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Wien: Blick über die Innere Stadt in Richtung 22. Bezirk mit den Hochhäusern auf der Donauplatte

"Straßennamen mit Diskussionsbedarf"

Im Jahr 2012 wurde der ehemalige Wiener Dr.-Karl-Lueger-Ring zum Universitätsring umbenannt. Kandidaten für weitere Umbenennungen in der Bundeshauptstadt gebe es noch "genügend", betont der Historiker Oliver Rathkolb.

Wien 24.09.2014

Rathkolb und seine Kollegen haben letztes Jahr ihre Bestandsaufnahme belasteter Wiener Straßennamen als Kommissionsbericht veröffentlicht. Nun liegt der Band in ergänzter und verdichteter Form vor. Am 29. September folgt die offizielle Vorstellung des Buches.

SS-Oberführer Porsche

Buch und Präsentation

Peter Autengruber/Birgit Nemec/Oliver Rathkolb/Florian Wenninger: "Umstrittene Wiener Straßennamen", styriabooks, 288 Seiten, 24,99 Euro;

Präsentation am 24. September, 19.00 Uhr, Buchhandlung Thalia Landstraße, W3, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, 1030 Wien bzw. offizielle Präsentation mit Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny am 29. September, 18.30 Uhr, Theatermuseum, Eroica-Saal, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien

In vier Kategorien finden sich etwa Autokonstrukteur Ferdinand Porsche, der die Karriereleiter der Nationalsozialisten bis zum Rang des SS-Oberführers mit Totenkopfring erkletterte und dem heute eine Straße im 23. Bezirk gewidmet ist, oder Radprofi, NSDAP-Mitglied und SA-Oberscharführer Franz "Ferry" Dusika, nach dem eine Gasse im 22. Bezirk benannt ist.

Als Anleitungskatalog für die nächsten Umbenennungen will Rathkolb den Band allerdings nicht verstanden wissen: "Das ist nicht unsere Aufgabe, die Diskussion gehört auf die Bezirks- und Anrainerebene." Von dieser habe die Kommission auch bereits erste Anfragen erhalten und beispielsweise in Mariahilf oder Hietzing Bezirksergebnisse im Detail präsentiert. "Man sieht, da bewegt sich einiges", meinte der Historiker.

Möglich: Erklärende Zusatztafeln

"Uns ging es vor allem um die wissenschaftliche Aufarbeitung", erklärte Historiker Peter Autengruber, ebenfalls Teil der Kommission. Geht es nach den Experten, sollte diese Aufarbeitung nun zumindest in erklärenden Zusatztafeln münden. "Das wäre eine praktikable Lösung und würde die Diskussion anregen", so Rathkolb. Denn viele Anrainer würden derzeit nicht einmal wissen, nach wem ihre Heimatgassen benannt wurden. Die Gemeinde habe hier aber schon einige moderne und kreative Lösungen überlegt: "Ich bin sehr zuversichtlich", meinte der Historiker.

Dabei habe ihn vor allem die schiere Zahl der als umstritten zu qualifizierenden Straßennamen überrascht, erklärte Rathkolb. Es sei zudem teils sehr merkwürdig, wer es durch Arbeit von Lobbyisten oder Vereinen zu diesen Ehren geschafft habe. So etwa der heute eher unbekannte "Wagnersänger, glühende Antisemit und Hitlerverehrer" Josef von Manowarda, nach dem 1960 eine Gasse in Wien-Liesing benannt wurde.

Lobbying für Hitlerverehrer

Erfolgreich lobbyiert wurde auch für eine von zwei Frauen in der Riege der umstrittenen Namen: Die Schriftstellerin Maria Grengg verschob zu Ehren Adolf Hitlers sogar ihr Geburtsdatum um ein Jahr und behauptete, ebenfalls 1889 geboren worden zu sein. Nun ist sie Teil der "Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf". Die andere Frau ist übrigens die ehemalige SPÖ-Stadträtin Maria Jacobi, der die Kommission zur Aufklärung der Misshandlungsfälle im Kinderheim Wilhelminenberg die politische Hauptverantwortung für die Zustände im Heim zusprach.

Die Buchform habe man vor allem auch genutzt, um weitere kritische Namen zu prüfen und auch einige neue aufzunehmen, berichtete Autengruber. Schlüsseldokumente und Fotografien sollen die Ausführungen ergänzen. Der Fokus lag dabei vor allem auf dem 20. Jahrhundert und einigen "bewussten" Einzelfällen aus dem 19. Jahrhundert. Hier habe man teils auch die Entstehung der Benennungen nachvollziehen können.

Ronald Rainer und der Song Contest

Spannend könnte es auch im Hinblick auf den Song Contest werden, der im nächsten Jahr in Wien stattfindet. Immerhin wird sich die internationale ESC-Community bei der Wiener Stadthalle versammeln, die am Roland-Rainer-Platz residiert. 2006 wurde der Platz nach dem Architekten der Halle benannt, in den "Umstrittenen Straßennamen" wird Rainer immerhin in die Kategorie "Namen mit Diskussionsbedarf" gereiht - u.a. aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seinen Schriften, in denen er sich etwa mit dem Zusammenhang zwischen "Rasse und Wohnform" auseinandersetzte.

science.ORF.at/APA

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