Standort: science.ORF.at / Meldung: "1000 v. Chr.: Rechensteine trotzten der Schrift"

Zwei der gefundenen Tokens

1000 v. Chr.: Rechensteine trotzten der Schrift

Vor den ersten Schriftzeichen hat der Mensch andere Hilfsmittel verwendet. Kleine Stücke aus Ton halfen beispielsweise beim Zählen und Rechnen. Bisher dachte man, dass diese Rechensteine mit Erfindung der Schrift verschwanden. Neue Ausgrabungen legen nahe, dass beide Systeme noch Tausende Jahre parallel existiert haben müssen.

Archäologie 14.07.2014

Mit Tonstücken rechnen

Etwa 3000 vor Chr. entwickelten die Sumerer im alten Mesopotamien die Keilschrift. Aber schon zuvor wurden in der ältesten Hochkultur der Menschheitsgeschichte Hilfsmittel zur Dokumentation und vor allem für die Buchhaltung und den Handel verwendet. Unterschiedlich geformte kleine Tonstücke erleichterten die Buchführung.

Die Studie im "Cambridge Archaeological Journal":

"Artefacts of Cognition: the Use of Clay Tokens in a Neo-Assyrian Provincial Administration" von John MacGinnis et al., erschienen am 13. Juli 2014.

Es existieren mehrere Theorien, welche Bedeutung die Form der sogenannten Tokens oder Calculi gehabt haben könnte. Eine geht davon aus, dass sie unterschiedliche Handelsgüter repräsentiert haben, z.B. Ziegen oder Weizen. Bei der Geschäftsabwicklung wurde dann die entsprechende Anzahl an Rechensteinen getauscht.

Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu den ersten Schriftzeichen der Keilschrift glauben andere Forscher, dass die Formen für Zahlenwerte gestanden sein müssen. Nach dieser Theorie soll etwa ein kegelförmiger Token eine Einheit Getreide repräsentiert haben und ein Zylinder ein Tier. Die begriffliche Zuordnung wäre dann indirekt erfolgt, indem man die Formen in benannten Behältern sammelte, also in einem eigenen Sack für Kühe, einem für Weizen, etc.

Noch lässt sich nicht klären, welche Vermutung richtig ist. Laut den Forschern um John MacGinnis von der britischen University of Cambridge fehlt dafür ein zweisprachiger Beleg, wie beispielsweise eine Tontafel, auf der die Bedeutung der Rechensteine festgehalten wurde.

Scheinbar verschwunden

Aber auch andere Fragen im Zusammenhang mit den Tokens sind noch offen, etwa die genaue zeitliche Einordnung. Die ersten einfachen Artefakte lassen sich bis 8000 v. Chr. zurückdatieren, offen ist aber, wie lange sie verwendet wurden. Bisher waren sich die meisten Archäologen einig, dass sie mit dem Aufkommen der Schrift verschwunden sind.

Dafür sprechen auch die bisherigen archäologischen Belege bzw. Nicht-Belege. Denn ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. werden die gefundenen Tonstücke immer weniger, bis sie ganz verschwunden sind. Das untermauert die Annahme, dass das System recht rasch von der Schriftlichkeit ersetzt wurde.

Parallele Buchführung

Ein Teil der in der Türkei ausgegrabenen Tokens

Ziyaret Tepe Archaeological Project

Einige der in der Türkei ausgegrabenen Tokens.

Archäologische Grabungen in der südöstlichen Türkei widersprechen dem nun. In Ziyaret Tepe, der Ausgrabungsstätte der altertümlichen Stadt Tušhan im Neuassyrischen Reich (ca. 750-620 v. Chr.), welches als das erste Großreich der Weltgeschichte gilt, wurde eine große Menge an Tokens gefunden, die aus dem letzten Jahrtausend v. Chr. stammen, schreiben John MacGinnis und seine Kollegen in ihrer soeben veröffentlichten Studie. Die Funde sind damit etwa 2.000 Jahre jünger als die ersten Keilschriftartefakte.

Die Tonstücke befanden sich in einem Verwaltungsgebäude. Neben den hunderten Tonstücken wurden auch Tontafeln mit Keilschriftaufzeichnungen, Gewichte und Tonsiegel ausgegraben. Vieles deutet den Forschern zufolge darauf hin, dass hier Waren ausgeliefert wurden, eine Art antike Verladerampe.

Vermutlich sind hier die Bauern aus dem Umland zum Handeln vorbeigekommen und die Tokens repräsentierten ihre Herden oder andere landwirtschaftliche Güter. "Die Informationen wurden wahrscheinlich vorerst in Form von Tonstücken ausgetauscht, bevor sie in den permanenten Aufzeichnungen landeten", mutmaßt MacGinnis.

Perfekte Ergänzung

Für die Forscher ist es nicht überraschend, dass die beiden Systeme solange nebeneinander existiert haben. Auch heute - in Zeiten der digitalen Textverarbeitung - schreibe man noch immer mit der Hand.

Neue Technologien bieten zwar für viele Dinge bessere Lösungen, in der Regel aber nicht für alle. Die Tokens waren im Vergleich zur Keilschrift viel flexibler und leichter zu handhaben, schreiben die Autoren. Informationen lassen sich mit ihrer Hilfe auch zeitlich begrenzt festhalten, anders als in den Inschriften auf den Tontafeln. Zudem konnten so auch Menschen, die die Schrift wenig oder kaum beherrschten, weiterhin am Handel teilnehmen.

Das rechnerisch fortgeschrittene Schriftsystem und die sehr flexiblen Tokens ergänzten sich demnach perfekt. Insgesamt ergab diese Kombination wohl ein hochentwickeltes buchhalterisches System.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: