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Eine Biene auf einer Sonnenblume

Neue Antikörper erkennen Bienenviren

Die Ursachen für das weltweite Bienensterben sind nach wie vor mysteriös - Parasiten und Krankheitserreger gehören jedoch zu den Hauptverdächtigen. Gegen zwei Virenarten wurden von einer Wiener Forschungsgruppe nun Antikörper entwickelt.

Veterinärmedizin 19.09.2014

Seit Beginn der 2000er Jahre verbreitet eine rätselhafte Seuche Angst und Schrecken unter Imkern: Millionen von Bienenvölkern in Nordamerika und Europa sind dem als "Völkerkollaps" bezeichneten Phänomen bisher zum Opfer gefallen.

Die wirtschaftlichen Folgen sind katastrophal - für die Bestäubung von Nutzpflanzen gibt es im Tierreich keinen auch nur annähernd so effizienten Hilfsarbeiter wie die Biene. Der Wert ihrer Arbeit wird allein in Österreich auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

Viele Faktoren setzen den Bienen zu

Seit dem Ausbruch der rätselhaften Epidemie versuchen Wissenschaftler daher ihre Ursachen zu ergründen. Während Handystrahlung oder gentechnisch veränderte Pflanzen als Ursache nahezu ausgeschlossen werden können, gibt es einige andere Faktoren, die mit größerer Wahrscheinlichkeit zusammenwirken, sagt Till Rümenapf, Leiter des Instituts für Virologie an der Veterinärmedizinischen Uni Wien. "Insektizide, Pflanzenschutzmittel und Monokulturen, aber auch Krankheiten und Parasiten machen den Bienen schwer zu schaffen."

In der Bienenmilbe Varroa destructor sieht Rümenapf einen der größten Schädlinge. Die nur etwa einen Millimeter langen Spinnentiere beißen sich an den Insekten fest und ernähren sich ihr Leben lang von deren Köperflüssigkeiten.

Doch auch Viren spielen bei dem Niedergang der Honigbiene anscheinend eine wichtige Rolle, betont Rümenapf: "Es gibt neue Hinweise darauf, dass diese Viren, die es offensichtlich schon lange in den Bienen gibt, im Zusammenspiel mit der Varroamilbe ein viel stärkeres Krankheitsbild hervorrufen."

Ein Projekt der Bioökonomie

Die Forschung zu den Bienenvieren ist ein Projekt von BIOS Science Austria, ein Zusammenschluss aus Einrichtungen wie der BOKU, der Veterinärmedizinischen Universität, dem Umweltministerium und der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) im Bereich Lebenswissenschaften, welche das Thema Bioökonomie in Österreich stärker etablieren will. Diese Wirtschaftsform will sich an natürlichen Stoffkreisläufen orientieren, soll nachhaltig sein und im Wirtschaftskreislauf nicht-nachwachsende Ressourcen durch erneuerbare Rohstoffe ersetzen.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in den Dimensionen: 19.09., 19:05 Uhr.

Antikörper für die Diagnose

Doch bisher ist kaum etwas über die Bienenviren bekannt. Der Forscher hat daher vor zwei Jahren ein von BIOS Science Austria finanziertes Forschungsprojekt gestartet, das dabei helfen soll, den Krankheitsverlauf der Virusinfektionen in Honigbienen besser zu verstehen.

Dabei konzentriert er sich auf die zwei häufigsten Virenarten: das "deformierte Flügelvirus" und das "akute Bienenparalysevirus"; beide wirken auf die Insekten tödlich. In einem ersten Schritt des Projekts wurden Antikörper entwickelt, die zuverlässig an die beiden Bienenviren binden.

"Um diese Infektion der Bienenvölker mit den Viren genauer untersuchen zu können, braucht man zunächst die wissenschaftlichen Werkzeuge, um überhaupt bestimmen zu können, ob eine Biene infiziert ist oder nicht", so Rümenapf. Die von ihm entwickelten Antikörper erfüllen genau diesen Zweck: Man kann chemische Substanzen daran hängen, die entweder fluoreszieren oder färbende Reaktionen auslösen - so kann man die Anwesenheit der Viren eindeutig feststellen.

Schnelltest für Imker

Der Forscher will damit einerseits den Krankheitsverlauf beobachten, denn bis jetzt ist noch völlig unklar, wie sich die Viren in der Biene vermehren und welche Zellen sie angreifen. Andererseits kann damit ein Schnelltest entwickelt werden, der aufwendige Genomanalysen im Labor ersetzen könnte.

"Das Ziel ist, dass der Imker oder ein behandelnder Veterinärmediziner direkt am Bienenstock feststellen kann, ob ein Virenbefall vorliegt", erklärt Rümenapf. So könnte man den Imkern eine Entscheidungsgrundlage liefern, ob sie den Stock aufgeben müssen, oder ob sich eine weitere Überwinterung lohnt.

Langfristig sollen die Viren aber nicht nur diagnostiziert, sondern auch verstanden und bekämpft werden. Ein ehrgeiziges Vorhaben: Die Erreger stammen aus derselben Familie wie das menschliche Poliovirus und sind extrem widerstandsfähig gegen gängige Sterilisationsmethoden.

Die Erkenntnisse über ihre Pathogenese, die Rümenapf nun mit seinen Antikörpern gewinnen möchte, könnten einen wichtigen Beitrag für eine Therapie der Bienen liefern. Dafür, schätzt der Wissenschaftler, wird jedoch noch mindestens ein Jahrzehnt an Forschungsarbeit nötig sein.

Wolfgang Däuble, Ö1 Wissenschaft

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