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Nahaufnahme einer Maus und ihrer Bartharte

Antibiotika machen Mäuse fett

Mäuse, die bereits im Mutterbauch geringe Dosen von Antibiotika erhalten, neigen im Laufe ihres späteren Lebens zu Übergewicht. Schuld daran sei die veränderte Darmflora, berichten US-Forscher. Nun wollen sie herausfinden, ob das auch für den Menschen gilt.

Medizin 16.08.2014

Antibiotika und Darmbakterien - das ist das Metier von Martin Blaser. Der Mediziner von der New York University warnt schon seit längerem, dass der Gebrauch von Antibiotika unsere Darmflora nachhaltig verändert. "Stoppt das Töten nützlicher Bakterien", lautete ein Aufruf, den er vor drei Jahren im Fachblatt "Nature" veröffentlichte. Ein durchaus emotionaler Aufsatztitel im ansonsten nüchternen Geschäft der Wissenschaft.

Der weißhaarige Forscher sorgt sich um die Vielfalt unseres inneren Ökosystems - jene Mikroben, die mit unserem Immunsystem kommunizieren, die Bildung von Blutgefäßen beeinflussen und den Stoffwechsel steuern.

Bereits 2012 wies Blaser nach, dass Mäuse im Laufe ihres Lebens zehn bis 15 Prozent mehr Fett anlegen, sofern sie dauerhaft geringen Dosen von Antibiotika ausgesetzt sind.

Prägende Phase für den Stoffwechsel

Die Studie

"Altering the intestinal microbiota during a critical developmental window has lasting metabolic consequences", Cell (14.8.2014; doi: 10.1016/j.cell.2014.05.052).

Nun hat er die Versuche in einer aktuellen Studie verfeinert und dem Bild ein entscheidendes Detail hinzugefügt. Es kommt nämlich offenbar darauf an, wann die Antibiotika (in diesem Fall: Penicillin) wirken. Mäuse, die nur im Mutterbauch mit Penicillin konfrontiert waren, legten später fast ebenso viel zu wie Versuchstiere, die das Antibiotikum ihr Leben lang erhalten hatten: "Das spricht dafür, dass es ein Entwicklungsfenster gibt, in dem die Mikroben den Stoffwechsel besonders stark beeinflussen", sagt Blaser.

Ob die Resultate auf den Menschen umzulegen sind, bleibt ungewiss. Sicher ist, dass die verabreichten Dosen von Antibiotika wenig mit dem zu tun haben, was bei medizinischen Behandlungen üblich ist. In den Versuchen war die Verabreichung gewissermaßen chronisch, die Dosen niedrig und die Zeiträume gedehnt. "Die Antibiotikadosen spiegeln nicht das wider, was Kinder bekommen", betont Blaser.

Antibiotika seien notwendig und er wolle von deren Gebrauch keineswegs abraten. Gleichwohl: Vor inflationärem Gebrauch warnt er sehr wohl. Dieser könne gesundheitliche Kosten erzeugen, die man bisher zu wenig beachtet habe.

Therapie durch Probiotika?

Die Studie zeigt auch: Ernährung und Antibiotika sind unabhängige Faktoren, die das Körpergewicht bestimmen. Und sie verstärken einander, sofern sie gleichzeitig auftreten. "Wenn wir Mäuse auf eine kalorienreiche Diät gesetzt haben, wurden sie fett. Wenn wir Mäusen Antibiotika verabreicht haben, wurden sie ebenfalls fett. Aber wenn wir ihnen beides, Antibiotika und fettreiches Fressen gaben, dann wurden sie sehr, sehr fett."

Das vermittelnde Bindeglied ist die Darmflora. Laut den Versuchen ändert Penicillin nicht unbedingt die Zahl der im Verdauungstrakt siedelnden Bakterien, sehr wohl aber deren Zusammensetzung. Nützliche Gattungen wie Lactobacillus, Allobaculum sowie Candidatus Arthromitus verschwanden nach entsprechenden Behandlungen vorübergehend.

Eine Erkenntnis, die für Therapien wichtig sein könnte. Im Prinzip sollte es möglich sein, die guten Bakterien wieder gezielt im Darm anzusiedeln und somit negative Effekte unserer Lebensweise auszugleichen. Von Probiotika, die man im Supermarkt oder in der Drogerie zu kaufen bekommt, hält Blaser allerdings nicht allzu viel.

"Die meisten davon wurden noch nicht seriös untersucht. Grundsätzlich bin ich sehr optimistisch, was Probiotika betrifft. Ich glaube aber, dass sie aus der Forschung kommen werden. Wir müssen herausfinden, welche Bakterien wichtig sind, um kranke Menschen wieder gesund zu machen."

Robert Czepel, science.ORF.at

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