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Archivbild: Epidemiepavillion der Nervenheilanstalt Gugging

NS-Medizin: Mord vor Publikum

In der Nervenheilanstalt Maria Gugging wurden während der Nazi-Herrschaft Tausende Patienten ermordet. Untersuchungen eines Historikers zeigen: Der Anstaltsleiter Emil Gelny tötete vor versammelter Kollegenschaft mit einem Elektroschocker.

Maria Gugging 25.11.2014

Es begann mit der "Aktion T4": Zwischen November 1940 und Mai 1941 transportierten die Nationalsozialisten 675 Menschen aus der Anstalt Gugging in das in der Nähe von Linz gelegene Schloss Hartheim. Dort wurden sie vergast. Darunter 116 Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren - ein im Vergleich zu anderen Einrichtungen ungewöhnlich hoher Prozentsatz.

Vortrag

Herwig Czech: "Nazi Medical Crimes at the Psychiatric Hospital Gugging: Historical Context, Facts, and Legacy", 1. IST Commemoration Lecture, 25. November, 17.00 Uhr, Raiffeisen Lecture Hall, IST Austria.

Die Studie

ORF-Gastbeitrag von Herwig Czech zu diesem Thema:

Ö1-Sendungshinweis

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"Schloss Hartheim und die anderen Vernichtungszentren der 'Aktion T4' waren die ersten Institutionen, die der massenhaften, serienmäßigen Vernichtung von Menschen dienten", sagt der österreichische Historiker Herwig Czech. "Die für die Shoah typische Verbindung von bürokratischer Arbeitsteilung, industrieller Tötungsmethode und wissenschaftlicher Legitimation ist hier bereits idealtypisch vorgezeichnet".

Czech hat in den letzten Jahren die Geschichte der Gugginer Anstalt wissenschaftlich aufgearbeitet. Den Auftrag dafür erhielt er vom Institute of Science und Technology Austria (IST), das 2008 auf dem ehemaligen Anstaltsgelände errichtet wurde.

1941: Todesrate steigt auf 44 Prozent

Mit der systematischen Vernichtung befasst sich Czech schon seit 2008, inzwischen erfasst seine Datenbank mehr als 6.000 Patienten. Aus den Daten der Jahre 1937 bis 1946 schließt Czech, dass die Opferzahlen deutlich höher waren als bisher gedacht: Ab 1941 verlagerten sich die als "Euthanasie" verharmlosten Morde an Patienten in die Anstalt selbst. Aber nicht nur diese Morde, auch Tode durch Hunger und Vernachlässigung wurden bisher unterschätzt.

Schon ab Herbst 1939 sind im Vergleich zum normalen Jahresdurchschnitt deutlich höhere Sterberaten in der Anstalt nachzuweisen: Von einer Sterberate von 4,7 Prozent im Jahr 1937 kletterte die Rate schon im Dezember 1939 auf 23 Prozent, im Dezember 1941 waren es 44 Prozent.

Nach den Berechnungen des Historikers kam es damit bis 1946 zu zusätzlich rund 1.420 Todesfällen - nicht eingerechnet dabei jene Patienten, die in andere Anstalten überführt wurden und dort ums Leben kamen.

Überdosen und Stromstöße

Emil Gelny (links), Elektroschockapparat (rechts)

Zentrale Forschungsstelle Nachkriegsjustiz

Emil Gelny und sein Mordinstrument

477 Tote lassen sich allerdings direkt mit zwei Ärzten verknüpfen: Der medizinische Leiter der Mordanstalt Hartheim, Rudolf Lonauer, besuchte Gugging von 27. März bis 8. April 1943: In diesen Wochen kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Sterbefälle, es scheinen 112 Todesfälle auf, bei denen Lonauer als behandelnder Arzt vermerkt ist. Lonauer ermordete seine Patienten - in der Mehrzahl Frauen - mit einer Überdosis an Medikamenten.

Ähnlich der Fall des Leiters von Gugging, Emil Gelny: Er ist bei 365 Todesfällen als behandelnder Arzt eingetragen. Gelny nutzte die Patienten der Anstalt aber auch für seine Experimente, die er etwa bei einem Treffen von Dutzenden Psychiatern vorführte. "Vor versammeltem Publikum tötete er mithilfe seines umgebauten Elektroschockapparates einen Patienten, um die Effizienz seiner Erfindung zu demonstrieren", sagt Czech.

Ebenfalls einen großen Teil der Datenbank machen jene Patienten aus, die in andere Anstalten überstellt wurden: Ohne die "T4"-Transporte ereilte 491 Gugginger Insassen dieses Schicksal - sie kamen vor allem in die Pflegeanstalt Am Steinhof sowie nach Meseritz-Obrawalde und Mauer-Öhling. Ähnliches gilt, wie Czechs Analysen zeigen, auch für Kinder und Jugendliche: 428 wurden in andere Anstalten überstellt, 160 davon verstarben, nur 49 wurden später entlassen. Das Schicksal der weiteren Kinder ist bis heute nicht geklärt.

Czech stellt heute seine Forschungsergebnisse am IST Austria vor. Sein Vortrag bildet den Auftakt einer Reihe von Gedächtnisvorlesungen.

science.ORF.at/APA

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