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Eine Frau flüstern einem Mann etwas ins Ohr

"Wissenschaftler nicht die einzigen Experten"

Die Menschen hätten oft ganz andere Probleme, als die Wissenschaft annimmt. Deshalb müssten sich auch Wissenschaftler verstärkt um einen Dialog mit der Gesellschaft - und zwar auf Augenhöhe - bemühen, sagt der Schweizer Philosoph und Germanist Philipp Burkard.

Technologiegespräche Alpbach 18.08.2014

In der Schweiz habe nicht zuletzt die direkt-demokratische Beteiligung an politischen Entscheidungen den Druck auf Wissenschaft und Gesellschaft erhöht, sich stärker auszutauschen, sagt Philipp Burkard, Geschäftsleiter der Stiftung "Science et Cité", die sich um Wissenschaftsvermittlung in der Schweiz bemüht.

science.ORF.at: Wie würden Sie das Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft aktuell in Europa grob beschreiben?

Philipp Burkard: Wissenschaft ist kein abgekoppelter Bereich. Sie ist ständig in unserem Alltag präsent. Das beginnt am Frühstückstisch bei der Ernährung, geht weiter über unsere Smartphones und Autos bis hin zu den Medikamenten, die wir brauchen. Insofern steckt die Wissenschaft überall drin - die Menschen sind sich dessen aber nicht immer bewusst.

Es gibt zwar keine wissenschaftsfeindliche Stimmung, denn die Leute wissen, dass der Fortschritt ganz wesentlich auf Forschung basiert. Aber die Menschen haben oft kein konkretes Bild - die Wissenschaft ist etwas, das sie selbst nicht erreichen können, die Schwelle zu einer Universität ist für viele Leute sehr hoch. Sie haben das Gefühl, Wissenschaft gehe sie persönlich nichts an.

Philipp Burkard; Science et Cité; Wissenschaftsvermittlung;

Patric Spahni, Thun

Zur Person:

Philipp Burkard ist seit 2012 Geschäftsleiter der Schweizer Stiftung Science et Cité. Er hat in Bern und Wien Philosophie und Germanistik studiert. Burkard promovierte über das Spätwerk von Friedrich Dürrenmatt. Daneben unterrichtete er auch an einem Gymnasium in Bern. Bevor Burkard in der Wissenschaftskommunikation tätig wurde, hat er im Kulturbetrieb gearbeitet. Burkard war unter anderem Leiter der Kulturabteilung der Stadt Thun.

Technologiegespräche Alpbach:

Von 21. bis 23. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Forschung und Innovation: At the crossroads". Davor erscheinen in science.ORF.at Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Philipp Burkard wird am Arbeitskreis "Wissenschaft in der Gesellschaft - Wie man Barrieren überwinden kann" teilnehmen.

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Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell: 18.8., 13:55 Uhr

In der Schweiz steht man diesbezüglich ja vor einer besonderen Herausforderung: Die Menschen müssen regelmäßig an der Urne selbst entscheiden. Das betrifft auch heikle, wissenschaftliche Themen wie etwa Gentechnik oder Stammzellenforschung. Erhöht das den Druck zur Wissenschaftsvermittlung?

Das ist absolut so. Die Stiftung "Science et Cité", für die ich tätig bin, ist genau aus diesem Grund entstanden. Ende der 90er Jahre hat man auf Regierungsebene festgestellt, dass es eine Kluft zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft gibt, und dem wollte man entgegenwirken. Heute sind wir ein Akteur unter vielen. Die Hochschulen selbst betreiben natürlich auch Kommunikation - das wurde in den letzten 15 Jahren stark ausgebaut. Es ist dennoch immer noch schwierig, bestimmte Kreise zu erreichen. Die sogenannten bildungsfernen Schichten oder Menschen mit Migrationshintergrund etwa - das ist eine echte Herausforderung.

Insofern betrachte ich es immer noch als Königsweg, in der Schule mit der Vermittlung zu beginnen. Nur dort kann man 100 Prozent aller Kinder und Jugendlichen erreichen. Diese Arbeit muss weitergehen. Aber man muss realistisch sein: Man wird nie alle Menschen auf einen befriedigenden Informationsstand bringen, das ist illusorisch. Aber der Schweizer Ansatz ist dennoch etwas Spezielles in Europa. Er geht davon aus, dass Partizipation in jedem Fall besser ist, als über die Köpfe hinweg zu entscheiden. Selbst wenn die Leute zu wenig wissen, ist es immer noch besser, sie zu fragen, als sie einfach zu ignorieren.

Wie nimmt die Wissenschaft ihrerseits die Gesellschaft und ihre Anliegen wahr - hat sie Erwartungen an die Bürgerinnen und Bürger?

Das Wichtigste für die Wissenschaft ist ihre Forschungsfreiheit. Insofern wehrt sie sich rasch gegen politische Einflussnahme, aber auch gesellschaftliche Einmischung ist nicht wirklich erwünscht. Die Wissenschaft hat die Tendenz, sich lange zu erklären, und die Leute sollen das bitte verstehen und glauben. Aber es ist nun mal so, dass die Leute oft ganz andere Probleme haben, als sich die Wissenschaft vorstellt.

Das heißt ein grundsätzliches Problem in diesem Verhältnis ist, dass es hierarchisch strukturiert ist?

Das ist ein permanentes Spannungsfeld, über das auch viel diskutiert wird. Die Wissenschaft hat stark den Eindruck, dass sie etwas Besonderes ist und sich deshalb erklären muss. Ich versuche in dieser Debatte, die gesellschaftliche Perspektive zu vertreten, und würde überspitzt sagen: Die Wissenschaftler sind nicht die einzigen Experten.

Die Bevölkerung hat auch ihre Expertise, wenn auch in anderen Bereichen. Das Ziel muss sein, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Die Wissenschaft muss akzeptieren, dass die Menschen und die Politik aus ihrer Erfahrungswelt heraus Vorbehalte haben und vielleicht ganz andere Prioritäten setzen, als die Wissenschaft annimmt.

Zum Thema Wissenschaftskommunikation - es geht dabei ja nicht immer nur um Informationsaustausch, sondern auch darum Normen, Werte, Einstellungen und Ziele einer Gesellschaft zu verhandeln. Also: Wer forscht woran und was definieren wir als Gesellschaft als relevante Fragestellungen - werden diese Dinge ausreichend miteinander verhandelt?

Das ist enorm wichtig, wird aber tendenziell zu wenig verhandelt. Auch die Berichterstattung in den Medien konzentriert sich auf neueste Studien und Ergebnisse, die dann oft nur verkürzt dargestellt werden können. Ich vermisse hier eine grundsätzliche Debatte über Wissenschaft und durchaus auch über die Personen, die dahinter stehen. Man darf auch die Wissenschaftler als Menschen in ihrem Alltag, in ihrem Labor zeigen.

Was in letzter Zeit auch immer mehr zum Thema wurde: Es sollen nicht nur Erfolgsgeschichten präsentiert werden. Man muss zeigen, dass auch die Wissenschaft auf Irrwege geraten kann, es gibt Experimente, die misslingen - da soll man ehrlich sein. Die Wissenschaft ist nicht immer auf dem Erfolgsweg.

Wie kann man sicher stellen, dass an Themen geforscht wird, die für die Menschen relevant sind? Gerade bei Veranstaltungen, wie auch das Europäische Forum Alpbach eine ist, merkt man sehr stark, dass die Wissenschaft auch immer im Dienste der Wirtschaft und der Wettbewerbssicherung gesehen wird.

Das ist eine große Frage. Es ist völlig klar und auch richtig, dass die Wirtschaft ein Interesse an Forschung hat. Aber ich würde an dieser Stelle sagen, dass es Not tut, dass wir uns um eine nachhaltige Zukunft kümmern und nicht Gewinnoptimierung um ihrer selbst Willen betreiben.

Menschen die sich mit der Wissenschaft befassen bzw. selbst im Wissenschaftsbetrieb sind, beklagen die chronische Unterfinanzierung der Universitäten und der Forschung im Allgemeinen. Für Menschen die dem ferner sind, die ganz andere Probleme haben, ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, warum jemand, der an unverständlichen Dingen im Labor forscht, mehr Geld erhalten soll. Wie kann man diese Diskrepanz in der Wissenschaftsvermittlung berücksichtigen?

Das gelingt mithilfe kleiner, konkreter Projekte. Aber die allgemeine Frage ist eine riesige Herausforderung. Mir ist wichtig, Wissenschaftskommunikation in einem sehr breiten Sinn zu verstehen, ich möchte darunter explizit nicht nur Hochschulkommunikation verstanden wissen.

Für mich gehören in einem weiteren Sinne auch die Naturhistorischen Museen, die botanischen Gärten, die Volkshochschulen und von mir aus auch die Zoos dazu - das sind alles Orte, an denen die Menschen die Welt und die Natur sinnlich erfahren können, es sind alles Vermittlungsorte. Und dort erreicht man auch die breite Bevölkerung, denn in den Tierpark gehen alle. Man kann dort vielleicht keine einzelnen, wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, aber man kann den Menschen klar machen, dass es eine Forschung gibt, die sich um spannende Dinge kümmert.

Sie versuchen mit Ihrer Stiftung "niederschwellige und innovative Kommunikationsformen" umzusetzen. Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen?

Ein schönes Projekt, das wir in den letzten Jahren gemeinsam mit den Schweizer Bundesbahnen realisieren konnten, ist ein Schulzug. Das sind fünf Wägen, die eine eigene Zugkombination darstellen. Die fahren noch die nächsten fünf bis sechs Jahre in der Schweiz herum. In diesen Wägen gibt es eine interaktive Ausstellung zum Thema Energie und Mobilität, die sich ganz niederschwellig an Schulen richtet. Der Vorteil ist, dass wir damit in periphere Regionen kommen, wo es kein entsprechendes Museum gibt. Zusätzlich gibt es in diesem Zug auch Veranstaltungen für Erwachsene, wenn der Zug irgendwo vor Ort ist.

Kinder sind neugieriger und dementsprechend wohl auch leichter zu erreichen als Erwachsene. Was machen Sie mit diesen?

Da gibt es zum Beispiel die Wissenschaftscafés, die derzeit in zehn Schweizer Orten regelmäßig zu aktuellen Themen stattfinden. Dort werden auch aktuelle Forschungsergebnisse zur Sprache gebracht. Kürzlich hatten wir etwa das Thema Bienensterben - das hat die Leute stark interessiert. Es sind regelmäßig 50 bis 120 Menschen, die da kommen, das ist ein Angebot, das gut funktioniert.

Abgesehen von Ausstellungszügen und Wissenschaftscafés - was wollen Sie ihrem Arbeitskreis in Alpbach noch mit auf den Weg geben?

Ich möchte vor allem den wechselseitigen Dialog betonen. Es ist eine Herausforderung, die Wissenschaft dazu zu bringen, zuzuhören, was die Leute sagen. Insofern plädiere ich für direkte, persönliche Begegnungen zwischen Wissenschaftlern und Menschen. Nur dadurch kann auch die Wissenschaft etwas lernen.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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