Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wenn Mütter nach Angst riechen"

Zwei junge schläfrige Ratten sitzen aufeinander

Wenn Mütter nach Angst riechen

Mütter signalisieren ihren Neugeborenen, dass es Zeit ist, Angst zu haben - und zwar durch ihren eigenen Geruch, wie ein Versuch mit Ratten zeigt. Die Rattenjungen reagierten sogar dann auf Körperduft verängstigt, wenn die Mutter gar nicht anwesend war.

Neugeborene 29.07.2014

Ob eine neue Situation sicher oder gefährlich ist, zeigt einem Kind die Reaktion seiner Eltern. Ein versichernder Blick zu Mama oder Papa - und das Kind weiß, ob es weiter- oder zurückkrabbeln soll. Soziale Bezugnahme heißt diese Lernfunktion, die zeigt, wie wichtig die Eltern für Kinder sind, um Gefahren einschätzen zu können, insbesondere für Säuglinge.

Schon Neugeborene reagieren verängstigt auf jene Faktoren, die ihre Mütter ängstigen. Versuche mit Ratten haben die Ursache dafür ausfindig gemacht: Es ist der Geruch der Mutter, auf den das Kind reagiert, und zwar unmittelbar nach der Geburt.

Konditioniert mit Elektroschocks

Die US-Forscher Jacek Debiec und Regina M. Sullivan hatten Ratten mit leichten Elektroschocks auf den Geruch von Pfefferminze konditioniert, sodass sie auf den Geruch verängstigt reagierten, noch bevor sie schwanger waren. Nach der Geburt mussten sie die Minze wieder riechen, diesmal waren ihre Jungen dabei.

Die Studie:

"Intergenerational transmission of emotional trauma through amygdala-dependent mother-to-infant transfer of specific fear" von Jacek Debiec und Regina M. Sullivan ist am 28. 7. 2014 in "Proceedings of the Natinoal Academy of Sciences" (PNAS) erschienen.

Als man mittels Autoradiographie das Gehirn der Mäusejungen scannte, zeigte sich, dass der Körperduft der Mutter die Amygdala der Kinder aktiviert hatte. Das ist jene Region im Gehirn, die an Angstgefühlen beteiligt ist.

Die Ratten würden die Lernerfahrungen ihrer Mutter annehmen, bevor sie selbst welche machten, wird Studienautor Debiec in einer Aussendung zitiert. Und diese Erinnerungen blieben. "In ihren ersten Lebenstagen merkt sich eine neugeborene Ratte nichts über Gefahren aus der Umwelt. Doch wenn die Mutter eine Bedrohung empfindet, lernt dies auch das Kind und merkt es sich langfristig."

Angst unterbinden möglich?

Ein Gegenversuch machte deutlich: Die Mutter muss nicht einmal anwesend sein, um das Junge mit ihrem Geruch in Angst zu versetzen. Ihr Geruch ist genug. Als die Jungen allein den Geruch der Pfefferminze in Verbindung mit dem Angstgeruch der Mutter rochen, konnten in ihrem Gehirn Angstreaktionen festgestellt werden.

Andererseits konnten Debiec und Sullivan einen Weg finden, um die Angstreaktion zu verhindern. Als sie mit einer Substanz die Funktion der Amygdala blockierten, reagierten die Jungen auf den Angstgeruch der Mutter nicht. Debiec sieht darin die Möglichkeit, Ängste zu unterbinden.

Ob derselbe Mechanismus auch für menschliche Mütter und ihre Kinder gilt, sollen künftige Forschungen zeigen. Möglicherweise könnten Gerüche auch bei Ängsten traumatisierter Mütter eine Rolle spielen, die sie auf das Kind übertragen - selbst wenn sie die Ängste lang vor der Geburt hatten.

science.ORF.at

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