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Mund eines Mädchens

Wirtschaftlicher Erfolg lässt Sprachen sterben

Von den mehr als 6.000 weltweit gesprochenen Sprachen wird die Hälfte in den nächsten 100 Jahren verschwinden, schätzen Experten. Hauptursache ist einer Studie zufolge das Wirtschaftswachstum: Ökonomischer Erfolg gefährdet offenbar die Sprachenvielfalt.

Vielfalt 05.09.2014

Kriterien für bedrohte Sprachen

Die Studie in den "Proceedings of the Royal Society B":

"Global distribution and drivers of language extinction" von T. Amano et al., erschienen am 3. September 2014.

Alle zwei Wochen verschwindet Schätzungen zufolge eine Sprache. Bis jetzt gibt es allerdings wenige Ideen, wie man diesen kulturellen Verlust vorbeugen oder verhindern könnte. Laut den Forschern um Tatsuya Amano von der University of Cambridge liegt das auch daran, weil man nicht genau weiß, welche Faktoren das Aussterben begünstigen bzw. welche Regionen besonders davon betroffen sind.

Um die Rate und die Verteilung des Verschwindens zu quantifizieren, verwendeten die Forscher in Anlehnung an die Biologie ähnliche Kriterien wie für die Rote Liste bedrohter Arten. Die drei wesentlichen Risikofaktoren dabei sind: eine kleine Population - für eine Sprache bedeutet das wenige Sprecher, eine geringe geographische Verteilung bzw. Reichweite und das Schrumpfen der Population, d.h. das Verschwinden von Sprechern. Nach dieser Berechnung sind 25 Prozent aller Sprachen extrem gefährdet; sie stehen sozusagen auf der roten Liste der bedrohten Sprachen.

Die Auswertung der Daten ergab zudem, dass es einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf und dem Verschwinden von Sprachen gibt: Je größer der wirtschaftliche Erfolg einer Region, umso größer ist auch der Verlust der Sprachdiversität. "Im Zuge der Wirtschaftsentwicklung wird meist eine Sprache dominant, die auf allen Ämter, Schulen, usw. gesprochen wird", wie Amano den Zusammenhang erklärt.

Zweisprachigkeit zur Bewahrung

So verschwinden etwa die Sprachen der indigenen Bevölkerung in der nordwestlichsten Ecke von Nordamerika in einem alarmierenden Tempo, z.B. Upper Tanana. Die in Ostalaska gesprochene Sprache hatte 2009 nur mehr 24 aktive Sprecher und wurde von Kinder nicht mehr gelernt. Auch im nördlichen Australien sind einige Aborigines-Sprachen bedroht oder bereits verschwunden, wie Margu. Auch europäische Sprache sind auf der Liste, etwa das skandinavische Ume Sami oder das französische Auvergnat. Besonders gefährdet sind zudem tropische Gebiete und die Himalaya-Region, wie manche Gegenden in Brasilien oder Nepal.

Die Autoren wünschen sich sofortige Maßnahmen für diese "Hot Spots" des Sprachenverlusts, denn das Tempo des Sprachensterbens übertreffe schon jetzt den ebenfalls katastrophalen Verlust der Biodiversität.
Sie haben auch einen konkreten Vorschlag, die Förderung von Zweisprachigkeit. Davon würden die einzelnen Sprecher profitieren, und nebenbei eine Sprache vom Aussterben bewahrt. Ein gutes Beispiel dafür sei Walisisch, welches in Wales neben Englisch auch Amts- und Schulsprache ist.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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