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Wandernde Krebszellen

Neue Krebsdiagnosen verbessern Therapie

Üblicherweise klassifiziert man Krebs danach, wo im Körper er auftritt, wie z. B. Brustkrebs und Blasenkrebs. Laut einer neuen Studie wäre in manchen Fällen eine Einteilung nach molekularen Typen sinnvoller. Zehn Prozent der Tumoren könnten dadurch genauer diagnostiziert und auch besser behandelt werden.

Kategorisierung 08.08.2014

Seit bald zehn Jahren versucht das US-amerikanische Projekt "The Cancer Genome Atlas" (TCGA), die Krebsforschung mit Hilfe großflächiger genetischer Analysen voranzubringen. Seit 2008 gibt es ein internationales Pendant, das International Cancer Genome Consortium (ICGC), in dem 22 Genomzentren aus aller Welt zusammenarbeiten.

Das Ziel der Großprojekte ist eine Bibliothek sämtlicher Gendefekte, die für die bekannten Krebsarten verantwortlich sind. Trotz immer schneller werdender Analysemethoden wird es bis dahin noch eine Weile dauern. Am Weg dorthin werden aber laufend Ergebnisse produziert, die für die klinische Praxis zum Teil schon relevant sind oder werden könnten.

Die Studie in "Cell":

"Multiplatform Analysis of 12 Cancer Types Reveals Molecular Classification within and across Tissues of Origin" von K.A. Hoadley et al., erschienen am 7. August 2014.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 8.8., 13:55 Uhr.

Neue Gruppierungen

Die aktuelle Studie der Forscher von TCGA könnte ein solches sein. Mehr als 3.500 Tumoren von zwölf Krebsarten wurden dafür mit Hilfe von sechs unterschiedlichen Technologien untersucht, d.h., die DNA und die RNA wurden sequenziert sowie Proteine analysiert. Die Daten wurden dann mit statistischen Methoden ausgewertet und zu Gruppen zusammengefasst.

Herausgekommen sind elf molekulare Subtypen. Fünf davon waren auf Zellebene fast identisch mit ihrem Herkunftsgewebe. Die genetischen und molekularbiologischen Eigenschaften mancher Tumoren legten jedoch nahe, dass einige Krebsarten untereinander näher "verwandt" sind als mit ihrem Herkunftsgewebe, da sie aus ähnlichen Zelltypen hervorgegangen sind.

"Früher stand bei der Klassifizierung von Tumoren das Organ völlig im Vordergrund", wie Walter Berger, Tumorexperte an der Medizinischen Universität Wien, gegenüber science.ORF.at erklärt. Nur innerhalb dieser Kategorien wurden aufgrund der Gewebsuntersuchung unterschiedlich aussehende Subtypen gefunden. Aber schon jetzt sei bekannt, dass manche oberflächlich ähnliche Tumoren aufgrund ihrer genetischen und molekularbiologischen Eigenschaften unterschiedlich auf Behandlungen reagieren. Das werde bei der Therapie bereits berücksichtigt.

Sieben Typen Blasenkrebs

Die neue Studie geht noch einen Schritt weiter. Die Autoren fassten die Krebsarten nun aufgrund der festgestellten Ähnlichkeiten in neue Subgruppen zusammen. Besonders interessant war laut den Wissenschaftlern die Analyse der Blasenkrebs-Tumoren. Insgesamt ließen sich diese in sieben Gruppen teilen, die meisten Proben zählten zu drei dieser Subtypen.

Eine Gruppe enthält tatsächlich nur Blasenkrebserkrankungen, in die zweite fallen auch Adenokarzinome der Lunge und in die dritte Plattenepithelkarzinome. Auch bei einer sehr aggressiven Brustkrebsart stellten die Forscher ein unerwartetes Naheverhältnis zu anderen Arten fest. Dieser ähnelt auf molekularer Ebene vielmehr einem Eierstockkrebs als den Formen im eigenen Gewebe.

"Bis 50 Prozent aller Typen neu klassifizieren"

Die Forscher vermuten, dass durch diese neue Klassifizierung zumindest einer von zehn Patienten im Vergleich zu den gängigen Kriterien in eine andere Kategorie fallen würde. Laut einem der Autoren, Christopher Benz vom Buck Institute for Age Research, wird diese Zahl noch weiter steigen, wenn sie ihre Analyse mit weiteren Krebstypen fortsetzen.

"Es könnte sein, dass wir 30 bis 50 Prozent aller Typen neu klassifizieren müssen", so Benz in einer Aussendung. Die neue Einteilung der Blasenkrebs mache zudem klar, warum manche Patienten so unterschiedlich auf dieselbe Behandlung des vermeintlich gleichen Krebses reagieren.

Ziel: Personalisierte Therapie

"Schon jetzt gibt es in der therapeutischen Praxis einen Umbruch", weiß der Mediziner Berger. Die umfassenden Analysen der Tumoreigenschaften ermöglichen eine viel punktgenauere Therapie. Die neue Arbeit lege nun nahe, dass das Umdenken noch weiter gehen muss. Bei der Diagnose wird demnach in Zukunft eher die entscheidende Mutation im Vordergrund stehen, erst an zweiter Stelle käme das Organ.

"Tatsächlich haben genaue genomische Analysen der Tumoren schon heute große Relevanz", so Berger. Sie werden vor Beginn einer Behandlung durchgeführt und sind auch ausschlaggebend für die anzuwendende Therapie. Natürlich gebe es hier noch viel zu lernen, unter anderem indem man die Organgrenzen verlässt.

Wenn sich etwa zeigt, dass bestimmte Mutationen auch bei Tumoren in anderen Organen auftreten, dann könnte man etablierte Behandlungsmethoden bei diesen Krebsarten ebenfalls anwenden. Laut Berger sind das vielleicht vorerst nur ein paar Prozent der Patienten, aber für die hätte man dann eine passende Therapie. "In der Vollausbaustufe dieser Erkenntnisse, könnte jeder Patient genau für seinen Tumor behandelt werden", erklärt Berger.

Auch Organ entscheidend

Das heißt, die genetischen Kategorien werden über allem stehen, aber - so schränkt Berger ein - das betroffene Organ wird weiterhin wichtig bleiben. "In den letzten Jahren haben wir nämlich auch gelernt, dass Krebs nicht nur eine Erkrankung dieser spezifisch entarteten Zellen ist, der Krebs interagiert auch mit dem Umgebungsgewebe", beschreibt Berger das Krankheitsgeschehen. Also selbst wenn die Signatur von zwei Tumoren sehr ähnlich ist, unterscheidet sich das gesunde Gewebe, z.B. was den Immunstatus betrifft.

"Die Krebszellen sind bildlich gesprochen einfach wirklich sehr gerissen. Sie sind nicht nur selbst bösartig. Sie missbrauchen das Umgebungsgewebe für ihre Zwecke", so Berger. Sie programmieren dieses gewissermaßen um. Dabei spiele das Organ sehr wohl eine wichtige Rolle.

Dies zeigt etwa das Beispiel des Gehirns: Es ist von all unseren Organen am besten geschützt, z.B. gegen Gifte. Das erschwert jegliche Behandlung enorm. Dennoch: Berger schätzt, dass die genetische Signatur eines Tumors spätestens in zehn Jahren die Erstentscheidungskategorie sein wird.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Schon jetzt zeigen sich erste Erfolge der neuen gezielteren Behandlungsmethoden. "Es steigen nicht nur die Heilungsraten, auch die Überlebenszeiten mit einer akzeptablen Lebensqualität werden deutlich länger", erklärt Berger. Das gelte zumindest für viele Krebsarten, manche sind immer noch sehr schwer in Griff zu bekommen, z.B. das Pankreaskarzinom oder der primäre Hirntumor.

Insgesamt ist Berger sehr optimistisch, was die weitere Entwicklung betrifft: "Sowohl diese neue Kategorisierung als auch neue Ansätze bei der Behandlung sind sehr vielversprechend."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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