Standort: science.ORF.at / Meldung: "Depressionen im Blut erkennen"

Ein Mann hält sich den Kopf, hinten geht die Sonne unter, man sieht nur seinen Schatten

Depressionen im Blut erkennen

Depressionen stehen auf der Liste der psychischen Erkrankungen ganz oben und nehmen Schätzungen zufolge weiter zu. Oft bleiben sie jedoch unerkannt und somit unbehandelt. Ein Problem ist die rein symptomatische Diagnose. Helfen könnte ein objektiver Bluttest. US-Forscher sind einem solchen nun ein Stück näher gekommen.

Diagnose 17.09.2014

Seuche der Moderne

Die Studie in "Translational Psychiatry":

"Blood transcriptomic biomarkers in adult primary care patients with major depressive disorder undergoing gognitive behavioral therapy" von E. E. Redei et al., erschienen am 16. September 2014.

Die Depression ist eine komplexe psychische Erkrankung. Weltweit leiden laut WHO etwa 350 Millionen Menschen daran, Tendenz steigend. Die Seuche der Moderne kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Und: Wer einmal daran erkrankt, bleibt gefährdet. Etwa 50 Prozent werden zumindest eine weitere depressive Episode erleben. Nach zwei oder mehr Phasen ist das Risiko eines Rückfalls gar um 70 bis 80 Prozent erhöht. Entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung ist laut den Forschern um Eva Redei von der Northwestern University in Chicago zu allererst eine exakte Diagnose. Aber genau dabei beginne das Problem.

Derzeit wird die Krankheit ausschließlich auf Basis der Symptome und ihres Verlaufs erhoben. Im Gespräch mit Patientinnen und Patienten versuchen Psychiater, Psychologen oder Hausärzte, die Krankheit anhand einer Liste von Kriterien zu identifizieren. Eine klare Diagnose ist oft schwierig: Viele Betroffene unterbewerten die psychischen Symptome oder können sie nicht adäquat beschreiben.

Zudem kommen die verschiedenen Diagnoseschemata mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen. Daher dauert es den Forschern zufolge zwischen zwei und 40 Monaten, bis die Betroffenen eine entsprechende Diagnose erhalten. Und je länger die depressive Phase anhält, umso schwieriger ist die Krankheit zu behandeln. In den Praxen der Hausärzte bleiben Depressionen aufgrund der diagnostischen Schwierigkeiten vielfach auch völlig unerkannt.

Verändertes Blutbild

Ein objektiver biologischer Test könnte Abhilfe schaffen, wie die Forscher in ihrer aktuellen Arbeit schreiben. Für die klinische Praxis wäre es am einfachsten, die Krankheit im Blutbild zu erkennen. Seit Jahren suchen daher verschiedene Arbeitsgruppen nach entsprechenden biologischen Markern. Denn es herrsche prinzipielle Einigkeit, dass psychische Erkrankungen mit biologischen Veränderungen einhergehen, wie Lukas Pezawas von der MedUni Wien gegenüber science.ORF.at bestätigt. Fragt sich nur, mit welchen? Er selbst hat etwa heuer im Frühjahr erste Ergebnisse zu einem Test präsentiert, der die Transportproteine für den Nervenbotenstoff Serotonin bestimmen soll.

Die Forscher um Redei haben ebenfalls schon vor zwei Jahren einen Bluttest vorgestellt, mit Hilfe dessen sie Jugendliche mit Depressionen von solchen ohne unterscheiden konnten. Dasselbe Set von Markern haben sie nun auf Erwachsene aller Altersgruppen im klinischen Kontext angewandt. Von den 64 Studienteilnehmern litten 32 an einer Depression, wie die Forscher anhand eines standardisierten Fragebogens vorab festgestellt hatten. Die Patienten erhielten zudem acht Wochen lang eine kognitive Verhaltenstherapie.

Im Blut der Depressiven und nicht Depressiven zeigten sich vor der Behandlung deutliche Unterschiede bei neun Biomarkern. Am Ende waren die Unterschiede nur noch bei drei davon messbar, und zwar dann, wenn die Therapie gewirkt hatte. Laut den Forschern macht das deutlich, dass bestimmte Anlagen eine Rolle spielen - sie bleiben auch dann bestehen, wenn die Patienten gesund sind. Zudem lieferte das Blutbild laut Studie auch Anhaltspunkte dafür, ob ein Betroffener auf eine Therapie ansprechen wird.

Ziel der Objektivierung

Eine unmittelbare Relevanz für die klinische Praxis kann Pezawas in den Ergebnissen nicht ausmachen. Die Fragebogenauswahl hält er für unzureichend, zudem sei das Sample viel zu klein für allgemeine Aussagen - ein Umstand, den die Autoren selbst einräumen. Die Zusammenhänge müssten erst in einer umfassenden Untersuchung wiederholt werden.

Generell werde es noch eine Weile dauern, bis ein praxistauglicher Test verfügbar ist, wie Pezawas erläutert: "Die Depression ist - wie viele andere - eine Erkrankung mit heterogenen biologischen Ursachen. Derartige Studien können nur statistische Zusammenhänge ausmachen, die dann erst auf die Einzelperson umgelegt werden müssen." Das heißt unter anderem, sobald man einen Indikator gefunden hat, muss man noch sämtliche andere Einflüsse untersuchen, zum Beispiel den der Lebensführung. Fazit: Es tut sich zwar viel in diesem Bereich, aber in den nächsten zehn Jahren wird es noch keinen standardisierten Bluttest für Depressionen geben, wie Pezawas schätzt.

Der Nutzen eines solchen liegt laut dem Mediziner indes schon jetzt klar auf der Hand. Die Krankheit ließe sich auf diese Weise objektivieren. Heute ist eine Diagnose schwierig, da sie von den subjektiven Angaben der Betroffenen abhängt, diese werden stark von der jeweiligen Persönlichkeit geprägt. Auch bestimmte PatientInnen sind benachteiligt, zum Beispiel jene mit Migrationshintergrund. Zudem wäre ein solcher Test sehr wünschenswert, um die Wirksamkeit einer Therapie zu überprüfen und den Krankheitsverlauf zu erfassen. Langfristig ließe sich daraus ableiten, für wen welche Behandlung am sinnvollsten ist.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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