Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gesucht: Der Weg zur gut funktionierenden Stadt"

Skyline einer asiatischen Großstadt

Gesucht: Der Weg zur gut funktionierenden Stadt

Städte sind weltweit - im positiven wie negativen Sinn - Brennpunkte der Entwicklung. In ihnen können sich Kreativität und Wertschöpfung ebenso konzentrieren wie Armut und Kriminalität. Der Frage, welche Faktoren eine positive Entwicklung einer Stadt bedingt, geht der US-amerikanische Komplexitätsforscher Luis Bettencourt nach.

Technologiegespräche Alpbach 22.08.2014

Seiner Ansicht nach ist die Stadt ein Netzwerk aus vielen verschiedenen Ebenen, deren Beziehungen man aufschlüsseln müsse, um zu einem Gesamtbild zu kommen. Warum sich Komplexitätsforschung dafür besser eignet als die klassischen Sozialwissenschaften und wie er und sein Team an Daten aus Slumvierteln auf der ganzen Welt kommen, erklärt er im Interview mit science.ORF.at.

science.ORF.at: Was hat Stadtentwicklung mit Komplexitätsforschung zu tun?

Der Komplexitätsforscher Luís Bettencourt

Hans Leitner/ORF

Luis Bettencourt ist Professor für komplexe Systeme am Santa Fe Institute im US-Bundesstaat New Mexico. Er nahm am 23. August im Rahmen der Technologiegespräche Alpbach am Panel "Complexity Science" teil. Die Gespräche werden vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion organisiert. Das Thema heuer lautete "Forschung und Innovation: At the crossroads".

Luis Bettencourt: Komplexitätsforschung beschäftigt sich mit komplizierten Systemen. Das können Systeme aus der Biologie oder der Physik sein, wo viele verschiedene Elemente miteinander interagieren, das kann aber eben auch die Stadt sein. Transport, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Lebensräume, Bildung - das sind nur einige Elemente, die in einer Stadt zusammenkommen. Am diesem Beispiel analysieren wir, wie Subsysteme dynamisch interagieren. Damit wollen wir einen neuen Blick generieren, wie eine Stadt funktioniert.

science.ORF.at: Warum ausgerechnet mittels Komplexitätsforschung?

Bettencourt: Dieser Ansatz ist heute so interessant, weil wir viel mehr Daten zur Verfügung haben als noch vor wenigen Jahren. Dadurch können wir Theorien und Annahmen empirisch überprüfen. Das große Ziel dabei: Wir möchten mathematische Modelle entwickeln, wie alle Teilbereiche zusammenspielen.

science.ORF.at: Welche Daten verwenden Sie dafür?

Bettencourt: Zum einen betrachten wir die Stadt als Raum, erfassen durch die Auswertung von Satellitendaten, welchen Raum Straßen, Gebäude, Grünflächen etc. einnehmen - die "physische Stadt" sozusagen. Dann erheben wir, was es braucht, um die Stadt "am Laufen" zu halten: Energieversorgung, Verkehrsmittel, öffentliche Dienstleistungen etc. Dann gibt es natürlich noch die sozioökonomische Stadt, Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Branchenverteilung, Lohnniveau. Aber es gibt eben auch komplizierter zu Erhebendes, wie beispielsweise die Frage, wie die Menschen den Lebensraum Stadt mit seinen vielen Möglichkeiten nutzen. Oder auch, ob und in welcher Form die Menschen kreativ sind und wie sie ihrer Kreativität Ausdruck verleihen. Das kann man dann noch mit Angaben beispielsweise zur Kriminalität, zum Gesundheits- und Bildungssystem vernetzen und so ein Bild der Stadt als eng gewobenes Netzwerk erzeugen.

science.ORF.at: Zu welchen neuen Erkenntnissen kommt man mit diesem Zugang?

Bettencourt: Man kann Muster in der Stadtentwicklung erkennen, für alle Teile der Welt und auch im historischen Verlauf. Das infrastrukturelle und das soziale Netz können miteinander verglichen werden, und aus der Beziehung zwischen diesen beiden Netzwerken lassen sich Vorhersagen machen, wie sich ein bestimmter Lebensraum sozioökonomisch entwickeln wird. Städte pressen Menschen auf kleinem Raum zusammen. Dadurch entsteht mehr wechselseitige Abhängigkeit, was wiederum positiv für die wirtschaftliche Entwicklung sein kann.

science.ORF.at: Wie genau kommen Sie zu diesen Vorhersagen?

Bettencourt: Zu Beginn haben wir Städte auf Basis aktueller Daten verglichen: große mit kleinen, entwickelte mit weniger entwickelten. Daraus wollten wir ableiten, was wo warum gut oder schlecht funktioniert. Die Frage, wie sich eine Stadt in Zukunft entwickeln wird, ist damit aber schwer zu beantworten. Wir versuchen es deshalb jetzt mit einem sehr individuellen Ansatz, und zwar anhand von Slumvierteln. Wir schauen uns an, wie sich durch bestimmte Dienstleistungen das Leben der Menschen verändert, wie sich Nachbarschaften im Austausch mit der Stadt verändern und wie diese zuerst lokalen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Netzwerke stadtweite Bedeutung bekommen. Wir wollen herausfinden, welche Faktoren kulturspezifisch sind und welche generell die Entwicklung einer Stadt befördern.

science.ORF.at: Wie kommen Sie an die Daten?

Bettencourt: Wir arbeiten mit der internationalen NGO Slum Dwellers International zusammen, die in kleinen Vierteln in Kooperation mit der Bevölkerung eine Art Zensus macht. Sie erheben nicht nur Bevölkerungszahlen, sondern auch Art der verfügbaren Dienstleistungen und wie viel Geld die Menschen für Wasser, Elektrizität und Bildung ausgeben. Für uns ist das besonders wertvoll, weil in Städten in Sub-Sahara-Afrika, Indien und Lateinamerika die vorliegenden offiziellen Zahlen oft nicht stimmen. Durch die Kooperation öffnet sich für uns ein Fenster, wir können eine real stattfindende Entwicklung erfassen und für unser Modell abstrahieren. Was uns wichtig ist: Beide Seiten profitieren. Wir bekommen das Datenmaterial, dafür geben wir unsere Ergebnisse weiter, weil sie bei Verhandlungen mit Stadtverwaltung und -politik helfen können.

science.ORF.at: Was kann Ihr Ansatz, was klassische sozialwissenschaftliche Disziplinen nicht können?

Bettencourt: Ich schätze die klassische Sozialwissenschaft sehr. Die Soziologie war eines der ersten Fächer, das untersucht hat, wie Leben in der Stadt funktioniert. Auch die Wirtschaftswissenschaften, die Anthropologie, die Psychologie usw. haben sich damit beschäftigt. All diese Ansätze haben sehr wichtige Aspekte von Stadtentwicklung erfasst. Aber: All diese Zugänge haben relativ isoliert, teilweise sogar in Konkurrenz zueinander gearbeitet. Anhand unseres Zugangs können wir zum einen viele der bisherigen Erklärungsansätze empirisch überprüfen. Wir haben heute die Daten dafür. Und: Wir können die Ansätze integrieren. Wir können den individuellen Stresslevel in Beziehung setzen mit der räumlichen und sozioökonomischen Umgebung. Im Grunde mischen wir all die Ideen zusammen, und daraus hervorgehen soll ein Bild eines Menschenlebens in der Stadt.

science.ORF.at: Welche Disziplinen arbeiten dafür zusammen?

Bettencourt: Am liebsten hätten wir alle Disziplinen an unserem Institut. Stark vertreten sind aber die Physik, die Ökonomie, die Archäologie und die Anthropologie, die Biologie mit Schwerpunkt Evolution sowie die Computerwissenschaften mit besonderem Fokus auf komplexe Algorithmen.

science.ORF.at: Wenn Sie vorausschauen: Welche Trends werden die Stadtentwicklung der nächsten Jahrzehnte dominieren?

Bettencourt: Es gibt zwei Trends: Computertechnologie eröffnet große Chancen, um die Lebensqualität in Städten zu verbessern. Computergesteuerter Verkehr beispielsweise, automatisierter Transport von Waren - durch die vielen Daten, die wir zum Leben in der Stadt heute sammeln und auswerten können, wird es möglich, solche Systeme aufzubauen. Damit in Zusammenhang steht der zweite Trend: Soziale Kontakte brauchen immer weniger physischen Raum, vieles hat sich in den letzten Jahren ins Internet verlagert. Das bedeutet auch, dass sich unsere Art, wie wir Raum benutzen, verändert hat und verändert. Wie das die Dichte unserer Städte verändern wird, darüber wird heftig diskutiert.

Ganz generell werden wir in erfolgreichen Städten Gesellschaften sehen, die immer mehr Kreativität und Wissen in Produkte und Dienstleistungen investieren, die weniger Energie und Material verwenden - eine große Aufgabe, besonders wenn wir uns vor Augen führen, dass in wenigen Dekaden noch viel mehr Menschen in Städten leben werden. Man kann nur hoffen, dass es gelingen wird, Städte zu diesen Labors an Kreativität zu machen und damit auch Problemen wie Armut und Krankheit zu begegnen.

Das Interview führte Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: