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Winterliche Verhältnisse in den Hohen Tauern: Das Ödenwinkelkees.

Sommer 2014: Eine Rehabilitierung

Dieser Sommer hat in Österreich wohl wenige Menschen glücklich gemacht - ausgenommen vielleicht die Gletscherforscher: Schneefälle im September haben die Eisschmelze gestoppt. Das Stubacher Sonnblickkees in den Hohen Tauern hat sogar an Masse zugelegt, berichtet Heinz Slupetzky in seinem Gletschertagebuch.

Gletschertagebuch 29.09.2014

Guter Sommer für das Sonnblickkees

Von Heinz Slupetzky

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Für science.ORF.at führt Heinz Slupetzky seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab. Ob das Jahr 2014 eine Trendwende markiert, bleibt ungewiss.

Nachdem das Stubacher Sonnblickees – an dem heuer das 50. Mal (!) die Massenbilanz berechnet wurde - schon im Vorjahr nach einer langen Serie mit jährlichen Massenverlusten erstmals wieder ein leichter Massengewinn hatte, folgte heuer ein deutlicher Zuwachs.

Die Ausgangslage am Ende der winterlichen Akkumulationszeit 2013/14 war ungünstig. Die Schneemenge auf dem Stubacher Sonnblickkees war – wie allgemein nördlich des Alpenhautkammes – unterdurchschnittlich.

Als entscheidend stellte sich wieder einmal der Sommer heraus. Kühle Witterungsphasen, die im Gebirge Neuschneefälle bedeuten, unterbrachen immer wieder die seltenen warmen Tage mit starker Abschmelzung:

Erst die schneereichen Eismännern im Mai, dann die Schafskälte im Juni, ein Schneefall um den 10. Juli und mehrere Schneefälle im August bis weit unter das Gletscherende des Sonnblickkeeses herab. Die Folge im Hinblick auf die Gletscher- Jahresbilanz war, dass doch ein ansehnlicher Teil der geringen Schneerücklagen vom Winter den Sommer überdauert haben.

Schon am 13. August war beim Stubacher Sonnblickkees die Abschmelzung weitgehend zu Ende. Heuer aperten deutlich kleinere Eisflächen aus als im Vorjahr (wie das Foto der Webcam vom 10. August zeigt).

Stubacher Sonnblickkees

Hydrographischer Landesdienst Salzburg

Ein großer Teil des Nährgebietes vom Stubacher Sonnblickkees ist am Ende des Sommers noch schneebedeckt.

Ein herbstlich warmer September hätte die Ablationszeit verlängern und die Bilanz in eine (mäßig) negative steuern können. Schneefälle Mitte September bedeckten den Gletscher mit einer dünnen, aber ausreichenden Neuschneeschicht. Bevor am Stubacher Sonnblickkees wieder blankes Eis ausaperte, schafften zwei Kaltlufteinbrüche klare Verhältnisse:

Der erste brachte am 21./22. 9. Schneeschauer bis 2.000 Meter herab, die Neuschneehöhe an der Wetterstation Rudolfshütte betrug acht Zentimeter; ein zweiter, bis 1.850 Meter reichender Schneefall ereignete sich am 24./25.9. mit 10 Zentimeter Neuschnee bei der Rudolfshütte. Das Haushaltsjahr 2013/14 ist damit am Stubacher Sonnblickkees aller Voraussicht nach beendet.

Die Gletscherbilanz

Am Stubacher Sonnblickkees blieb im Nährgebiet eine Schneemenge (umgerechnet in Wasser) von 0,4 Millionen Kubikmeter liegen, im Zehrgebiet schmolzen 0,1 Millionen Kubikmeter ab. Das ergibt eine Bilanz von 0,3 Millionen Kubikmeter. Umgerechnet auf die gesamte, einen Quadratkilometer große Gletscherfläche entspricht das (rechnerisch) einer Schicht Eis von 33 Zentimeter.

Eissee am Sonnblickkees

Heinz Slupetzky

Sonnblickkees: Der Untere Eisbodensee mit Eisbergen

Nach dem leichten Massengewinn im Vorjahr ist das nun ein zweites Jahr ohne Massenverlust. Man muss in der langen Messreihe weit zurückgehen, nämlich bis zum Jahr 1997, um ein Jahr mit ähnlicher positiver Jahresbilanz zu finden.

Nichtsdestoweniger geht das Abschmelzen der von der Gletscherstirn abgetrennten Teile weiter, der neu entstandene Untere Eisbodensee wird immer größer.

Relativ geringer Zuwachs

Man darf die Jahresbilanz vom Stubacher Sonnblickkees nicht überbewerten! In dem langen Trend des Abbaus der Eismasse seit 1982 auf nur mehr etwa die Hälfte des Eisvolumens (von Mitte der 1980er-Jahre) fallen die beiden letzten Jahre nicht ins Gewicht.

Es müssen mehr als 10 Jahre mit erheblichen jährlichen Massengewinnen kommen, damit der Gletscher wieder "echt" vorrücken kann.

Die Massenbilanzmessungen am Stubacher Sonnblickkees werden im Auftrag des Hydrographischen Landesdienstes Salzburg durchgeführt und von diesem gefördert.

Balkendiagramm zeigt Massenbilanz des Sonnblickkees

A. Fischer

Einzelwerte und Summenkurve der jährlichen Massenbilanz vom Stubacher Sonnblickkees

Der Aufwärtshaken von 0,35 Millionen Kubikmeter für das Jahr 2014 im Diagramm ist im Vergleich zu 32 Millionen Kubikmeter Massenverlust, beginnend mit dem Jahr 1982, bis zum Vorjahr, verschwindend klein.

Positive Bilanz – ein Einzelfall?

Mit Stichtag 1. Oktober – dem Ende des sog. Hydologischen Jahres 2013/14 – sind die Glaziologen auf den Gletschern unterwegs, graben Schneeschächte, um die Altschneemenge in den Nährgebieten zu bestimmen, und messen die Höhe der Eisabschmelzung an Messstangen. Daraus werden die Bilanzzahlen Akkumulation und Ablation berechnet.

Jahresvergleich Jamtalferner

A. Fischer

Ein Vergleich: Der Jamtalferner in der Silvretta 2013 und 2014

Wenn in Kürze Ergebnisse von mehreren Gletschern, auch von größeren, vorliegen, wird man sehen, ob das flächenmäßig kleine, nun hochgelegenen Stubacher Sonnblickkees eine Ausnahme bildet. Bisherige Zwischenergebnisse zeigen auch für Gletscher, die heuer wenig Winterschnee "bekamen", wie zum Beispiel beim Jamtalferner, deutlich geringere Ausaperungen.

Der Gletscher war am 17. August 2014 noch mit Altschnee bedeckt, während im Vorjahr um diese Zeit schon große Teile des Gletschers blank waren.

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