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Poster auf der Straße wirbt für David-Bowie-Ausstellung

"Dieser Popkram gehört ins Museum"

Thomas Hecken hat einen schönen Beruf: Er ist Pop-Forscher. In einem Interview spricht der deutsche Germanist über die Musealisierung von David Bowie, Literatur für junge Schnösel und Kulturkritik der alten Schule.

Kulturwissenschaft 17.10.2014

science.ORF.at: Wir sind zwar von Pop umgeben, aber was Pop eigentlich ist - das zu sagen ist gar nicht so einfach. Bitte helfen Sie mir.

Thomas Hecken: Die meisten würden in diesem Zusammenhang an Popmusik denken, wo es ja tatsächlich einen starken Traditionszusammenhang gibt, von den Beatles bis Beyoncé. Oder an die Popart oder die Popliteratur: Pop greift in der Tat um sich. Bei der Frage, was Pop auszeichnet, scheinen mir zwei, drei Dinge entscheidend.

Thomas Hecken

Universität Siegen

Zur Person

Thomas Hecken ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Siegen, Redakteur der Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik" sowie der Website pop-zeitschrift.de.

Publikationen (u. a.): Avant-Pop, Berlin 2012; Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009, Bielefeld 2009; Gegenkultur und Avantgarde 1950–1970, Tübingen 2006; Witz als Metapher. Der Witz-Begriff in der Poetik und Literaturkritik des 18. Jahrhunderts, Habilitationsschrift 2005.

Am 17.10. hielt Hecken am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien den Vortrag: "Pop als Kunst" - mehr zur Tagung.

Erstens: Pop ist künstlich und versucht diese Künstlichkeit so weit wie möglich zu treiben. Zweitens: Pop ist oberflächlich. Im Gegensatz zu der früheren Ansicht, dass Tiefgang wichtig ist. Und auch im alltäglichen Sinn: Wenn wir unsere T-Shirts ansehen, die Waren, Fernseher, i-Pods, Auslagen: Alles ist immer irgendwie bedruckt mit Signets, mit Fotos, die Oberfläche dominiert. Der Kern ist zweitrangig.

Ein Mp3-Player kann zwar Popmusik spielen und ist somit ein technisches Vehikel des Pop. Aber ist er selbst Pop?

Wenn darauf Apple steht und er sich durch sein Design abhebt, schon. Nehmen Sie als Beispiel die Schallplatte. Die wurde früher einfach so verkauft, dann kamen braune Hüllen hinzu und irgendwann kam man auf die Idee, die Hüllen auch zu bedrucken. Dieses Drumherum wurde zentral und ist es bis heute geblieben - auch wenn wir die Musik mittlerweile übers Internet beziehen.

Wenn die Entkoppelung von Inhalt und Äußerem Pop ist - wie das ja bei fast allen Produkten der Fall ist, dann wäre es vermutlich einfacher zu fragen: Was ist heutzutage nicht Pop?

Richtig, aber es gibt noch ein weiteres Kriterium: Pop ist jugendlich und daher nicht das Gleiche wie populäre Kultur. Swing haben alle gehört, dann kam Elvis mit dem Rock 'n' Roll und machte klar: Pop ist Differenzmusik. Du, der du angesprochen bist, du darfst glauben - und kannst dich damit von anderen abgrenzen. Pop ist nicht nur die Abkürzung von populär.

Abgrenzung im Sinne von Widerständigkeit?

Nicht unbedingt.

Zumindest wurde der Tanzstil von Elvis als Provokation wahrgenommen.

Keine Frage, das hat sich im Lauf der Zeit aber gelegt. Die Zuhörer werden älter, geben ihre Vorlieben weiter - und hier beginnt das Problem des Pop: Der Beginn in den 60ern war toll, man konnte mit Pop den Generationenkonflikt austragen, doch mit der Ausweitung des Publikums mussten immer feinere Abgrenzungen gefunden werden. Der Konflikt fällt nun weitgehend weg, darum sagen ja viele: Pop ist an ein Ende gekommen. Das sind allerdings nur jene, für die Widerstand und Avantgarde wichtig ist. Den anderen ist das relativ wurscht.

Ihr Kollege Diedrich Diederichsen vertritt eine Art Stadienlehre des Pop. Pop 1 war politisch, Pop 2 war Mainstream, und nun kommt Pop 3: die Musealisierung. Sehen Sie das auch so?

Als Wissenschaftler hat man immer ein gewisses Bedürfnis nach Kategorisierung. Das ist natürlich nicht auf die Jahrzehnte umzulegen. Musealisierung hat es bereits in den 60ern gegeben, Warhols gab es ja von Beginn an im Guggenheim. Nur was heutzutage hinzukommt, ist: Mittlerweile hängen auch Bowie-Paraphernalien und Rockfotografien im Museum. Es treten sogar Bands in Museen auf, Kraftwerk zum Beispiel. Das ist neu. Pop ist kunstfähig.

Bowie-Ausstellung im Museum zeigt Bühnenoutfits

BOGDAN MARAN / EPA / picturedesk.com

London 2013: Bowie-Ausstellung im Victoria and Albert Museum.

Sie haben bei einem Vortrag am IFK Wien erwähnt, dass es für die Kunstfähigkeit des Pop sogar rechtliche Kriterien gibt. Wer entscheidet das?

Sogenannte Drittanerkenner. Das sind Leute, von denen das Rechtssystem meint: Deren Expertise können wir trauen. Wenn sie als Künstler vor Gericht stehen, weil ihre Arbeiten zum Beispiel als obszön gelten, dann müssen Sie einen Drittanerkenner finden, der ihre Werke beurteilt. Meistens sind das Museumsleute, Wissenschaftler, Feuilletonisten.

Das heißt, Sie könnten vor Gericht als Gutachter auftreten und sagen: Das ist Kunst.

So läuft das, genau. Es wäre natürlich schön, wenn man mich noch öfter fragen würde! Wenngleich heutzutage nur mehr wenig über Kunst gestritten wird. Nun geht es eher um Curricula, Förderungen. Wir sind ja mittlerweile so liberal und plural und sagen: Dieser Popkram gehört ins Museum, das ist hohe Kunst, nicht nur Schund und Schrott.

Für jemanden, dem es um Differenz und Brüche geht, könnte die Drittanerkennung auch das künstlerische Todesurteil sein.

Sie sagen es, das kann auch peinlich sein. Wenn mit der Anerkennung allerdings auch Geld verbunden ist - wer würde das zurückweisen? Vermutlich nur große Idealisten.

Noch ein paar Fragen an den Drittanerkenner Thomas Hecken. Bitte um Kommentare zu Poptexten: Christian Kracht, Faserland.

Der Text ist aufgestiegen zu einem der wichtigsten Romane der 90er-Jahre. Ursprünglich wurde er als autobiografische Schrift eines jungen Schnösels gelesen, mittlerweile hat man darin ganz viele Brüche festgestellt und ist zu dem Urteil gelangt: Das kann man gar nicht alles dem Autor zurechnen. Sobald Mehrdeutigkeiten und erzählerische Komplexität ins Spiel kommen, sind ja Wissenschaftler und Feuilletonisten geneigt zu sagen. Das ist Kunst.

Bret Easton Ellis, Unter Null.

Auch ein Klassiker. Die einen sagen: Das ist zu pornografisch und widerwärtig. Die anderen sagen: Der Abgesang auf die Popwelt. Also gewissermaßen Kulturkritik mit den Mitteln des Pop betrieben - aber zentral gegen den Pop gerichtet. Als Hass gegen die moderne Sinnlosigkeit und den Markenfetischismus. Der Text hat sowohl bei alten Kulturkritikern als auch bei modernen Schnöseln Chancen.

Charlotte Roche, Feuchtgebiete.

Habe ich tatsächlich an der Universität mit einer Gruppe von zehn, 20 Studenten gelesen. Das Urteil war extrem gespalten. Die meisten fanden es absolut widerwärtig, die anderen haben versucht, darin etwas Widerständiges zu entdecken. Würde ich privat, außerhalb des Unterrichts nicht lesen.

Keine Kunst?

Kunst schon. Eine Melange aus 70er-Jahre-Bekennertum und ein paar Pop- und Punk-Posen.

Jörg Fauser, Rohstoff.

Ah, Fauser - habe ich als junger Mensch gehasst. Fauser hat immer raushängen lassen, dass es wichtig sei Erfahrungen zu machen, Drogen zu nehmen, etwas selbst zu erleben. Ich war immer Popist im Sinne von Künstlichkeit, des Artifiziellen. Insofern glaube ich, dass ich ihn bei einer Wiederlektüre immer noch nicht mögen würde. Aber natürlich Kunst, überhaupt keine Frage.

Beim Bachmannpreis wurde er damals vernichtet.

Ja, aber wie lange ist das her? Drei Jahrzehnte machen viel aus. Da können Sie sehen, wie weit verkunstet Pop mittlerweile ist. Da sehen Sie den Fortschritt oder Niedergang, je nachdem wie man es betrachtet.

Interview. Robert Czepel, science.ORF.at

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