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Grafik: Figuren in regelmäßiger Aufstellung

Freiwillig zur Nachhaltigkeit

Freiwilliges Engagement hat in Österreich Tradition. Dabei erbringen Menschen Leistungen, die weder vom Markt noch von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden. Diese unbezahlte Arbeit kann einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Zivilgesellschaft leisten, meint die Wirtschaftswissenschaftlerin Eva More-Hollerweger.

Zivilgesellschaft 14.11.2014

Wenn es brennt, kommt die Feuerwehr. Im ländlichen Bereich wird diese Dienstleistung zum Großteil von Freiwilligen erbracht und das seit vielen Jahren. Das Löschen von Bränden ist aber nur eine der Aufgaben. "Organisationen wie die Freiwillige Feuerwehr sind ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Sie organisieren Feste, bringen Menschen zusammen und schaffen Gemeinschaft", meint Eva More-Hollerweger vom Institut für interdisziplinäre Nonprofitforschung an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Eva More-Hollerweger ist Mitglied des Leitungsteams des Kompetenzzentrums für Nonprofit Organisationen und Social Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität Wien.

Im Jahr 2009 erschien der erste Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich. Weitere Daten zu freiwilligem Engagement wurden 2012 im Rahmen einer bundesweiten Bevölkerungsbefragung erhoben.

Veranstaltungshinweis:

Eva More-Hollweger hält am Donnerstag, den 13.11.2014 um 18:00 im Rahmen der Reihe "Mut zur Nachhaltigkeit" einen Vortrag zum Thema "Die Rolle der Nonprofit Organisationen für nachhaltige Entwicklung".

Menschen erhalten hier oft jenen sozialen Rückhalt, den sie für die Bewältigung des Alltags brauchen. Darin liegt laut der Forscherin ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft. Von freiwilligem Engagement profitieren immer auch Menschen außerhalb der eigenen Familie. Dabei kann Freiwilligenarbeit unterschiedlichste Formen annehmen, d.h., in Organisationen oder auch ohne formalen Rahmen stattfinden, wie zum Beispiel im Rahmen der Nachbarschaftshilfe.

Freiwilligen-Organisationen als Vermittler

Charakteristisch für Freiwillige Organisationen ist, dass sie weder dem Staat noch gewinnorientierten Unternehmen zugeordnet sind. "Darunter fallen Organisationen wie Caritas oder Rotes Kreuz, die hinsichtlich ihres Managements eher unternehmerischen Charakter haben, ebenso wie solche, die völlig auf freiwilligem Engagement basieren, wie beispielsweise beim Urban Gardening. Miterfasst sind auch kleine Gemeinschaften Gleichgesinnter, die ihrem Hobby nachgehen, wie zum Beispiel ein Briefmarkenverein", erklärt More-Hollerweger: "Der Nutzen, den freiwilliges Engagement für die Gesellschaft hat, variiert somit stark mit den jeweiligen Aktivitäten und diese können, wie gesagt, sehr unterschiedlich sein."

Non-Profit Organisationen agieren oft in der Mitte des Dreiecks Staat-Markt-Zivilgesellschaft und vermitteln zwischen diesen Sektoren. Manche tun dies, indem sie aufzeigen bzw. aufklären, wo Markt und Staat nicht funktionieren und indem sie versuchen, sich politisches und soziales Gehör zu verschaffen. Andere wiederum werden tätig, wo Staat und Markt es nicht tun und helfen, diese Lücke aktiv zu schließen. "Viele Organisationen greifen in dieser Vermittlerfunktion auch gezielt Themen der nachhaltigen Entwicklung auf. Beispielsweise der Verein 'Arche Noah', der sich für den Erhalt und die Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt", erklärt More-Hollerweger.

Datenproblem in Österreich

In den vergangenen Jahren wurde vielfach der Rückgang der Freiwilligenzahl thematisiert. Leisteten 2000 noch 51,1 Prozent Freiwilligenarbeit, waren es 2006 nur noch 43,8 Prozent der Bevölkerung. Eine neue Datenerhebung aus dem Jahr 2012 zeigt mit 46 Prozent - das entspricht etwa 3,3 Millionen Personen - nun wieder eine leicht steigende Tendenz.

More-Hollerweger warnt jedoch davor, aus diesen Zahlen voreilige Schlüsse zu ziehen - noch gibt es zu wenig vergleichbare Daten in Österreich. Der Grund dafür liegt einerseits in variierenden Erhebungsmethoden und andererseits am Begriff "Freiwilligenarbeit" an sich. "Viele sehen ihr Engagement gerade im Bereich der Nachbarschaftshilfe als selbstverständlich an und definieren es nicht als Arbeit", meint die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Die neue Generation

Die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement habe sich also nicht unbedingt geändert. Die Art und Weise aber, wie Menschen freiwillig tätig werden möchten, schon. "Viele sind nicht mehr bereit, sich ihr ganzes Leben an eine Organisation zu binden", so More-Hollerweger. Der Trend geht in Richtung projektbezogener Freiwilligenarbeit, wo das Ziel klar definiert ist und die Arbeit in einem zeitlich begrenzten Rahmen stattfindet. Zurückzuführen ist das laut More-Hollerweger auf die "Ökonomisierung" unserer Gesellschaft - sprich, auf die steigende Mobilität oder das große Angebot an Freizeitaktivitäten.

In der Diskussion über den Wandel von Freiwilligenarbeit spielt auch die Frage nach den Motiven eine Rolle. Dabei sieht sich unsere Gesellschaft immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie werde zunehmend egoistischer und Freiwilligenarbeit diene nur dem Selbstzweck. Laut der Forscherin ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. "Wenn die Referenz im Lebenslauf das einzige Motiv für freiwilliges Engagement ist, geht die Qualität der Arbeit verloren", meint More-Hollerweger.

Die Forschung zeigt jedoch, dass sich eigennutzen-orientierte und altruistische Ziele nicht unbedingt gegenseitig ausschließen, sondern auch ergänzen können. Die Forscherin weist darauf hin, dass es hier besonders wichtig ist, bereits jungen Menschen den Wert von freiwilligem Engagement näher zu bringen und ihren Sinn für mögliche Probleme in der Gesellschaft zu schärfen. "Auch hier könnte man den Nachhaltigkeitsaspekt bei all jenen Organisationen sehen, die es schaffen, junge Menschen für gemeinnützige Projekte zu gewinnen", meint More-Hollerweger weiter.

"Ein zweischneidiges Schwert"

Auch wenn Freiwilligenarbeit in Österreich eine lange Tradition hat, sind das politische Interesse an ihr sowie ihre Erforschung eher jüngere Phänomene. Anstoß dazu gab 2001 das UNO-Internationale Jahr der Freiwilligen.

More-Hollerweger weiß jedoch von der Zweischneidigkeit dieser Entwicklung: "Einerseits sind manche Interessensvereinigungen ja als Gegenpol zum Staat zu sehen, da sie sich manchmal auch gegen staatliche Praktiken und Gesetze richten. Andererseits geht das auch mit der Diskussion einher, dass sich der Staat sowohl aktiv als auch finanziell aus vielen Leistungssektoren zurückzieht. Hier entsteht der Eindruck, dass die Zivilgesellschaft einspringen muss."

Doch die Forschung zeigt, dass das so zumindest in Europa nicht funktioniert. Menschen engagieren sich eher, wenn sie sozial gut abgesichert sind, eine gute Bildung haben und wenn sie es sich auch leisten können, freiwillig Ressourcen zu investieren. "Tendenzen in Richtung einer sozialen Ungleichheit werden sich somit nicht positiv auf das freiwillige Engagement auswirken", warnt More-Hollerweger. "Die beste Freiwilligenpolitik macht man also, indem man darauf achtet, dass die Leute gut abgesichert sind."

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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