Standort: science.ORF.at / Meldung: "Mensch lässt Gletscher schneller schmelzen"

Sonnblick-Kees: Gletscherzunge und See des Sonnblick-Gletschers

Mensch lässt Gletscher schneller schmelzen

Der Mensch war zwischen 1851 bis 2010 für etwa ein Viertel des weltweiten Abschmelzens der Gletscher verantwortlich. Doch wirklich dramatisch wurde der Einfluss erst in den vergangenen Jahrzehnten, so eine neue Studie. Zwischen 1991 und 2010 gingen demnach bereits über zwei Drittel des Eisverlustes auf seine Kappe.

Umwelt 14.08.2014

Wenn Gletscher schmelzen, dann hat das tiefgreifende Auswirkungen auf die saisonale Verfügbarkeit von Trinkwasser. Außerdem können Naturkatastrophen ausgelöst werden, und nicht zuletzt steigt der Meeresspiegel.

Verzögerte Auswirkung

Die Studie in "Science":

"Attribution of global glacier mass loss to anthropogenic and natural causes" von B. Marzeion et al., erschienen am 15. August 2014.

Das Abschmelzen der Gletscher hat bereits mit dem Ende der kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen. Natürliche Ursachen wie die veränderte Sonneneinstrahlung oder Vulkanausbrüche sind daran ebenso beteiligt wie vom Menschen ausgelöste Veränderungen. Dazu zählt etwa der gestiegene CO2-Ausstoß und dessen Auswirkungen auf das Klima sowie auch die veränderte Landnutzung, erklärte Ben Marzeion vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck der APA.

Mit einer Kombination von Modellen aus der Klima- und Gletscherforschung, in denen die Innsbrucker Wissenschaftler und ein kanadischer Kollege einzelne Faktoren jeweils in den Berechnungen berücksichtigen oder eliminieren konnten, wurde es möglich, den auf menschliche Aktivitäten zurückzuführenden Anteil abzuschätzen. "Man kann diese Modelle also simulieren lassen, wie das Klima ausgesehen hätte, wenn die Menschen nichts gemacht hätten, oder wie es mit dem menschlichen Einfluss ausgesehen haben sollte", so Marzeion.

Stimmen die Ergebnisse dieser Berechnungen mit dem überein, was in den Daten zu den Massenbilanzen der Gletscher tatsächlich zu sehen ist, wissen die Forscher, ob die Modelle einigermaßen stimmen. Dabei muss man im Auge behalten, dass die Gletscher nicht unmittelbar reagieren, so Marzeion. Die Anpassungsprozesse können sich mitunter erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später vollziehen.

Manche Folgen unumkehrbar

In die Untersuchung eingeflossen sind Daten aller Gletscher weltweit mit Ausnahme der Antarktis. Über den gesamten Zeitraum von 160 Jahren stellten die Forscher fest, dass der Einfluss des Menschen mit etwa 25 Prozent des Eisverlustes zusammenhängt. In Bezug auf die letzten 20 Jahre des Beobachtungszeitraumes komme man allerdings schon auf einen "menschgemachten" Anteil von ungefähr zwei Drittel.

Mittlerweile gebe es weltweit eigentlich auch keine Ausnahmen von dieser Entwicklung mehr. Sogar die oft als Ausreißer gehandelten Gletscher in der Karakorum-Region im Westen des Himalaya-Gebirges scheinen insgesamt an Masse zu verlieren, so der Experte.

Aufgrund der relativ langsamen Reaktion der Eismassen würde die Schmelze auch weitergehen, wenn das weltweite Klima ab sofort unverändert bliebe. Der hypothetische Gletschereis-Verlust unter diesen Bedingungen hätte trotzdem einen Meeresspiegel-Anstieg von sieben Zentimetern bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zur Folge. Das haben Marzeion und Kollegen bereits Anfang des Jahres analysiert. Inklusive der prognostizierten weiteren Klimaveränderung steige der Spiegel aufgrund von Gletscherwasser voraussichtlich um etwa 14 Zentimeter. Marzeion: "Das, was mit den Gletschern in den nächsten 100 Jahren passieren wird, ist also zum Großteil schon in der Vergangenheit festgeschrieben worden. Wir haben es also sozusagen schon verbrochen."

science.ORF.at/APA

Mehr zum Thema: