interpretationen der Daten wohl Anfang des Jahres. Dann wird man zumindest ausschnittsweise wissen, welche Art von Zellen die globalen Stoffkreisläufe im Meer antreiben.

Forscher auf einem Schiff

Ocean Sampling Day

Ocean Sampling Day - Praxis: Probenentnahme auf hoher See

Mehr als 500 Forscher unter einen Hut zu bekommen ist übrigens rechtlich keine ganz triviale Angelegenheit. Denn der Ausfuhr von Wasserproben inklusive Biomasse muss vom betroffenen Land genehmigt werden, andernfalls würde man sich der Biopiraterie schuldig machen. Juristisch geregelt werden solche Fragen durch die Biodiversitäts-Konvention und das Nagoya-Protokoll. Letzteres soll demnächst von der EU ratifiziert werden.

Trotz des Willens zur internationalen Harmonisierung kann es sich bei den Genehmigungen auch spießen. China, Russland und Indien werden an dem Projekt etwa nicht teilnehmen, wie Glöckner erzählt. "Es lag nicht an den Forschern. Die wären sehr daran interessiert gewesen. Aber die Regierungen haben die Genehmigungen nicht erteilt." Warum? "Darüber kann ich bloß spekulieren. Vielleicht will man verhindern, dass Informationen nach außen dringen, die man lieber für sich behält."

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: