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Grabungsarbeiten in Willendorf

Willendorf: Ein Paradies für Anthropologen

43.500 Jahre alt sind die soeben in Willendorf entdeckten ältesten Spuren des modernen Menschen in Europa - und damit älter als bisher gedacht. Warum der Ort in der Wachau ein Paradies für Anthropologen ist und was die neuen Funde für unser Verhältnis zu den Neandertalern bedeuten, erklärt Studienleiter Bence Viola von der Universität Wien.

Moderner Mensch 24.09.2014

Unsere Vorfahren sind aus dem Nahen Osten nach Europa gewandert, unter anderem entlang der Donau. Obwohl es damals recht kalt und trocken war, haben sie sich in der Wachau niedergelassen, so Bence Viola, der Leiter der Ausgrabung von der Universität Wien, im science.ORF.at-Interview.

Handelt es sich bei der Fundstelle um die gleiche wie bei der berühmten Venus von Willendorf?

Die Studie:

"Early modern human settlement of Europe north of the Alps occurred 43,500 years ago in a cold steppe-type environment" von Philip Nigst und Kollegen ist am 21.9.2014 in den "PNAS" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 22. und 23. 9., Uhr.

Bence Viola : Fast, sie liegen nur fünf Meter voneinander entfernt. Wobei die Venus "nur" rund 25.000 alt ist und somit weiter oben gefunden wurde.

Was genau haben Sie und Ihr Team gemacht?

Wir haben nach Lamellen-Werkzeugen gesucht und gefunden: Bruchstücke aus Feuerstein, die nur eineinhalb Zentimeter lang und ein paar Millimeter breit sind. Diese Lamellen wurden auf Knochensplitter aufgeklebt und sind Teile von Werkzeugen. Die Werkzeuge sind typisch für das Aurignacien, eine Kultur der jüngeren Altsteinzeit, die man eindeutig dem modernen Menschen zuordnen kann.

Warum gibt es Knochenfunde aus dieser Zeit von Neandertalern, aber nicht von der Aurignacien-Kultur?

Weil die Neandertaler in erster Linie Höhlen bewohnt haben, die modernen Menschen aber das Freiland. Wir kennen keine Freilandfundstellen aus dieser Zeit vor 40.000 Jahren mit erhaltenen Knochen. Das Klima war damals so, dass die Böden sehr sauer waren, und das führte dazu, dass keine Knochen erhalten sind. Wir finden aus der Zeit nur Steingeräte, keine Knochengeräte, keine Speisereste und keine Knochen. Bei Funden, die etwas jünger sind - etwa aus einer Zeit vor 30.000 oder 35.000 Jahren - gibt es diese Knochen, und die lassen sich eindeutig anatomisch dem modernen Menschen zuordnen. In den Höhlen der Neandertaler gibt es das Problem mit den sauren Böden nicht.

Gibt es dennoch irgendwelche Hinweise auf Neandertaler in Willendorf?

Nur ein paar Steingeräte, die vielleicht von ihnen hergestellt wurden, die stammen von Altgrabungen. Aber im Grund wissen wir dazu nichts. Die nächsten eindeutigen Neandertaler-Fundstellen befinden sich in Mähren, Kroatien und Ungarn.

Was bedeuten die neuen Funde für das Verhältnis des modernen Menschen zum Neandertaler?

Wir konnten zeigen, dass die modernen Menschen schon vor 43.000 Jahren aufgetaucht sind. Da wir von anderen Fundstellen wissen, dass die Neandertaler mindestens bis vor 40.000 Jahren gelebt haben, haben wir eine Überlappung von mindestens 3.000 Jahren. In dem Zeitraum hat es kulturelle und biologische Kontakte zwischen den beiden gegeben. Wir wissen von genetischen Daten, dass sich die beiden vermischt haben. Alle modernen Menschen außerhalb Afrikas tragen heute ein bis drei Prozent Neandertaler-DNA in sich.

Wie verhält sich Willendorf zu den anderen Fundstellen der Aurignacien-Kultur in Europa?

Willendorf ist die älteste. In Deutschland gibt es eine Stelle in der schwäbischen Alp, wo Venusfiguren, Flöten aus Knochen, Anhänger aus Elfenbein etc. gefunden wurden, aber sie ist ein paar tausend Jahre jünger als Willendorf. Wir nehmen an, dass die modernen Menschen ursprünglich aus Afrika, dann aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und die Kultur mit sich gebracht haben. Das Donautal war wohl eine der Wanderungsrouten. Willendorf dürfte eine der ersten Fundstellen sein, weil sie hier zuerst vorbeigekommen sind. Wahrscheinlich gibt es in Rumänien und Ungarn noch ältere Fundstellen, die hat man aber bisher nicht entdeckt.

Wie war das Klima in Willendorf damals?

Relativ kühl. Man dachte früher, dass die ersten modernen Menschen in einer warmen Phase gekommen sind. In Willendorf war es damals aber ziemlich kalt und trocken, kälter als heute. Das wissen wir von Schnecken, die wir gefunden haben, die sehr spezifisch an die Umwelt angepasst sind.

Warum ist Willendorf solch ein Paradies für Archäologen und Anthropologen?

In Willendorf haben wir eine andauernde Anwehung von Löss, wodurch die menschlichen Siedlungen zugeweht werden und somit erhalten bleiben. Auch das Klima dürfte in der Wachau günstig sein, weshalb sie so relativ häufig besiedelt war. Das zeigen auch die Fundstellen um Krems, wie etwa am Wachtberg. Aber man muss bedenken: Wir sprechen hier von langen Zeiträumen - in Willendorf gibt es mindestens elf Besiedlungszeiten, aber verstreut über zehntausende von Jahren.

Was ist archäologisch noch zu erwarten von Willendorf, wird man je Knochen finden?

In der Schicht, in der wir gegraben haben, werden wir nie Knochen finden. Der beste Teil der Siedlung ist bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben worden, wir haben im Randbereich nahe der Bahn gegraben. Es gibt aber einige andere Stellen ein paar hundert Meter entfernt, wo man noch graben könnte. Das Problem: Da stehen meistens Weinberge, und die Weinbauern sind dagegen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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