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Stasi-Akten

Ein Spion für Ost und West

Werner Stiller ist der ranghöchste Stasi-Agent, der je in den Westen übergelaufen ist. Auf seine Kappe geht die Enttarnung Dutzender DDR-Spione im Westen, auch in Wien. Er arbeitete für drei Geheimdienste und machte später Karriere als Banker an der Wall Street. Heute lebt er zurückgezogen in Ungarn.

25 Jahre Mauerfall 07.11.2014

Im Jänner 1979 begibt sich der Stasi-Agent Stiller mit Sack und Pack nach Westberlin, auf die andere Seite der Mauer. Die hochbrisanten Dokumente, die er mit sich führt, interessierten in erster Linie den westdeutschen Bundesnachrichtendienst BND. Stiller und seine Akten bieten dem BND, und in weiterer Folge der CIA, einen bis dato nie dagewesenen Einblick in die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), den Auslandsgeheimdienst der Stasi.

Werner Stiller auf dem Cover seiner Autobiografie bei Rotbuch

Rotbuch

Werner Stiller auf dem Cover seiner Autobiografie

Sendungshinweis

Am 7.11. um 22.30 Uhr in ORF 2 berichtete die ZIB 2 History live aus Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.
Danach um 23.10 Uhr zeigte UNIVERSUM-History den zweiten Teil der Dokumentation "Die Berliner Mauer".

Werner Stiller war am 6.11. in der ZIB 2 zu sehen: Beitrag auf der TVThek

Literatur

Werner Stiller: Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten. Ch. Links Verlag, Berlin 2010
Thomas Raufeisen: Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei. Eine deutsche Tragödie. Herder Verlag: Freiburg 2010
Nicole Glocke, Edina Stiller: Verratene Kinder. Zwei Lebensgeschichten aus dem geteilten Deutschland. Ch. Links Verlag: Berlin 2003
Werner Stiller: Im Zentrum der Spionage. v. Hase & Köhler, Mainz 1986
Werner Stiller: Der Doppelagent. Rotbuch 2013.

Links

AZ-Artikel zu Wiener Spionen

AZ, Faksimile

Spiegel-Cover zu Markus Wolf

Spiegel

In dieser Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, der Stasi, arbeitet auch Werner Stiller bis zu seinem Übertritt in den Westen. Im Gespräch mit der "Zeit im Bild" erinnert er sich an diese Zeit. "Wir waren sehr gut organisiert, sehr gut geführt, es herrschte ein gewisser Chorpsgeist. Diesen Chorpsgeist gab es beim BND nicht, bei der CIA aber sehr wohl."

Trotzdem geht Stiller in den Westen, läuft über. Dort beginnt er mit 31 Jahren ein neues Leben. In seiner Stasi-Zeit hat er Agenten im Westen geführt, die Namen und Geschichten seiner früheren Informanten verrät er jetzt, nach seinem Übertritt, dem BND. Reihenweise enttarnt er Quellen, in erster Linie aus dem Bereich der Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage. In Deutschland werden rund 100 Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Landesverrats eingeleitet, schlussendlich kommt es zu 17 Verurteilungen.

Wien: Bevorzugtes Stasi-Operationsfeld

Auch zu den Stasi-Aktivitäten in Wien teilt Stiller seine Informationen mit dem BND. In Folge kommt es am 1. Februar 1979, gut zwei Wochen nach Stillers Flucht, zu Hausdurchsuchungen in der österreichischen Bundeshauptstadt. Bis Mitte der 1980er Jahre ist Wien ein bevorzugtes Operationsfeld der Stasi. "1986 haben sich ungefähr 2.000 Unternehmen in Wien mit illegalem Technologietransfer beschäftigt", sagt der Historiker Thomas Riegler. "Viele dieser Firmen waren Geheimdienstfilialen, also Tarnunternehmen, die Computerchips und ähnliches nach Ostberlin transferiert haben." Von Ostberlin aus wird die Industrie- und Wirtschaftsspionage dirigiert, es geht um den Transfer von Mikroelektronik, um Kohlefaserprodukte, Halbleiter, Festplatten und ähnlichen Hightech-Schnickschnack.

Österreich im Allgemeinen und Wien im Speziellen sind für die Stasi zu diesem Zeitpunkt fast ein Paradies. Einerseits lädt die Rechtslage geradezu zum Schnüffeln ein. So ist Spionage - laut einem Entscheid des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahre 1956 - nur dann strafbar, wenn sich diese gegen die Republik Österreich richtet. Ein weiterer Grund, der die Stasi-Agenten nach Wien lockt: Als neutraler Staat hatte Österreich das COMCOM-Abkommen (Coordinating Commitee for Multilateral Exports Controls) nicht ratifiziert. Dieses Embargo, von den meisten der NATO-Staaten unterschrieben, sollte den Osten von westlichen Technologien abschotten. Tatsächlich eröffnet das Embargo dem lukrativen Handel Tür und Tor.

Über Österreich wird das Embargo umgangen. Wollen die Agenten aus der Zentrale in Ostberlin ihre Verbündeten in Wien treffen oder andere "Quellen abschöpfen", können sie ohne Visum einreisen. "Wir konnten mit Diplomatenpässen einreisen", gab Markus Wolf in den 1990er Jahren zu Protokoll. Wolf ist zwischen 1952 und 1986 der sagenumwobene Leiter der Auslandsspionage der DDR, der Elite der Stasi. "Er war ein herausragender Führer", sagt Stiller heute über Wolf. Ein beachtliches Zitat - denn Stiller hatte dem BND nach seinem Übertritt verraten, wie Markus Wolf aussieht. Im Westen galt Wolf lange als "der Mann ohne Gesicht" - so lange, bis Stiller Wolf auf einem Foto, aufgenommen in Stockholm, identifizierte. Der Spiegel titelte daraufhin "DDR-Geheimdienstchef enttarnt. Die Spione des Markus Wolf" und setzte das Bild des großgewachsenen Mannes mit Sonnenbrille in Begleitung aufs Cover (siehe Abb.).

100% Kommunist – 100% Kapitalist

Werner Stillers Leben büßt auch nach seinem Seitenwechsel nichts an Aufregung ein: Anfang der 1980er Jahre geht er in die USA, steht der CIA mit Auskünften zur Verfügung und macht 1982 den Master of Buisness Administration an der Washington University. Der US-amerikanische Dienst stattet ihn mit einem neuen Namen samt adäquatem Lebenslauf aus. Es ist der Startschuss für Stillers zweite Karriere.

Als Investmentbanker geht es wieder steil bergauf, zuerst in New York und London, später in Frankfurt. Dort ist er es schließlich, der enttarnt wird. Leichtfertig gibt er unter seinem neuen Namen ein kurzes Fernsehinterview, es ist eine Experteneinschätzung zur Lage an den US-Börsen - dabei wird er erkannt. Seine wahre Identität, sein früheres Leben werden im März 1992 publik gemacht.

Sechsmal war Werner Stiller verheiratet, nach mehreren Neustarts lebt er heute im Norden Budapests und scheint ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. Offenbar überstrahlt die Erinnerung an seinen Beruf als Agentenführer die vielen Brüche seines Lebens. Mit Stolz spricht er mit der "Zeit im Bild" über seine Zeit als "erfolgreicher Agentenführer" bei der Stasi, seinen Übertritt bereut er aber bis heute keineswegs: "Ich konnte einfach nicht ertragen, dass andere Leute mir vorschreiben, was ich zu tun und, vor allen Dingen, zu denken habe."

Gregor Stuhlpfarrer, Universum History

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