Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Auch chronisch normale Menschen suchen Rat""

Eine Frau mit Down Syndrom und eine Frau ohne Behinderung sehen sich an.

"Auch chronisch normale Menschen suchen Rat"

Ob Bundeskanzler oder Mensch mit einer intellektuellen Behinderung - die Methode, wie der einzelne zu einer Entscheidung kommt, ist in den Grundzügen immer die gleiche, sagt die Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze. Denn "auch chronisch normale Menschen suchen vor Entscheidungen Rat".

Gesellschaft 16.07.2014

Eben dieses Recht, sich mit Hilfe anderer eine Meinung zu bilden und zu entscheiden, stehe auch Menschen mit intellektuellen Behinderungen zu, argumentiert Schulze anlässlich einer Konferenz in Wien. Österreich müsse noch einen weiten Weg zur Realisierung zurücklegen, meint die Juristin im Interview mit science.ORF.at und fordert ein Ende des Parallellebens in Sonderschulen und Werkstätten.

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich mit der Frage, ob die Unterstützung, die ein Ministerpräsident bei einer Entscheidung bekommt, anders ist als jene, die Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zuteilwird. Wie lautet Ihre Antwort?

Marianne Schulze

Marianne Schulze

Marianne Schulze ist Vorsitzende des Monitoringausschusses zur Einhaltung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Österreich. Die Juristin hält anlässlich des IASSIDD-Kongresses in Wien einen Vortrag zum Thema "Unterstützung bei Entscheidungen: nur für Ministerpräsidenten?".

Inklusion:

ist ein zentraler Begriff der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und meint, dass Systeme geschaffen werden, in denen den Bedürfnissen von allen Menschen - darunter auch Menschen mit Behinderungen - entsprochen wird. Es geht nicht mehr um Integration, sondern um die Gestaltung von Räumen und Organisationen, die von vornherein niemanden ausschließen.

Konferenz "Wege zur Inklusion"

Vom 14. bis 17. Juli 2014 findet der Europäische IASSIDD-Kongress unter dem Titel "Wege zur Inklusion" an der Universität Wien statt, bei dem rund 800 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung - sogenannte Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter - sowie Menschen aus begleitenden Berufen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Forschungsfeld "Intellektuelle Beeinträchtigung" diskutieren.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Ein Beitrag über selbstbestimmte Entscheidungen war auch in "Wissen Aktuell" am 15. Juli 2014 um 13.55 Uhr zu hören.

Marianne Schulze: Ich sehe große Parallelen, wie unterstützte Entscheidungsfindung für Menschen mit Demenz oder intellektueller Beeinträchtigung idealerweise funktioniert und wie im Vorhof von Politikern Entscheidungen getroffen werden. Dass wir Sachwalterschaft und andere Formen der Einschränkung von Entscheidungsmöglichkeiten so negativ, gleichzeitig aber jene Personen, die Beraterinnen und Berater um sich scharen, dermaßen positiv sehen, sagt viel darüber aus, wie Macht verteilt ist und wie sehr Menschen mit Behinderungen an den gesellschaftspolitischen Rand gedrängt sind.

Aber ist der große Unterschied nicht, inwieweit jemand imstande ist, für seine Handlungen Verantwortung zu übernehmen?

Die Verantwortung ist natürlich in vielen Führungspositionen eine andere als für ein Individuum, das etwas für sich selbst entscheidet. Aber worauf man fokussieren muss: Jede Entscheidungsfindung ist komplex und basiert auf Vorerfahrung. Methodisch muss man bei Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung dort einhaken, wo Informationen leichter verständlich gemacht werden müssen. In unserer Schnelllebigkeit und Hast in Richtung Effizienz bleibt die Qualität des Erklärens auf der Strecke. Wir haben auch zu wenig Erfahrung mit Methoden der unterstützten Kommunikation wie "Leichter Lesen und Sprechen", die ja auch den sogenannten chronisch normalen Menschen zugutekommen.

Wie empfinden das die betroffenen Menschen? Wird diese Verantwortung auch als Überforderung wahrgenommen oder überwiegt das positive Empfinden?

Es geht nicht um positiv oder negativ, sondern um Selbstbestimmung und die Anerkennung, dass jeder Mensch an einem gewissen Punkt mit Entscheidungen überfordert ist. Wir müssen es ermöglichen, dass Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung diese Form der Überforderung spüren können und in dieser Überforderung Unterstützung erhalten. Auch chronisch normale Menschen holen sich bei größeren Entscheidungen Rat aus ihrem Umfeld, es wird nur nicht als etwas Besonderes gesehen. Daher ist es so wichtig, sich zu vergegenwärtigen, aus wie vielen Prozessen Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen sind und wie zentral das Anliegen ist, dass sie am Bildungssystem teilhaben können - und das in einer inklusiven Form, gemeinsam mit chronisch normalen Kindern.

Inwiefern spielt die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen eine Rolle bei diesem neuen Verständnis von Entscheidungsfähigkeit?

Es ist ein zentraler Angelpunkt der Konvention, dass ein Mensch selbst Entscheidungen treffen kann und darf. Diese Selbstständigkeit muss man auch tatsächlich umsetzen und üben können: Ich soll nicht nur theoretisch die Möglichkeit haben, ein Konto zu führen, sondern ich muss es tatsächlich auch tun können. Das fordert natürlich das geltende Recht im Bereich Sachwalterschaft heraus, wo mit prinzipiell guten Intentionen vor 30 Jahren eine Regelung geschaffen worden ist, die die Interessen von Menschen mit Behinderungen schützen wollte. Was dabei allerdings auch passiert ist, ist, dass eine dritte Person die Entscheidungsbefugnis hat. Das ist völlig gegen die Menschenrechtskonvention.

Legt die Konvention eine Grenze fest, etwa einen Grad intellektueller Beeinträchtigung, ab dem eine eigenständige Entscheidungsfindung nicht mehr möglich ist?

Nein. Die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen erfasst ganz klar auch jene Menschen, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Ihnen angemessene Vorkehrungen zu versagen, ist eine ganz klare Diskriminierung gemäß dieser Konvention.

Wie sieht denn das Gegenmodell zur Sachwalterschaft aus?

Es geht zentral darum zu schauen, welche Vorgänge und Erfahrungen für Menschen in der Mitte der Gesellschaft völlig normal sind, Menschen mit Behinderungen aber verweigert werden. Jede einzelne Regelung, die diese Watteschicht bildet, muss hinterfragt und abgebaut werden, damit Lernen durch Erfahrung möglich wird.

Wo steht Österreich denn auf dem Weg zur Verwirklichung der UNO-Konvention?

Der Weg ist für Österreich breit und schwierig vor dem Hintergrund, dass die Segregierung von Menschen mit Behinderungen sehr stark ausgeprägt ist. Viele Menschen mit Behinderungen leben ein Parallelleben: zuerst die Sonderschule, dann eine Beschäftigung in einer Werkstätte. Da hat Österreich einen ganz dramatischen Aufholbedarf. Sehr bemüht ist Österreich bzw. konkret das Justizministerium bei der Novellierung der Sachwalterschaft, wo gemeinsam mit Selbstvertreterinnen und Selbstvertretern an einem neuen Modell der unterstützten Entscheidungsfindung gearbeitet wird.

Angesichts der Spardiskussion auch im Bildungsbereich: Für wie realistisch halten Sie die Chancen, dass das System tatsächlich umgebaut wird und etwa in jeder Schule speziell geschultes pädagogisches Personal zur Verfügung steht?

Rein ökonomisch denke ich nicht, dass ein inklusives System teurer wäre, weil wir uns momentan ein sehr teures Parallelsystem leisten. Der Schlüssel ist meiner Meinung nach, dass wir uns von bestimmten Bildern in der Bildungsdiskussion verabschieden müssen: dass es am einen Ende des Spektrums Kinder mit einem besonderen Förderbedarf gibt, weil sie so wahnsinnig begabt sind, und am anderen Ende, weil sie eine Behinderung haben. Und wir tun so, als ob die 85 Prozent dazwischen keine Bedürfnisse hätten. Wir haben die Möglichkeit, ein Bildungssystem zu realisieren, wo die Bedürfnisse aller Kinder aufgenommen werden. Das würde auch den Verpflichtungen entsprechen, die Österreich im Rahmen der internationalen Konventionen eingegangen ist.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: