Standort: science.ORF.at / Meldung: "EU-Forschung: Noch Fragen?"

Ein Mann trägt einen Koffer mit dem Sterne EU-Logo

EU-Forschung: Noch Fragen?

"Horizon 2020" heißt das seit Anfang 2014 laufende Forschungsprogramm der Europäischen Union. Bis 2020 sollen knapp 80 Milliarden Euro investiert werden. Wer profitiert davon und wer nicht? Wie sieht es mit dem Lobbying in der Forschungspolitik aus? Und was ist vom neuen Kommissar zu erwarten?

"Horizon 2020" 24.09.2014

science.ORF.at antwortet auf acht Fragen zur Forschungspolitik der EU. Nur so viel sei vorweg verraten: Lobbyiert wird auch im Forschungsbereich, manchmal aber auch mit unerwarteten Ergebnissen. Und: Dass der neue Forschungskommissar aus dem Private Banking kommt, betont einmal mehr die auf Kommissionsebene vorherrschende Sicht, dass Wissenschaft in erster Linie der Stärkung der Wirtschaft dient.

80 Milliarden Euro sind ganz schön viel Geld. Welche Fächer haben denn die besten Chancen auf Forschungsförderung aus Brüssel?

Ö1 Sendungshinweis:

Auch in "Wissen Aktuell ging es am 24.9.2014 um die EU-Forschungspolitik.

Links:

Recherchereise:

Die Antworten (und Fragen) wurden bei einer Recherchereise nach Brüssel gefunden, die der deutsche Verband der WissenschaftsjournalistInnen (WPK) organisiert und über die Robert-Bosch-Stiftung teilweise auch finanziert hat.

"Horizon 2020" ist nicht nach wissenschaftlichen Fächern, sondern in die Bereiche wissenschaftliche Exzellenz (darunter wird grob die Grundlagenforschung verstanden, was aber nicht heißen soll, dass in den anderen Bereichen Exzellenz keine Rolle spielt), industrielle Forschung und gesellschaftliche Herausforderungen aufgeteilt. Sowohl in der - finanziell deutlich aufgewerteten - Grundlagenforschung als auch bei den gesellschaftlichen Herausforderungen stehen die Ausschreibungen allen Disziplinen offen - allerdings konzentrieren sich die gesellschaftlich relevanten Themen wie Ernährung, Energie, Verkehr und Sicherheit ganz stark auf unmittelbar anwendbare Ergebnisse. Das können Prototypen für neue Motoren ebenso sein wie neue Sicherheitstechnologien. Welchen Platz hier die Sozial- und Geisteswissenschaften finden werden, das werden allerdings erst die nächsten Jahre weisen.

Wer bekommt denn am meisten Geld? Die Exzellenz, die industrielle Forschung oder die gesellschaftlichen Herausforderungen?

Robert-Jan Smits, der Generaldirektor für Forschung und Innovation in der EU-Kommission

EPA/JULIEN WARNAND

Eine der Hauptpersonen hinter "Horizon 2020": Robert-Jan Smits, der Generaldirektor für Forschung und Innovation in der EU-Kommission

Mit knapp 30 derzeit budgetierten Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 erhält die Erforschung der gesellschaftlichen Herausforderungen am meisten Geld, darunter am stärksten dotiert: Gesundheit und demographischer Wandel sowie Verkehr. Am zweiten Platz mit knapp 25 Milliarden folgt der Schwerpunkt Exzellenz. Spannend war in den letzten Jahren zu beobachten, dass sich der Europäische Forschungsrat (ERC) - sozusagen das europäische Pendant zum österreichischen FWF - gegen viele Kritiker und Gegner nicht nur als Förderer der Grundlagenforschung etablieren, sondern sein Budget im Vergleich zum letzten Forschungsprogramm von 7,5 auf mehr als 13 Milliarden Euro steigern konnte. Am vergleichsweise wenigsten Budget steht dem Schwerpunkt "Führende Rolle der Industrie" zur Verfügung (17 Mrd. Euro) - allerdings stehen Unternehmen viele andere EU-Töpfe offen.

Warum legt die EU eigentlich so viel Wert auf die unmittelbare Anwendbarkeit der Ergebnisse?

Dazu muss man sehen, dass die gesamte EU-Forschungspolitik dem Thema "Intelligentes und integratives Wachstum" untergeordnet ist. Das bedeutet: Letztlich ist der Sinn und Zweck von Forschungspolitik, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Und auch einen historischen Grund gibt es, sagt der Wissenschaftsjournalist und Lektor für EU-Politik an der TU Darmstadt, Michael Wappelhorst: "Die Forschungsförderung war nicht Teil der Idee der Gründungsväter der Europäischen Union. Man hat erst in den 1980er Jahren entschieden, dass man - um die Wettbewerbsfähigkeit Europas und Europas Industrie voranzubringen - Forschungsförderung auf europäischer Ebene machen muss."

Wenn das alles so verbandelt mit der Wirtschaft ist: Welche Rolle spielt denn Lobbying in der Forschungspolitik?

Pia Eberhardt von der NGO Corporate Europe Observatory

Corporate Europe Observatory

Pia Eberhardt von der NGO Corporate Europe Observatory: "Lobbying in Frühphase von Forschungsprogrammen"

2014 gibt die EU knapp sieben Prozent ihres Gesamthaushalts für "Horizon 2020" aus, man sieht also, dass das kein dominierender Budgettopf ist. Trotzdem wird auch in diesem Bereich lobbyiert, wie Pia Eberhardt von der in Brüssel ansässigen Nicht-Regierungs-Organisation Corporate Europe Observatory betont: "Der Lobbyeinfluss in der Forschungspolitik beginnt ganz früh, nämlich dann, wenn diskutiert wird: 'Für welche Großtöpfe wollen wir überhaupt Geld ausgeben?' Diese werden unter massivem Einfluss auch der Lobbyindustrie festgelegt." Aber es gibt auch überraschende Ergebnisse von Lobbying-Aktivitäten: So haben es die Geistes- und Sozialwissenschaften geschafft, durch gezieltes Lobbying im EU-Parlament den Entwurf von "Horizon 2020" so abändern zu lassen, dass sie nun einen eigenen, im Vergleich zu den anderen Themen allerdings mit 462 Millionen Euro gering dotierten Schwerpunkt mit dem Namen "Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft " haben.

Warum haben sie sich denn überhaupt so aufgeregt? Sie können sich ja auch an Ausschreibungen beteiligen?

Ja, klar. Beim Schwerpunkt zu den gesellschaftlichen Herausforderungen wünscht sich die Kommission sogar ausdrücklich die Beteiligung dieser Disziplinen. Allerdings wird das in Gesprächen immer damit begründet, dass "technologische Entwicklungen ja von der Gesellschaft akzeptiert werden sollen". Dafür sollen die Geistes- und Sozialwissenschaften - überspitzt gesagt - sorgen. Wohl nicht ganz das Verständnis, dass die meisten Forscherinnen und Forscher in diesem Bereich von ihrer Arbeit haben.

Warum wird in der EU überhaupt so viel lobbyiert?

Die Antwort mag in den Ohren gelernter EU-Skeptiker befremdend klingen, aber, so Lobbying-Kritikerin Pia Eberhardt: "Die einzelnen Abgeordneten und Kommissionsabteilungen haben viel zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um das im Verhältnis zur Verantwortung geforderte Wissen aufbringen zu können. Deshalb sind sie auf Informationen von außen angewiesen. Und jene, die am meisten anbieten können, finden die meisten Zugänge." Große Unternehmen und Wirtschaftsverbände hätten am schnellsten verstanden, welch weitreichenden Einfluss sie über die EU in ganz Europa geltend machen können. Gewerkschaften und NGOs hinken da - teils auch aus finanziellen Gründen, teils aber auch, weil EU-Politik noch immer nicht ernst genug genommen wird - hinten nach.

Das heißt im Klartext: Wer weniger Lobbying will, muss mehr Geld nach Brüssel überweisen?

Ja, genau das heißt es. Allerdings: Die Zahlungen nach Brüssel zu erhöhen, diese Forderung traut sich wohl momentan kein Politiker und keine Politikerin eines Mitgliedsstaats zu erheben.

Carlos Moedas, der neue EU-Forschungskommissar

EPA

Carlos Moedas, der neue Forschungskommissar: Banker und ehemaliger Staatssekretär in Portugal

Vor zwei Wochen hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sein neues Kabinett präsentiert. Wie kommt denn darin die Forschung vor? Und was ist vom neuen Forschungskommissar zu erwarten?

Auch hier spiegelt sich die Unterordnung der Wissenschaft unter die Wirtschaft - genau so stellt sich die Kompetenzverteilung nämlich derzeit dar. Der Portugiese Carlos Moedas als neuer Forschungskommissar soll gleich mehreren Vizepräsidentinnen bzw. -präsidenten mit ausdrücklichem Wirtschafts- und Wettbewerbsschwerpunkt zuarbeiten - die Betonung liegt auf "zuarbeiten", als eigenständiges Thema hat es die Forschung nicht auf Vizepräsidentschaftsebene geschafft. Carlos Moedas selbst kommt ursprünglich aus dem Bankenbereich (Schwerpunkt: Investement und Private Banking), innenpolitische Erfahrung gewann er als Staatssekretär in der portugiesischen Regierung. Wie er sein Amt anlegen wird, dazu wagt derzeit noch niemand ein offizielles Statement abzugeben. Hinter vorgehaltener Hand wird allerdings befürchtet, dass wirtschaftliche Kennzahlen die Forschungspolitik noch mehr dominieren könnten.

Fragen & Antworten: Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: