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Ein Baby ist von einem Maßband eingewickelt

Wie das weltweite Standardbaby aussieht

Babys sind weltweit gleich groß und schwer, wenn sie von gesunden Müttern stammen. Das "Standardneugeborene" ist laut einer neuen Studie 3,3 Kilo schwer, 49,4 Zentimeter lang und hat einen Kopfumfang von 34 Zentimetern. Mit diesen Standardwerten wollen Mediziner für einen weltweit vergleichbaren und besseren Gesundheitsschutz sorgen.

Medizin 05.09.2014

Sie haben auch die idealen Wachstumswerte für ungeborene Kinder errechnet, wie sie in zwei zeitgleich erschienenen Studien berichten.

"Erstmals haben wir damit für Ungeborene ab der 14. Schwangerschaftswoche und Neugeborene weltweit gültige Standards dafür, wie sie sich unter optimalen Bedingungen entwickeln", urteilt Angelika Berger, stellvertretende Leiterin der Klinischen Abteilung für Neonatologie am Wiener AKH.

Wenn Babys unterernährt oder zu dick auf die Welt kommen, hätten sie oft kurz- bis langfristige gesundheitliche Probleme.

Tausende Babys rund um die Welt verglichen

Grundlage für beide Studien ist das "INTERGROWTH-21st Project", in dessen Rahmen 60.000 Babys aus acht verschiedenen Ländern rund um den Erdball - Brasilien, Italien, England Kenia, Oman, China, Indien und die USA - untersucht wurden.

Für den idealen Geburtstyp verwendete ein Team um José Villar von der Oxford University Daten von 20.000 Schwangeren, die gesund und gut ernährt waren. Ihre Babys zeigten in allen Ländern sehr ähnliche Werte bei der Geburt, überall waren die Buben auch etwas größer und kräftiger als die Mädchen. Auch die Werte nach verschiedenen Wochen Schwangerschaft - die Forscher untersuchten Geburten zwischen der 33. und der 42. Woche - waren überall ähnlich: Wenig verwunderlich sind die Kinder umso größer und schwerer, je später sie aus dem "Hotel Mama" ausziehen.

In einer zweiten Studie errechneten Forscher um Aris Papageorghiou von der Universität Oxford das ideale Wachstum vor der Geburt. Dabei verglichen sie Werte von 4.600 Frauen ab der 14. Schwangerschaftswoche. Alle fünf Wochen wurden die Körper der Föten per Ultraschall untersucht und Werte wie Kopfumfang, Länge der Oberschenkel und Durchmesser des Bauchs gemessen.

Schwerwiegende medizinische Entscheidungen

Beide Untersuchungen hatten das gleiche Design wie eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die die Gesundheitsstandards von Kindern zwischen der Geburt und dem fünften Lebensjahr definiert und in über 140 Ländern angewendet wird. Da für die Zeit vor und bis zur Geburt aber weltweit mit unterschiedlichen Zahlen hantiert wurde, haben die Forscher nun eine Lücke geschlossen.

"Das ist sehr sinnvoll", meint Angelika Berger gegenüber science.ORF.at. "Bisher wurde weltweit mit unterschiedlichen Standards gearbeitet, um teilweise schwerwiegende medizinische Entscheidungen zu treffen. Wächst ein Fötus in der Schwangerschaft nicht entsprechend von Referenzwerten, kann es z.B. zu einer vorzeitigen Entbindung kommen, die eine Schädigung durch Wachstumsrückstände verhindern soll."

Zwar gebe es schon jetzt internationale Standards wie die Fenton Growth Charts, aus methodischen Gründen seien die jetzt in der Fachzeitschrift "The Lancet" vorgeschlagenen aber zu bevorzugen.

Babys wachsen überall gleich

Das "INTERGROWTH-21st Project" macht auch auf einen Umstand aufmerksam, den die Medizin schon länger kennt: Genetik und ethnische Herkunft spielen bei Föten und Neugeborenen keine Rolle für das Gewicht und die Körpergröße.

"Es macht für sie keinen Unterschied, ob sie sich in Österreich, Brasilien oder in Indien entwickeln bzw. dort geboren werden", sagt Angelika Berger. "Umweltbedingungen und Ernährung entscheiden bei ihnen über ihr Wachstum."

Das ändere sich erst ab einem Lebensalter von vier Jahren. "Bei diesen älteren Kindern sind ethnische Faktoren wichtiger als die Umwelt, deshalb sind bei ihnen regionale Normwerte sinnvoll." Ebensolche haben Kollegen von Berger vergangenes Jahr in einer Studie beschrieben.

20 Millionen unterernährt

Bei den beiden aktuellen Studien ist es aber um Neugeborene und Föten gegangen. Die errechneten Idealmaße hatten dabei wesentliche Voraussetzungen: nämlich, dass die Mütter gesund waren und unter guten sozioökonomischen Bedingungen lebten. Dies ist aber weltweit nicht überall der Fall. Jährlich werden rund 120 Millionen Babys geboren, 20 Millionen davon sind laut UNICEF unterernährt, kommen also mit einem Geburtsgewicht von weniger als zweieinhalb Kilogramm auf die Welt.

Das führt zu einem schlechteren Immunsystem und erhöht das Risiko für Krankheiten und Tod in der Kindheit; im Erwachsenenalter ist es mit einem größeren Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Letzteres gilt übrigens auch für Menschen, die als übergewichtige Babys zur Welt gekommen sind - ein Phänomen speziell in den Industrie- und Schwellenländern.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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