Standort: science.ORF.at / Meldung: "Menschen strafen lieber hintenrum als direkt"

Ein Mann und eine Frau stehen zerstritten Rücken an Rücken.

Menschen strafen lieber hintenrum als direkt

Die direkte Konfrontation ist nicht des Menschen liebste Art, um auf Vergehen anderer zu reagieren. Stattdessen suchen Zeugen von Missetaten eher nach Wegen, den Übeltätern indirekt eines auszuwischen. Allerdings: Frauen werden deutlich häufiger direkt gemaßregelt als Männer.

Verhaltensforschung 28.10.2014

Der Innsbrucker Ökonom Loukas Balafoutas hat gemeinsam mit seinen Kollegen Nikos Nikiforakis, der derzeit in Abu Dabi forscht, und Bettina Rockenbach von der Universität Köln mit Hilfe von Schauspielern alltägliche Situationen inszeniert und das Verhalten von Menschen beobachtet.

Selten direkte Schelte…

Die Studie:

"Direct and indirect punishment among strangers in the field" ist am 27. Oktober 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 28. 10. 2014 um 13.55 Uhr.

Es ist eine Situation, die wahrscheinlich jeder schon viele Male beobachtet hat: Man steht an einem Bahnsteig und beobachtet die ebenfalls wartenden Mitmenschen. Da geht jemand vorbei und wirft den eben ausgetrunkenen Kaffeebecher achtlos weg.

Genau diesen Vorfall haben die Forscher nachspielen lassen, indem männliche und weibliche Schauspieler am Bahnhof in Köln 447 Mal in die Rolle der Verschmutzer schlüpften. Die Wissenschaftler zeichneten die Situationen auf und analysierten die Reaktion der Umstehenden. Es zeigte sich: Nur etwa jedes zwanzigste Mal wurden die männlichen Verschmutzer direkt gemaßregelt.

…außer für Frauen

Das Verhalten veränderte sich allerdings, sobald Frauen die Bösewichte waren. Denn sie wurden bei gut jedem vierten Versuch auf ihr Verhalten mit tadelnden Worten angesprochen. "Der Grund ist wahrscheinlich, dass man in solch einer Situation mehr Angst vor Männern hat als vor Frauen", interpretierte Studienleiter Loukas Balafoutas vom Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck gegenüber science.ORF.at.

Ein Mann könnte ungehalten reagieren und die Situation eskalieren. Bei Frauen wird es als unwahrscheinlicher eingeschätzt, dass ihre Reaktion gefährlich ausfallen könnte.

Strafe durch unterlassene Hilfe

"Die Männer werden dafür öfter auf subtilere Art, nämlich indirekt, bestraft", so der Ökonom. Denn wenn den Schauspielern und Schauspielerinnen nach ihrem Vergehen Bücher auf den Boden fielen, half ihnen viel seltener jemand beim Aufheben als jenen Personen, die zuvor keinen Kaffeebecher auf den Bahnsteig geworfen hatten.

Männer wurden nach dem Fehlverhalten etwa doppelt so häufig wie die Frauen durch unterschlagene Hilfeleistung sanktioniert.

Kaum soziales Prestige

Aber warum wird überhaupt sanktioniert? Eine häufig benutzte Erklärung lautet, dass Bestrafen dem "Rächer" gesellschaftliche Vorteile bringt. Diese These konnte durch die Studie aber nicht erhärtet werden: Wies nämlich ein Schauspieler den Übeltäter zurecht, um anschließend selbst Bücher auf dem Bahnsteig zu verlieren, kamen ihm nicht mehr Umstehende zu Hilfe als in einem Kontrollversuch, wo dieses Missgeschick einfach nur so passierte. "Helden" wurde also nicht häufiger geholfen als inaktiven Beobachtern.

So wichtig sanktionierendes Verhalten für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist, so unklar bleibt also die individuelle Motivation. "Diese Frage", so Loukas Balafoutas, "muss derzeit noch offen bleiben."

Elke Ziegler, science.ORF.at/APA

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