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Gähnender Hund liegt am Strand

Wie aus wilden Tieren gezähmte werden

Im Vergleich zu ihren Artgenossen in der freien Wildbahn sind gezähmte Tiere ruhiger, sie haben oft eine andere Fellfarbe, ihre Zähne sind kleiner, die Ohren schlaffer. Über den biologischen Mechanismus, der dahinter steht, wird seit langem gerätselt - ein Forscher der Universität Wien hat nun eine umfassende Theorie vorgestellt.

Biologie 14.07.2014

Laut dem Evolutionsbiologen Tecumseh Fitch und seinen Kollegen liegt es an bestimmten Stammzellen, die in der Embryonalentwicklung entstehen und für alle Merkmale gezähmter Tiere verantwortlich sind.

Die Studie:

"The 'Domestication Syndrome' in Mammals: A Unified Explanation Based on Neural Crest Cell Behavior and Genetics" von Adam S. Wilkins und Kollegen ist am 14.7. in der Fachzeitschrift "Genetics" erschienen.

Seit Darwin eine ungelöste Frage

Schon für die Evolutionstheorie von Charles Darwin spielte das Phänomen der Zähmung eine wichtige Rolle. Aus seinen Beobachtungen in der Tierzucht schloss er, dass sich Tiere im Prozess der Domestikation in eine ähnliche Richtung entwickeln. Und zwar sowohl was ihr Verhalten betrifft, als auch ihren Körperbau und ihr Aussehen.

Seit Darwin wird über den Mechanismus der Zähmung gerätselt, empirische Überprüfungen sind aber aufgrund der langen Zeitreihen nicht ganz einfach. Das bisher längste Domestikationsexperiment wurde in den 50er Jahren in der damaligen Sowjetunion begonnen. Der russische Genetiker Dmitri Beljajew und seine Nachfolger erforschen seit damals die Zähmung wilder Füchse.

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder verschiedene Genmutationen für das Auftauchen neuer Eigenschaften oder Körpermerkmale entdeckt. Eine "Gesamttheorie" jenseits dieser Einzelphänomene gibt es bisher kaum. Eben eine solche haben nun der Evolutionsbiologe Tecumseh Fitch und seine Kollegen vorgestellt.

Entscheidende Stammzellen

Die Forscher glauben, dass alle Phänomene der Zähmung mit bestimmten Stammzellen zu tun haben - den sogenannten Neuralleistenzellen. Diese entstehen bei der frühen Entwicklung des Embryos von Wirbeltieren, bei Mäusen etwa elf Tage, bei Menschen rund 20 Tage nach der Befruchtung. "Diese Zellen sind sehr wichtig für den Kopf und das Gesicht, wo sie Kiefer, Zähne, Knochen und Knorpel bilden", erklärt Fitch gegenüber science.ORF.at.

Laut seiner Hypothese besitzen gezähmte Tiere entweder weniger von diesen Stammzellen oder ihre Verbreitung im sich entwickelnden Körper ist gestört. "Als die Menschen für die Zucht die zahmsten Tiere ausgewählt haben, könnten das unbeabsichtigt jene gewesen sein, die weniger Neuralleistenzellen hatten", sagt der Studien-Erstautor und Theoretische Biologe Adam S. Wilkins in einer Aussendung.

Das habe zum einen zu kleineren Nebennieren geführt und damit zu weniger "Angsthormonen" - die Tiere wurden zutraulicher. Zum anderen aber auch zu einer Reihe weiterer Merkmale: "Kleinere Zähne, kürzere Kiefer, geänderte Ohren und eine ungewöhnliche Pigmentierung - etwa weiße Flecken. Alle diese Eigenschaften kommen von diesen Stammzellen", sagt Tecumseh Fitch. "Die Selektion eines der Merkmale kann als Nebenprodukt zu allen anderen geführt haben."

Zähmung im Labor?

Warum es bisher keine umfassende Theorie zur Domestikation gegeben hat, weiß der Biologe nicht. "In der Vergangenheit haben die Forscher oft bestimmte Eigenschaften separat erklärt - etwa dass gezähmte Tiere auf die Farben schwarz und weiß selektiert wurden, weil sie leichter gefunden werden können, wenn sie verloren gehen. Unsere Theorie ist die erste, die versucht, all diese Eigenschaften aus einem einzigen mechanistischen Faktor zu erklären."

Ein Faktor, den man auch absichtlich bedienen könnte: Die gezielte Zähmung von Tieren durch die Beeinflussung der Neuralleistenzellen hält Fitch für möglich. "Wenn unsere These korrekt ist, dann haben die Menschen das bereits gemacht - ohne es zu wissen, bei allen Tieren, die sie gezähmt haben!"

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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