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Junge Händes halten alte Hand

Mit einem Trauma leben lernen

Seit 20 Jahren betreut das Psychosoziale Zentrum ESRA Menschen, die schwere Traumata erlitten haben. Ursprünglich wurden hier vor allem Opfer nationalsozialistischer Verfolgung behandelt. Heute richtet sich das Angebot an alle, die an den Folgen einer traumatischen Erfahrung leiden.

20 Jahre ESRA 16.10.2014

Um 12 Uhr mittags wird es im Speisesaal des Psychosozialen Zentrums ESRA im zweiten Bezirk in Wien immer ein bisschen lauter. Dann versammeln sich hier an jedem Wochentag circa 30 Menschen zum "koscheren Mittagstisch". Es handelt sich fast ausschließlich um Überlebende des Nationalsozialismus, die hier zusammentreffen. Die meisten sind hochbetagt und schon seit Jahren Klienten von ESRA. In Anwesenheit einer Sozialarbeiterin können sie beim gemeinsamen Essen in Kontakt kommen und sich austauschen.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 15.10. um 13:55.

Gemeinsames Mittagessen ist Teil der Therapie

Der "Mittagstisch" ist nur eine der "sozialen Gruppen", die in den vergangenen 20 Jahren bei ESRA entstanden sind, berichtet die Leiterin der Sozialen Arbeit, Gerda Netopil. Es gibt auch Gruppen, in denen in einer anderen Sprache kommuniziert wird, andere Angebote beinhalten Tanz und Bewegung oder Gärtnerei. "Das stellt neben der Einzelfallhilfe, die wir anbieten, einen weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit dar", erläutert Gerda Netopil. In der individuellen Sozialberatung wird versucht, persönliche Probleme im Alltag oder Beruf zu lösen.

Viele Menschen, die eine traumatische Erfahrung gemacht haben, finden nur schwer ins Berufsleben zurück. Eine Folge des Traumas ist soziale Isolation. Zahlreiche Opfer der NS-Verfolgung konnten ihre Ausbildungen nicht abschließen und sind heute auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Deswegen unterstützt ESRA die Klienten auch in Bezug auf Entschädigungszahlungen und dabei die Betroffenen dabei entsprechende Anträge zu stellen.

Veranstaltungshinweis

Am 22. Oktober 2014 veranstaltet ESRA ein internationales Fachsymposium mit dem Titel "Psychotrauma. Erkenntnisse der Wissenschaft, Verantwortung der Gesellschaft".

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen Aktuell", 15. Oktober um 13.55 Uhr

Rund 3.000 Klienten pro Jahr

ESRA bedeutet auf Hebräisch Hilfe. Gegründet wurde das Psychosoziale Zentrum vor 20 Jahren mit dem Ziel, Opfer der Shoa therapeutisch, medizinisch und sozialarbeiterisch zu unterstützen. Heute betreut ESRA rund 3.000 Menschen im Jahr. Dazu gehören nicht nur NS-Überlebende, sondern auch Menschen, die durch andere Erfahrungen schwer traumatisiert wurden, etwa durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit, Gewalterfahrungen in Heimen, Flucht aus dem Heimatland oder durch einmalige Erlebnisse wie Naturkatastrophen oder Verkehrsunfällen.

"Das Wissen, das wir aus der Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus, der sogenannten Ersten Generation, gewonnen haben, können wir heute dazu verwenden, um auch andere Menschen, die mit komplexen Traumata zu kämpfen haben, therapeutisch zu unterstützen", erläutert der ärztliche Leiter der Ambulanz, Klaus Mihacek. Zum Angebot von ESRA gehören unterschiedliche therapeutische Richtungen, die etwa verhaltenstherapeutische Interventionen, Kunst- und Bewegungstherapie bis hin zu Psychoanalyse umfassen. Je nachdem, ob eine langfristige, komplexe oder eine einmalige Traumatisierung vorliegt, wird mit den Patienten gemeinsam entschieden, in welche Richtung die Betreuung gehen wird.

Therapie kann oft erst nach Jahren beginnen

Gerade bei NS-Überlebenden kann es Monate bis Jahre dauern, bis die Menschen dazu in der Lage sind, über die Traumatisierung zu sprechen. ESRA kann hier einen geschützten Raum bieten, in dem das möglich ist, sagt Klaus Mihacek. Die Mitarbeiterinnen verfügen nicht nur über fachliches Wissen, sondern kennen auch die historischen Zusammenhänge und die psychischen Auswirkungen solcher Erlebnisse. "Für uns war von Anfang an klar, wenn Überlebende der Naziverfolgung Therapie oder andere Angebote wie Sozial- und Pflegeberatung wollen, werden wir sie bis zu ihrem Lebensende betreuen. Und einige von ihnen kommen schon seit fast 20 Jahren zu uns", erläutert der Psychiater weiter.

Betreuung im Alter besonders wichtig

Denn gerade im Alter besteht die Gefahr einer "Retraumatisierung". Wenn diese Menschen merken, dass sie am Ende ihres Lebens in die Abhängigkeit von Pflegeheimen oder anderen Institutionen geraten, entsteht eine große psychische Belastung. "Sie haben ihre Autonomie bereits einmal in ihrem Leben verloren. Den Verlust der Selbstständigkeit, den Verlust von Freunden und anderen sozialen Kontakten noch einmal zu erleben, kann das Trauma wieder aufleben lassen", erklärt Klaus Mihacek.

Hinzu kommt, dass das Langzeitgedächtnis im Alter im Vergleich zum Kurzzeitgedächtnis stärker wird und die schrecklichen Erinnerungen an Gewicht gewinnen. "Deswegen bieten wir bei ESRA auch Gedächtnistraining an. Wir haben eine sogenannte Memory Klinik, in der wir die Betroffenen zusätzlich betreuen. Am wichtigsten ist für diese Menschen jedoch, dass sie in ihren Ängsten verstanden werden. Und wir begleiten sie, so lange sie das möchten."

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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