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Ein schwer bewaffneter Polizist in Nordirland vor Polizeiautos

Konflikte stärken Gruppensolidarität nicht

Bei Kriegen und anderen Konflikten vertieft sich die Distanz zur "feindlichen Gruppe", zugleich wächst die Solidarität in der "eigenen" - so lautet die gängige Annahme. Eine neue Studie widerspricht ihr: Dabei wurde die Hilfsbereitschaft verfeindeter Katholiken und Protestanten in der nordirischen Hauptstadt Belfast auf die Probe gestellt.

Anthropologie 20.08.2014

Hauptresultat: Zwar stimmt es, dass Konflikte die Sympathien für "die anderen" mindern. Zu mehr Zusammenhalt und Altruismus in der eigenen Gruppe führt das aber noch lange nicht, berichten die beiden Anthropologen Antonio Silva und Ruth Mace vom University College London.

Die Studie:

"Cooperation and conflict: field experiments in Northern Ireland" von Antonio S. Silva und Ruth Mace ist am 20.8. in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 20.8., 13:55 Uhr.

Idealer Ort für Konfliktforschung

Der ideale Ort für ihren Untersuchungsgegenstand war Belfast: Die Hauptstadt Nordirlands blickt zurück auf eine lange Geschichte des Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten, deren Auswirkungen bis heute deutlich zu sehen sind.

So bleiben die beiden Gruppen in den einzelnen Stadtteilen größtenteils unter sich, zum Teil sind diese sogar durch Mauern voneinander getrennt. 94 Prozent der Kinder besuchen segregierte Schulen und nur zwölf Prozent der Hochzeiten finden zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeit statt.

"Ideale Bedingungen" also für Konfliktforscher, die ihre Experimente geradezu hinterlistig anlegten: Die teilnehmenden Versuchspersonen wussten anfangs nämlich gar nichts davon. In einem ersten Schritt gingen die Wissenschaftler in 22 Stadtteilen Belfasts von Tür zu Tür und stellten rund 500 Menschen Fragen zu Alter, Bildung, Familienstand, Religion etc. Außerdem wollten sie wissen, ob die Bewohner jemals Opfer von Gewalt durch die jeweils andere Gruppe waren oder sich von ihr bedroht fühlen.

Distanz zu "den anderen" wird größer …

Für die Teilnahme an der Umfrage erhielten die Menschen fünf Pfund. Kaum hatten sie diese Fragen beantwortet, wurden sie gebeten, das Geld zu spenden. Dafür standen drei Institutionen zur Auswahl: eine katholische Schule, eine protestantische Schule und die neutrale Organisation "Save the Children".

Wenig überraschendes Hauptresultat: Menschen sind eher bereit, an eine Institution der eigenen Glaubensrichtung zu spenden als an jene der anderen, das gilt sowohl für die Katholiken als auch für die Protestanten. Insgesamt haben rund zwei Drittel der Testpersonen gespendet, der Rest steckte die fünf Pfund lieber in die eigene Tasche.

Wenig überraschend ist auch ein weiteres Resultat der Studie: Die Bereitschaft, an "die anderen" zu spenden, ist umso geringer, je größer die eigene Gewalterfahrung ist - das gilt sowohl für Einzelpersonen als auch für die untersuchten Stadtviertel.

Man könnte nun gemäß einer gängigen These annehmen, dass Menschen mit stärkeren Gewalterfahrungen als Reaktion die eigene Gruppe umso tatkräftiger unterstützen. Das ist laut den Forschern aber nicht der Fall. Konflikte vergrößern also die Distanz zu "den anderen", stärken aber nicht den Altruismus innerhalb der "eigenen" Gruppe.

… aber "eigene Solidarität" wächst nicht

Diese Tendenz haben Antonio Silva und Ruth Mace auch bei einem zweiten - ebenfalls sehr ausgefuchsten - Experiment gefunden. Dabei überprüften sie nicht die Bereitschaft Geld zu opfern, sondern Zeit. Während die Forscher in ausgewählten Stadtteilen unterwegs waren, ließen sie 832 bereits frankierte Briefe einfach auf den Gehsteig fallen. Adressiert waren diese Briefe an fiktionalen Hilfsinstitutionen mit eindeutigem Hintergrund: "CatholicAID", "ProtestantAID" bzw. "CancerAID".

Damit untersuchten die Forscher, ob in einem Stadtteil Briefe eher an jene Organisation zurückgeschickt werden, die die konfessionelle Mehrheit im Stadtteil repräsentiert. Das Ergebnis war ähnlich wie beim "Spendetest": Die Briefe an die neutrale "CancerAID" wurden am häufigsten retourniert, die Briefe der jeweiligen Mehrheitsgruppe deutlich häufiger als jene der Minderheitsgruppe. Stärkere Gewalterfahrungen erhöhten aber auch hier den Altruismus gegenüber der "eigenen Gruppe" nicht.

Neben der eigenen Gruppenzugehörigkeit erachten die Forscher den sozioökonomischen Hintergrund als zentralen Faktor. Bisherige theoretische Modelle, die oft durch spieltheoretische Experimente im Labor überprüft werden, seien deshalb in Frage zu stellen. Die soziale Wirklichkeit scheint eine andere Sprache zu sprechen.

science.ORF.at

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