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Ein Tiger schaut in die Kamera

Warum Raubtiere Blut lieben

Der Geruch des Blutes ist für Fleischfresser das ultimative Parfum. Forscher haben nun den entscheidenden Inhaltsstoff entdeckt: Dieser versetzt Tiger und andere Raubtiere augenblicklich in Fresslaune.

Zoologie 12.11.2014

Dass der Mensch ein Allesfresser ist, zeigt sich auch an seinen olfaktorischen Vorlieben. Denn der metallische Geruch des Blutes wirkt - Steakspezialisten vielleicht ausgenommen - eher nicht so appetitanregend. Bei Fleischfressern ist das bekanntlich anders. Sie werden ganz unruhig, sobald ihnen der Geruch des Blutes um die Nase weht.

Den Grund dafür kennt Matthias Laska. Der Zoologe von der schwedischen Universität Linköping hat sich in seiner letzten Studie auf die Suche nach jenen Substanzen gemacht, die für den typischen Blutgeruch verantwortlich sind.

Die Studie

"Behavioral responses to mammalian blood odor and a blood odor component in four species of large carnivores", PLOS ONE (10. Jänner 2014; doi: 10.1371/journal.pone.0112694).

Bei der Analyse im Labor waren sowohl Mensch als auch Maschine gefragt: Gaschromatografie und Massenspektrometrie engten den Kreis der Molekülkandidaten zunächst ein, dann waren Duftexperten der Universität Erlangen an der Reihe, die Proben mit ihrer Nase überprüften. "Abschnüffeln" heißt der fachsprachliche Ausdruck für diesen Arbeitsschritt.

Aldehyd macht dem Tiger Appetit

Wie Laska mit seinen Kollegen im Fachblatt "Plos ONE" schreibt, ist offenbar ein Aldehyd ("Trans-4,5-Epoxy-(E)-2-Decenal") für den typischen Geruch des Blutes verantwortlich. Ein Urteil, das sich über Artgrenzen hinweg objektivieren lässt, denn die Substanz verfehlte auch bei Raubtieren ihre Wirkung nicht.

Laska und seine Kollegen sprühten Holzstücke mit dem Stoff ein, als Kontrolle dienten Pferdeblut, Fruchtessenz und ein geruchloses Lösungsmittel. Dann fuhren die Wissenschaftler in den schwedischen Tierpark Kolmarden und boten die Holzstücke Wild- und Waldhunden sowie Sibirischen Tigern an. Resultat: Auf Holz plus Fruchtessenz oder Lösungsmittel reagierten die Tiere ein wenig, "vermutlich nur, weil ihnen fad war", sagt Laska. Aldehyd und Blut indes lösten eine breite Verhaltenspalette zwischen Jagdtrieb und Fresslust aus.

Die Tiere begannen, an den Holzstücken zu schnüffeln, sie leckten, bissen und spielten damit. "Manche Tiere legten sich sogar auf das Holz", erzählt Laska. "Diese Verhaltensweise beobachten wir auch, wenn die Tiere an einem Rippenbogen oder einem Pferdebein herumkauen. Damit wollen sie verhindern, dass ihnen ein anderer die Beute stiehlt."

Nächster Versuch: Mäuse

Im Artenvergleich förderten die Versuche durchaus unterschiedliche Stile zutage. Waldhunde verloren relativ schnell das Interesse, die Tiger hingegen wollten vom Holz gar nicht ablassen. Das habe aber nichts mit dem Fleischappetit zu tun, betont Laska, sondern mit dem Temperament. "Waldhunde sind sehr aufgeweckte, verspielte Tiere. Im Vergleich dazu haben Tiger ein ruhiges, fast schon majestätisches Gehabe. Sie sind einfach langsamer."

Der Zoologe will das Experiment nun an Beutetieren wie etwa Mäusen wiederholen. Zu erwarten wäre, dass die Nager auf den Blutgeruch verschüchtert reagieren, die Flucht antreten oder regungslos verharren. Werden sie auch auf das Aldehyd reagieren? "Keine Ahnung", sagt Laska. "Aber wir werden es herausfinden."

Robert Czepel, science.ORF.at

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