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Ein Mann fügt der Europäischen Union Bulgarien hinzu.

Union aus Forschungsarm und Forschungsreich

Bulgarien : Österreich = 3 : 109, Portugal : Belgien = 34 : 151. Im Fall der EU-Forschungspolitik sagen manche Zahlen mehr als viele Worte. Bei diesen handelt es sich um die Anzahl von Förderungen, die einzelne Staaten vom Europäischen Forschungsrat bekommen haben. Sie verdeutlichen: Durch Europas Forschungslandschaft geht ein tiefer Riss.

EU-Forschungspolitik 01.10.2014

Denn nicht nur beim Europäischen Forschungsrat, auch bei den Einreichungen zu den sogenannten Forschungsrahmenprogrammen zeigt sich, dass einzelne Staaten extrem erfolgreich sind, während andere - auch durch Kürzungen im Wissenschaftsbereich während der Wirtschaftskrise - immer wieder zurückfallen. Dieses Thema wird auch den neuen EU-Forschungskommissar Carlos Moedas beschäftigen.

"Wo Tauben sind…."

Carlos Moedas, der neue EU-Forschungskommissar

EPA

Der designierte Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, Carlos Moedas, stand heute dem EU-Parlament Rede und Antwort. Erwartungsgemäß betonte er die Wichtigkeit seines Ressorts für eine positive Wirtschaftsentwicklung, ein großes Anliegen ist ihm deshalb die stärkere Verbindung von Forschung und Unternehmen.

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Ö1 Sendungshinweis:

Über die Kluft in (Forschungs-)Europa berichtete auch "Wissen Aktuell" am 30. September 2014 um 13.55 Uhr.

Seminar:

Die Informationen zu diesem Beitrag entstammen zum Teil einer Recherchereise nach Brüssel, die der deutsche Verband der WissenschaftsjournalistInnen (WPK) organisiert und über die Robert-Bosch-Stiftung teilweise auch finanziert hat.

Der Europäische Forschungsrat ist auf EU-Ebene das, was in Österreich der Wissenschaftsfonds FWF ist. Jeder exzellente Forscher bzw. jede exzellente Forscherin kann sich um eine Förderung bewerben. Geht es nach den Zahlen der letzten Jahre, scheint die Exzellenz in Europa recht eindeutig verteilt:

So gingen in der letzten Ausschreibungsperiode 120 Grants allein an die Universität Cambridge, während jene 13 Staaten, die zuletzt der EU beigetreten sind, sich insgesamt mit 70 begnügen mussten. Nach Bulgarien beispielsweise wurden drei Grants vergeben, nach Polen 14, nach Großbritannien hingegen 960, nach Frankreich 570, nach Deutschland 615 - und dieses Muster zieht sich durch (siehe Grafik). "Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu", könnte man kommentieren.

Verteilung der ERC-Grants nach Ländern

ERC

Für ERC-Präsidenten ein "Problem"

Jean-Pierre Bourgouinion, der Präsident des Europäischen Forschungsrats, sieht diese Zahlen im Gespräch mit science.ORF.at durchaus als Problem, das allerdings in erster Linie die Mitgliedsstaaten zu lösen hätten: "Es macht mir Sorgen, dass manche Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nicht genug in Forschung investieren und das Potenzial nicht erkennen, das in diesem Bereich liegt."

Dass manche Staaten so gut bei den Anträgen abschneiden, liegt laut Bourgouignon auch daran, dass die Forscherinnen und Forscher entsprechend unterstützt werden: "Die Spitzenuniversitäten in Großbritannien haben eigene Leute, die die besten zu ERC-Einreichungen motivieren und ihnen dabei zur Seite stehen." Dieses Investment mache sich bezahlt, meint der ERC-Präsident - und die Zahlen geben ihm Recht.

Allerdings: Um solche Unterstützungsstrukturen aufbauen zu können, braucht es Geld. Und genau das wurde in den letzten Jahren der Wirtschaftskrise in Ländern wie Portugal und Griechenland auch dem Wissenschaftssystem entzogen. In anderen Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Polen, Tschechien, der Slowakei und den baltischen Staaten ist es nie gelungen, das Forschungs- und Wissenschaftssystem zu modernisieren.

So prägte das Gefälle von - grob gesprochen - Nord nach Süd und West nach Ost auch das abgelaufene 7. Forschungsrahmenprogramm der EU mit Ländern wie der Slowakei, Bulgarien, Polen, Portugal und Tschechien auf den hinteren Plätzen und - wiederum - Deutschland und Großbritannien voran.

Schieflage als politisches Problem

Offiziell wird immer wieder beteuert, dass es nicht die Aufgabe der Forschungspolitik sei, sich um diese Kluft zu kümmern. Dafür gebe es andere Töpfe der EU, konkret die Strukturfonds, aus denen Geld für regionale Entwicklung ausgeschüttet wird. Das Problem besteht aber darin, dass bisher den Mitgliedsstaaten selbst die Entscheidung oblag, in welche Projekte investiert wird. Und da kam die Wissenschaft oft weit hinter der Landwirtschaft.

Deshalb wird immer mehr Politikerinnen und Politikern, aber auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterin in den entsprechenden Organen und Abteilungen der EU bewusst, dass der Riss in Europas Forschungslandschaft eine gefährliche Entwicklung ist. Der neue EU-Forschungskommissar Carlos Moedas betonte in seinem Hearing vor dem EU-Parlament am 30. September: "A research divide is not sustainable."

Er möchte Querverbindungen zwischen dem neuen EU-Rahmenforschungsprogramm "Horizon 2020" und den Strukturfonds schaffen. Möglicherweise spielt hier auch eine Rolle, dass er selbst aus einem forschungsschwachen Land (Portugal) kommt.

Eigene Linie in "Horizon 2020"

Dass der Kommissar gut beraten wäre, sich dieses Themas anzunehmen, zeigten die Verhandlungen zu "Horizon 2020". Damals führte der heftige Protest einzelner Mitgliedsstaaten gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Verteilung der Forschungsmittel zur "Erfindung" einer eigenen Programmlinie mit dem Titel "Verbreitung von Exzellenz und Ausweitung der Beteiligung".

Derzeit sticht Exzellenz im Fall der Forschungspolitik noch den Zusammenhalt Europas. Ob sich das in den fünf Jahren Amtszeit von Carlos Moedas ändern wird, werden erst die länderspezifischen Aufschlüsselungen von "Horizon 2020" und der ERC-Ausschreibungen der nächsten Jahre zeigen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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