Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Physik des Gitarrensolos"

Queen-Gitarrist Brian May auf der Bühne

Die Physik des Gitarrensolos

Wenn David Grimes von der Universität Oxford nicht gerade an Formeln herumtüftelt, spielt er gerne mit seiner E-Gitarre. Manchmal tut er auch beides zugleich. Der britische Forscher zeigt, welche physikalischen Effekte dem Gitarrensound Leben einhauchen.

Studie 05.08.2014

Einen Beitrag zur "String Theory" kündigte das Fachblatt "Plos ONE" in einer seiner letzten Ausgaben an. Damit war allerdings nicht jene Theorie gemeint, mit der man hofft, dereinst Quanten- und Gravitationsphysik verbinden zu können. Sondern viel größere "Strings": die Saiten der Stromgitarre.

"Im Brotberuf mache ich eigentlich etwas ganz anderes", sagt David Grimes gegenüber science.ORF.at. "Ich forsche an theoretischen Modellen von Krebsgeweben. Dennoch war es für mich naheliegend, so eine Studie zu publizieren. Ich bin seit meiner Kindheit Musiker. Und als Physiker möchte man wissen, wie die Dinge auf einer grundlegenden Ebene funktionieren. Ich wollte herausfinden: Was passiert eigentlich, wenn man die Saiten einer Gitarre mechanisch manipuliert?"

Die Studie

"String Theory - The Physics of String-Bending and Other Electric Guitar Techniques", Plos ONE (23.7.2014; doi: 10.1371/journal.pone.0102088).

Wie man das Instrument zum Singen bringt

Grimes hat sich vor allem jener Effekte angenommen, mit der Musiker ihrem Arbeitsgerät einen individuellen, unverwechselbaren Sound entlocken. Der britische Physiker ist freilich nicht der erste, dem das auffällt. Schon die Beatles besangen in "While my guitar gently weeps" die "Stimme" des Instruments. Und Mark Knopfler, Frontmann der Dire Straits, berichtet in "Sultans of Swing" von einem Gitarristen, "strictly rhythm, he doesn't want to make it cry or sing."

Der Unterschied ist nur, dass Grimes nun die passenden physikalischen Formeln für Effekte wie Legato, Vibrato, String-Bending und den Gebrauch des Whammy Bar zusammengetragen hat. Die ersten beiden sind klassische Stilelemente, die man auch von anderen Instrumenten kennt. Sie binden bzw. modulieren Töne und verleihen ihnen auf diese Weise eine organische, im besten Fall sogar lebendige Aura. Die letzten beiden sind im Grunde Spezialfälle dieser Großkategorien, besitzen aber insofern eine Sonderstellung, weil es sich um genuine Erfindungen der Gitarrenkultur handelt.

Das String-Bending oder "Seitenziehen" wurde, so sagt man, erstmals von Countrymusikern verwendet. Natürlich hat sich die Technik auch in anderen Genres rasch verbreitet, vor allem im Blues wurde sie zu einem tragenden Stilelement (hier eine Techniklektion von BB King).

Der Whammy Bar, im Deutschen manchmal auch "Jammerhaken" genannt, war ursprünglich für subtile Verzerrungen gedacht, entwickelte jedoch alsbald ein Eigenleben. Die Bandbreite der zu erzielenden Effekte ist groß und reicht vom melodiösen Jammern Chris Isaacs bis hin zum Ausdrucksexzess von Jimi Hendrix.

Ein schmerzhaftes Experiment

David Grimes jedenfalls hat nicht nur die passenden Formeln für diese Effekte ausgetüftelt, er hat sie, wie er in seiner Studie schreibt, auch im Labor erfolgreich überprüft. Und zwar mit seiner ältesten E-Gitarre. Dafür war es notwendig, einige Nägel in das Instrument zu schlagen: "Das hat wehgetan - der Gitarre und mir auch. Aber, um ehrlich zu sein, sie klang nach den Experimenten nicht schlechter als vorher."

Welche Gitarristen bewundert der musizierende Physiker? "Oh, das ist schwierig … wenn ich nur fünf nennen darf: Steve Vai, Brian May, John Petrucci, Ritchie Blackmore und Frank Zappa."

Aus dieser Reihe sticht Brian May hervor. Er gehört nämlich zur seltenen Spezies promovierter Rockmusiker. Der Queen-Gitarrist hatte bereits im Jahr 1974 mit einer Dissertation im Fach Astronomie begonnen und sie später aus Karrieregründen auf Eis gelegt. Im etwas gesetzteren Alter nahm er diese wieder auf und schloss sie vor sieben Jahren tatsächlich ab.

Auch für Grimes ist Brian May eine besondere Figur - er ist der einzige Musiker, dem er als Kind einen Fanbrief geschrieben hat. "Als ich acht Jahre alt war, trat ich den britischen Pfadfindern bei. Sie verlangten von mir, den Treueschwur auf die Queen zu leisten. Das lehnte ich als geborener Ire ab. So leistete ich meinen Schwur eben auf die Popgruppe Queen. Es ist niemandem aufgefallen."

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: