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Zwei brasilianische Fußballer, Thiago Silva und Marcelo, singen inbrünstig die Hymne ihres Landes

Die Bedeutung der Musik

Nationalhymnen vor Beginn, "Schlachtgesänge" während des Spiels und jede Menge Poplieder: Musik spielt auch bei der Fußball-WM in Brasilien eine wichtige Rolle. Der österreichisch-brasilianische Musikwissenschaftler Igor Lintz-Maués meint, dass sie oft im Dienst herrschender Politik steht.

Fussball-WM 25.06.2014

Doch er nennt auch Gegenbeispiele: aus der eigenen Vergangenheit als Komponist bis zum "Soundtrack" der sozialen Protestbewegung, die sich vor einem Jahr in Brasilien gebildet hat.

Geplante und spontane Songs

Den offiziellen WM-Song "We are one" von Pitbull, Jennifer Lopez und Claudia Leitte kennt der Komponist und Klangkünstler Igor Lintz-Maués nicht. "Obwohl ich die Eröffnung gesehen habe, bei der das Lied gespielt wurde. Aber die Tonqualität war so schlecht." Einen besonders hochwertigen Kunstgenuss hat Lintz-Maués nicht verpasst. Wohlklingender scheint schon das Lied "Tá Escrito" der Grupo Revelação, das das brasilianische Fußballteam zu ihrer inoffiziellen WM-Hymne gekürt hat.

Zur Person:

Der österreichisch-brasilianische Komponist und Klangkünstler Igor Lintz-Maués bei einer Performance

Richard K. Szabo, 2011

"Igor Lintz-Maués" ist Assistenz-Professor am Institut für Komposition und Elektroakustik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 25.6., 13:55 Uhr.

Der österreichisch-brasilianische Komponist und Klangkünstler Igor Lintz-Maués bei einer Performance

Staffan Mossenmark, 2011

Igor Lintz-Maués bei einer "Intervention im öffentlichen Raum"

Sehr ironisch, aber auch voller Ehrfurcht ist "Corrido de Memo Ochoa", mit dem ein mexikanisches Trio seinem Torhüter Guillermo Ochoa spontan während der WM huldigte. Ochoa hatte im Spiel gegen Brasilien wahre Wundertaten vollbracht und kein Tor zugelassen.

Auch diese Lieder kennt Lintz-Maués kaum, die moderne Popmusik ist seine Sache nicht. Der Assistenz-Professor am Institut für Komposition und Elektroakustik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) sieht dennoch eine Reihe von Anknüpfungspunkten zwischen Fußball und Musik. Nicht nur, aber auch biografische: 1955 in São Paolo geboren, nahmen in seine Eltern als Kind zu einigen Spielen ins Stadion mit. "Wir haben da wie viele andere Sambarhythmen auf einem Schlagzeug gespielt", erinnert sich der Komponist, der seit Ende der 80er Jahre in Wien lebt.

Fußball? Naja …

Einige Jahre zuvor war er in Brasilien Mitglied der Band "Premeditando Breque" und komponierte dabei u.a. das Stück "Grande Coisa", was so viel heißt wie "Naja". Ein Ausdruck, der die heutige Einstellung von Lintz-Maués gegenüber dem Fußball vielleicht am besten charakterisiert. Er verfolgt zwar die Spiele Brasiliens bei der aktuellen WM. Aber generell ist er von der Veranstaltung - Stichwort: Kommerzialisierung durch die FIFA - wenig angetan. Die politische Bedeutung des Sports, die dieser gerne abstreitet, steht bei dem Komponisten im Vordergrund.

Das war schon bei "Naja" der Fall. "Bei dem Stück geht es um ein Fußballmatch. Es beginnt mit brasilianischen Hymnen, wir haben das aber total falsch gespielt und mit ganz billigen Instrumenten. Wie bei einem Fußballspiel gibt es einen Reporter, der Dinge sagt wie: 'Das Spiel läuft nach rechts, eigentlich sollte es nach links gehen.'" Ein Wortspiel, das mit dem Geschehen auf dem grünen Rasen und politischen Gesinnungen hantiert.

Hintergrund: In jener Zeit wurde Brasilien von einer Reihe rechtsgerichteter Präsidenten regiert, die Militärdiktatur dauerte bis Mitte der 80er Jahre. Während die Gruppe "Premeditando Breque" von Lintz-Maués ihre subersiven Lieder spielte, unterstützten die Militärs nationalistische Lieder für die Massen.

Ausdruck nationalistischer Politik

Schon die Entstehungsgeschichte der "Fußballgroßmacht Brasilien" sei politisch motiviert gewesen, sagt Lintz-Maués. Der Diktator Getúlio Vargas, der Brasilien zwischen 1930 und 1955 rund 20 Jahre lang regierte, setzte - neben Samba und Karneval - auch auf den Fußball, um sich bei seiner Bevölkerung beliebt zu machen.

"Ganz im Sinne von 'Brot und Spiele' unterstützte er die Sambaparaden, die nach dem Vorbild von Militärparaden eingeführt wurden und die wir heute noch kennen. Das gleiche gilt auch für den Fußball, den Vargas im Gegensatz zu anderen Sportarten stark gefördert hat, etwa durch den Bau großer Stadien."

Vargas' Favorit unter den Komponisten sei Heitor Villa-Lobos gewesen. "Da haben Musikchöre mit 1.000 Personen im Stadion gesungen. Das war dieser große Wahn, einen Sport und eine Kultur zu entwickeln, die diese Diktatur unterstützt", schildert Lintz-Maués.

Anarchische Fußballsymphonie

Einen ganz anderen - viel anarchischeren - Zugang hat der Komponist Gilberto Mendes gewählt, einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik Brasiliens und einer der Lehrer von Lintz-Maués. Mendes stammt aus Santos, der Hafenstadt in der Nähe von São Paolo und Heimat von Fußballlegende Pelé. "Mendes ist ein großer Fan des FC Santos."

Nicht zuletzt deshalb hat er die "Santos Football Music" komponiert, eine etwas andere Fußballsymphonie. "Es geht dabei zu wie bei einem Fußballmatch. Das Publikum wird mit einbezogen, es wird aufgefordert zu pfeifen, zu reklamieren und zu schreien."

Wie ein entsprechendes YouTube-Video zeigt, finden bei den Aufführungen auch weitere Bestandteile des Spiels - Bälle, Tore, rote Karten - Eingang in das Stück. Beendet wird es ganz genretypisch mit dem Abpfiff des Dirigenten - wobei sich nicht alle Mitspieler daran halten. Während die meisten Musiker den Raum verlassen, spielen einige einfach weiter.

Kunst im öffentlichen Raum

Mit einem derartigen Crossover von Musik und Fußball kann Igor Lintz-Maués selbst nicht aufwarten. Er beschäftigt sich in erster Linie mit der elektroakustischen Ausbildung am mdw-Institut, die vergangenes Wochenende ihr 50-Jahr-Jubiläum gefeiert hat. Sein besonderes Interesse gilt der Kunst im öffentlichen Raum. Als Gründer des Wiener Geräuschorchesters hat er schon oft "Interventionen im öffentlichen Raum" gemacht.

Was da genau passiert? "Wir tragen z.B. Lautsprecher an unseren Körpern und legen uns in einer Stadt in die Mitte einer Straße. Wir spielen dabei Vogel- oder Naturgeräusche, und das soll die Leute dazu bewegen, einmal eine Minute Pause zu machen." Mit Fußball hat das zwar nichts direkt zu tun, eine Art aktueller "WM- Melodien" sieht Lintz-Maués dennoch "verwandt": die Musik, die sich im Rahmen der Protestbewegung gegen eben diese in Brasilien gebildet hat. Ein Beispiel ist der Rap "Não Vai Ter Copa", was so viel heißt wie: "Die WM wird es nicht geben."

Sollte er selbst einmal ein Stück über Fußball komponieren - was nicht sehr wahrscheinlich ist -, dann sollte es alle Bestandteile des Spiels ausdrücken, sagt Lintz-Maues: sowohl die positiven, etwa die Freude am Spiel, als auch die negativen, wie z.B. die wirtschaftliche Ausbeutung des Fußballs.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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