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Steak mit Tomaten

Warum rotes Fleisch den Gefäßen schadet

Dass übermäßiger Genuss von Rind- und Schweinefleisch die Gefäßverkalkung fördert, ist schon seit Längerem bekannt. Mediziner sind bei der Ursachenforschung auf ein überraschendes Detail gestoßen: Schuld ist offenbar unsere Darmflora.

Ernährung 05.11.2014

Ist alles, was schmeckt, ungesund? Nun, ganz so schlimm ist es wohl nicht, allerdings scheint die Ernährungswissenschaft wenig dazu angetan, das Verhältnis von Genuss und medizinischer Abwägung zu entkrampfen. Denn rotes Fleisch schmeckt gut - und leider wird uns von Forschern regelmäßig erzählt, dass Kotelett und Schnitzel der Gesundheit nicht ganz so zuträglich sind.

Darmkrebs ist beispielsweise in jenen Ländern verbreitet, wo viel Rindfleisch gegessen wird. Dort, wo das nicht der Fall ist (in Indien etwa), sind derlei Tumore hingegen selten. Wobei nicht unbedingt das Fleisch selbst das Problem sein muss. Der deutsche Medizinnobelpreisträger Harald zur Hausen vermutet: Der Rindfleischgenuss könnte Krebs fördern, weil die Rinder Erreger in sich tragen. Dem Nutzvieh selbst dürften sie nicht nennenswert schaden - aber dafür uns.

Erst die Metaboliten sind schädlich

Ähnlich gelagert ist eine Erkenntnis des US-Mediziners Stanley Hazen. Er hat 2013 den Zusammenhang von Gefäßverkalkung und Fleischgenuss erneut bestätigt. Und gezeigt, dass die altbekannte Story von Cholesterin und gesättigten Fettsäuren nur die halbe Geschichte ist.

Hazens Versuchen zufolge darf man in dieser Sache auch die Darmbakterien nicht außer Acht lassen. Ihre Stoffwechselaktivität ist es nämlich, die aus zunächst harmlosen Inhaltstoffen des Fleisches schädliche Substanzen erzeugt. Das gilt zumindest für das Molekül L-Carnitin: In rotem Fleisch ist es reichlich vorhanden, in weißem deutlich weniger, in pflanzlichem Material nur sehr selten. Jedenfalls bauen die Bakterien unseres Verdauungstraktes L-Carnithin zu einer Substanz namens TMAO (Trimethylamin-N-Oxid) um. Und dieses fördert, wie Experimente an Mäusen zeigen, die Gefäßverkalkung.

Abzweigung in der Ursachenkette

In seiner letzten Studie hat Hazen nochmals nachgelegt. Wie der US-Mediziner im Fachblatt "Cell Metabolism" schreibt, gibt es in der Ab- bzw. Umbaukette des L-Carnitins eine wichtige Abzweigung. Die Substanz wird von Bakterien auch zu einer Verbindung namens g-BB (Gamma-Butyrobetain) umgewandelt. Auch hier verhießen Versuche an Mäusen nichts Gutes, g-BB dürfte die Atherosklerose ebenfalls beschleunigen. Ein Detail am Rande: L-Carnitin wird in der Fitnessbranche auch als Nahrungsergänzungsmittel verkauft - eine Praxis, die angesichts dieser Ergebnisse zu hinterfragen wäre.

So weit könnte dem am Fleischgenuss und Wissenschaft Interessierten der Gusto auf das eine oder andere vergangen sein. Hazen indes sieht hier keinen Gegensatz, er setzt auf positive Botschaften. Seine Erkenntnisse könnten "zu Therapien führen, die die Entwicklung von Herzkrankheiten verhindern", sagt er. Sein Ziel sei "das Steak ohne Reue".

Robert Czepel, science.ORF.at

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