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Rekonstruktion: Kopf eines Neandertalers

Datierung einer alten Liebe

Moderner Mensch und Neandertaler hatten nachweislich Sex. Eine Untersuchung von Fossilien aus Sibirien zeigt, wann es zwischen den beiden Arten gefunkt hat: Sie kamen einander bereits vor 50.000 bis 60.000 Jahren näher.

Anthropologie 24.10.2014

"Der Mann aus Ust’-Ishim". So heißt der Hauptdarsteller einer aktuellen Studie im Fachblatt "Nature". Man könnte meinen, die Anthropologie habe Anleihen im Fantasy-Vokabular von J.R.R. Tolkien genommen, doch selbstverständlich ist der Name nicht erfunden: "Ust’-Ishim" ist ein Dorf in Westsibirien, wo vor sechs Jahren der Oberschenkelknochen eines Homo sapiens entdeckt wurde. Der Fund gilt als bemerkenswert. Denn der Knochen ist der bislang älteste eines modernen Menschen außerhalb von Afrika und dem Nahen Osten.

Die Studie

"The genome sequence of a 45,000-year-old modern human from western Siberia", Nature (23.10.2014, DOI: 10.1038/nature13810).

Fluss Irtysch in Sibirien

Bence Viola, MPI EVA

Der Fundort am Ufer des Flusses Irtysch

Dass wir von West- und Ostasiaten sprechen (und sie zu unterscheiden vermögen), scheint heute eine Selbstverständlichkeit zu sein. Das war freilich nicht immer so. Damals, vor 45.000 Jahren, als der Mann aus Ust’-Ishim lebte, bahnte sich die Trennung dieser Populationen erst an. Er war ein Pionier, der sich mit anderen aufmachte, den Lebensraum im Osten zu erobern. Und möglicherweise war dieser Stoßtrupp nur bedingt erfolgreich.

Eine Erbgutanalyse legt jedenfalls nahe, dass die Nachfahren des Mannes aus Sibirien ausgestorben sind. "Möglicherweise hat er keine Nachkommen in heute lebenden Populationen hinterlassen", sagt Jean-Jacques Hublin, ein an der Studie beteiligter Forscher.

Homo sapiens war in der Altsteinzeit nicht die einzige Menschart, die Europa und Asien bevölkerte. Im sibirischen Atai-Gebirge lebte etwa der erst vor ein paar Jahren entdeckte Denisova-Mensch. Und natürlich gab es damals in Eurasien auch noch Neandertaler. Kamen sie bereits während dieser Periode in Kontakt mit dem modernen Menschen? Ja, schreiben die Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in ihrer Studie.

Svante Pääbo

Bence Viola, MPI EVA

Svante Pääbo, Leiter der Forschergruppe, inspiziert den 45.000 Jahre alten Knochen

Das Erbgut in dem untersuchten Knochen stammt zu rund zwei Prozent vom Neandertaler - ein Anteil, den man auch bei heute lebenden Ostasiaten und Europäern findet.

Allerdings schauen diese Gensequenzen anders aus. Jene des Mannes aus Ust’-Ishim sind länger und weniger fragmentiert. Die Erklärung dafür ist simpel: Die genetische Vermischung mit dem Neandertaler lag zu dessen Lebzeiten noch nicht sehr lange zurück. Wie lange, lässt sich ebenfalls an den genetischen Daten ablesen.

Das Tête-à-Tête zwischen den beiden Menschenarten fand demnach vor 50.000 bis 60.000 Jahren statt. Den Beweis dafür tragen wir noch immer in unserem Genom. Wir alle - bis auf die Afrikaner. Deren Vorfahren kamen offenbar nie mit dem Neandertaler in Nahkontakt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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