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Je ein Stapel mit blauen, weißen und roten Chips.

Die Wahrscheinlichkeit liegt uns im Blut

Wenn in einem Sack zehn blaue, sieben weiße und fünf rote Chips sind, welche Farbe wird am wahrscheinlichsten gezogen? Um diese Frage zu beantworten, braucht man keine formale Bildung, berichten Psychologen. Ihrer Studie zufolge kommen Menschen ohne jegliche Schulbildung zu den gleichen Ergebnissen wie gebildete Altersgenossen.

Psychologie 04.11.2014

Neben grundlegender Arithmetik und Geometrie ist dem Menschen demnach auch ein grundlegendes Verständnis für Wahrscheinlichkeiten angeboren, schreiben Vittorio Girotto von der Universität Venedig und seine Kollegen.

Widersprüchliche Ergebnisse

Die Studie:

"Probabilistic cognition in two indigenous Mayan groups" ist am 3. November 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Wie kann man erfassen, ob ein Ereignis eintreten wird oder nicht? Die Mathematik bietet zur rechnerischen Beantwortung dieser Frage seit dem 17. Jahrhundert die Wahrscheinlichkeitsrechnung an. Damals gab es auch Überlegungen dazu, ob eben diese Erfassung auch ohne mathematische Hilfsmittel möglich wäre. Die am häufigsten geäußerte Antwort damals: Nein, der "primitive Geist" - im Sinn von formal ungebildet - sei nicht imstande, Wahrscheinlichkeit sachgerecht zu erfassen.

Die Frage blieb bis heute umstritten, unter anderem auch, weil Versuche mit Kindern zu durchaus widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Setzte man beispielsweise zwölf Monate alte Babys vor einen Behälter mit einem gelben und drei blauen Bällen, ließen sie durch ihre Blicke erkennen, dass sie es für am wahrscheinlichsten hielten, dass ein blauer Ball gezogen würde.

Gleichzeitig können Kinder im Alter von drei bis vier Jahren aber die Frage nach der Farbe des blind gezogenen Balls nicht bewusst beantworten, sie geben reine Zufallsantworten. Erst mit fünf bis sechs Jahren erlernen sie "wieder", vom Verhältnis der Farben auf die Wahrscheinlichkeit zu schließen.

Testpersonen ohne formale Bildung

Um die Frage, ob die Erfassung von Wahrscheinlichkeit kulturell erlernt oder doch im Menschen "angelegt" ist, zu klären, reiste das Team um Vittorio Girotto nach Guatemala und bat insgesamt 188 Angehörige des Cakchiquel- und Quiché-Stammes an mehreren Tests teilzunehmen. Als Vergleichsgruppen zu den Menschen ohne jegliche Schulbildung dienten den Forschern Kinder dieser Stämme, die allerdings schon zur Schule gingen, und Erwachsene in Italien.

Zuerst erhoben die Wissenschaftler, ob die Testpersonen anhand von zuvor präsentierter Informationen eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit machen konnten: Sie bekamen ein Set mit Chips präsentiert, wobei eine Farbe im Verhältnis 3:1 überwog. Entsprechend schätzen die Probanden die Wahrscheinlichkeit, dass die dominierende Farbe gezogen wird, als höher ein.

Universelles "Wahrscheinlichkeitsverständnis"

Dann überprüften die Forscher, ob eine nach der Festlegung gegebene Information zur Änderung der ersten Einschätzung führt. Nach der ersten Schätzung, welche Farbe gezogen wird, zeigten die Wissenschaftler den Testpersonen, dass zusätzlich zur Farbe auch die Form der Chips unterschiedlich ist und ließen sie schätzen, welche Farbe und Form wohl als nächstes gezogen wird. Prompt revidierten die Befragten ihre Einschätzung. Auch weitere Tests mit Kombinationsaufgaben bestanden sie.

Insgesamt schnitten die des Lesens und Rechnens unkundigen indigenen Bewohner Guatemalas bei allen Versuchen gleich gut ab wie die Schülerinnen und Schüler bzw. die Italienerinnen und Italiener. "Die Testpersonen ohne formale Bildung waren imstande, Informationen zu kombinieren, Verhältnisse und Kombinationen zu erfassen und daraus Wahrscheinlichkeiten abzuleiten."

In Summe, so die Forscher abschließend, sei allen Menschen - ungeachtet ihrer Bildung und Kultur - das Verständnis für Wahrscheinlichkeit eigen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist dabei offensichtlich nur ein Ansatz, diese Intuition mit Zahlen und Fakten zu unterlegen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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