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Der Kesselwandferner

Gletscherbilanz 2014: Gar nicht so schlecht!

Hochgelegene kleine Gletscher haben an Masse zugenommen, größere ins Tal herabreichende und solche in schneearmen Gebieten haben wieder Eis abgebaut, aber weniger als in früheren Jahren. Andrea Fischer und Heinz Slupetzky ziehen im dritten Gletschertagebuch dieses Jahres Bilanz.

Gletschertagebuch 28.11.2014

Gletschersommer - einmal anders

Von Andrea Fischer und Heinz Slupetzky

Heinz Slupetzky und Andrea Fischer

Slupetzky/Fischer

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führt Heinz Slupetzky seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

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Nach der für Glaziologen erfreulichen Meldung im letzten Gletschertagebuch, nämlich einer merkbaren positiven Massenbilanz des Stubacher Sonnblickkeeses - nach 17 (!)Jahren - liegen nun die ersten Ergebnisse der Massenbilanzmessungen von mehreren Gletschern vor.

Das Bild rundet sich ab: Hochgelegene Gletscher in schneereichen Gebieten haben Masse hinzugewonnen, einige davon erstmals seit Jahrzehnten. Gletscher in schneeärmeren Regionen und solche, die weit ins Tal hinunter reichen, verloren 2013/2014 weiterhin Eismasse.

Der heurige klimatologisch doch warme "Sommer" - nimmt man die haushaltsmäßig wichtige Zeit zwischen Mai und September - bedeutete nicht automatisch extreme Gletscherschmelze. Regional hohe winterliche Schneemengen - häufige Südföhnlagen brachten im Winter 2013/14 starke Schneefälle südlich des Hauptkammes - verzögerten die Ausaperung, während dies an der Alpennordseite gleichzeitig einen sehr schneearmen Winter zur Folge hatte. Schneefälle im Sommer in der Gletscherregion schwächten zusätzlich die Eisablation (den Masseverlust, Anm.).

Nicht unwichtig: Der Spätsommer

Je nach Witterung im Spätsommer und Frühherbst kann eine Gletscherbilanz in die eine oder andere Richtung akzentuiert werden, denn wenn die zu dieser Zeit großen Gletscherflächen blankes Eis sind, geht noch viel Substanz verloren, sind diese jedoch immer wieder von Neuschnee bedeckt, ist die Eisabschmelzung früher beendet.

(Neuerliche) Föhnlagen ab Ende des heurigen Haushaltsjahres (und Beginn des neuen Gletscherjahres 2014/15) führten zu starken Schneefällen südlich des Hauptkammes mit einem früheren Ende der Schmelzsaison, die Gletscher im Norden aperten im Oktober nochmals aus; sie sind seit Anfang November aber ebenfalls schneebedeckt und haben ihre "Winterruhe endgültig begonnen".

Positive Bilanz kleiner Tauerngletscher

Mullwitzkees

Bernd Seiser

Der Mullwitzkees.
Mullwitzkees

Bernd Seiser

Zur positiven Massenbilanz des Stubacher Sonnblick Gletschers kommen nun weitere hinzu: Kleinere Gletscher in höheren Lagen, wie das Kleinfleisskees, konnten nach den Messungen der ZAMG leichte Massengewinne verzeichnen. Laut Daniel Binder von der ZAMG bilanzierte das Goldbergkees ausgeglichen.

Beim Mullwitzkees (Abbildung oben) im Nationalpark Hohe Tauern blieben etwa 60 Prozent des Gletschers schneebedeckt (Abbildung links), dementsprechend gewann der Gletscher das erste Mal seit Beginn der Messungen im Haushaltsjahr 2006/2007 wieder an Masse.

Vernagtferner: Nahezu ausgeglichen!

Wie Ludwig Braun, Leiter der Massenbilanzmessungen am Vernagtferner in den Ötztaler Alpen, berichtet, ergab die Messungen am Vernagtferner dank kühler und feuchter Phasen im Sommer für das Jahr 2013/14 eine nahezu ausgeglichene Bilanz, was in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Der Gletscher erlitt seit 1980 einen jährlichen Massenverlust von einem halben bis einem dreiviertel Meter Eis, gemittelt über die gesamte Gletscherfläche von ca. acht Quadratkilometer.

Kesselwandferner

Andrea Fischer

Der Kesselwandferner.

Der unmittelbar benachbarte Kesselwandferner (Abbildung oben) hatte eine deutlich positive Massenbilanz, weil er höher liegt und sich schon soweit "zurückgezogen" hat, dass seine Fläche nur mehr 3,6 Quadratkilometer beträgt und eine hochgelegene Geländeposition einnimmt; er reagiert schneller auf gletschergünstige Bedingungen (Messungen durch den Verein Gletscher Klima).

Südtiroler Gletscher profitierten vom Schnee

Roberto Dinale vom Hydrographischen Amt der Provinz Bozen blickt auf ein gletscherfreundliches Haushaltsjahr 2013/14 zurück: "Der Winter war zwar eher mild, aber mit anhaltenden Süd- und Südwestströmungen im südlichen Alpenraum außerordentlich niederschlagsreich. Darauf folgte ein relativ kühler Sommer mit wiederholten Schneefällen, vor allem oberhalb 3000 Meter.

Das waren die Gründe, warum auf allen beobachteten Gletschern die zweithöchste Winterbilanz seit Beginn der Massenhaushaltsstudien im hydrologischen Jahr 1983/84 festgestellt wurden. Nur im Haushaltsjahr 2000/01 war eine größere Akkumulation zu verzeichnen Die Endergebnisse im Haushaltsjahr waren leicht bis mäßig positiv. Negative Massenbilanzen wurden hingegen auf Gletscher mit niedrig gelegenem Nährgebiet, wie z.B. am Hangenden Ferner, gemessen bzw. im Nordwesten des Landes beobachtet.

Trotzdem ist das Haushaltsjahr 2013/14 bemerkenswert: Bei den meisten Gletscher war es sogar die positivste Massenbilanz der gesamten Datenreihe von 31 Jahren!

Jamtalferner: Wieder ein Massenverlust

Jamtalferner

Andrea Fischer

Der Jamtalferner.

Die heurige Massenbilanz am Jamtalferner (Abbildung oben) in der Silvretta ist ein Beispiel für die regionalen Unterschiede im Alpenraum und auch dafür, dass die Kombination wenig Winterakkumulation plus insgesamt deutlicher Sommerablation sich in Summe negativ auswirkt. Zu Beginn der Ablationssaison (im Mai) wurde nur unterdurchschnittlich viel Schnee gemessen. Am Ende des Haushaltsjahres war dann nur noch etwa ein Drittel der Gletscheroberfläche mit Altschnee bedeckt.

Trotz dieser, im Vergleich zu den Südalpen, ungünstigen Ausgangslage lag der Verlust durch Abschmelzung von - 57 Zentimeter Wasserwert (, umgerechnet etwa - 60 Zentimeter Eis über die ganze Gletscherfläche gemittelt), unter dem langjährigen Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Das letzte Jahr mit ähnlich hoher Schneebedeckung liegt zehn Jahre zurück. Allerdings wirkt sich die Verkleinerung der Gletscherfläche um zehn Prozent in eine Verringerung des Negativwertes aus; auch hier ist der Prozess der "früheren Klimaanpassung" der kleineren Gletscher erkennbar.

Warmes Jahr - warum positive Bilanzen?

Spannend sind die positiven Bilanzen auch vor dem Hintergrund, dass 2014 als wärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen in die Geschichte eingehen könnte. Warum dieser vermeintliche Gegensatz?

Einmal mehr zeigt sich, dass die Massenbilanz eines Gletschers am Ende des Sommers unterschiedliche Ursachen haben kann, und vor allem, dass die Witterung des Sommers größeres Gewicht hat als die Menge des Winterschnees. Jede Art von Schneebedeckung verringert die Eisablation, auch bei zwischenzeitlich hohen Temperaturen.

Eine Trendwende?

Massenverlust der Gletscher

A. Fischer, W. Slupetzky

Massenverluste und -gewinne seit 1952.

Angesichts der starken Massenverluste der letzten Jahrzehnte bedeutet die gletscherfreundliche Witterung des Haushaltsjahres nur eine Verschnaufpause, für eine erste echte Trendwende würde es mehrere Jahre positiver Massenbilanzen brauchen. In den nächsten Jahren wird es daher extrem spannend, den weiteren Verlauf der Klimaerwärmung und der Gletscherschmelze zu beobachten.

Fest steht: Geringe Zuwächse an Masse bedeuten nicht automatisch Gletschervorstöße. Die geringe Erholung bei kleinen Gletschern in den Nährgebieten (etwa unter einem Quadratkilometer) hat an der Gletscherstirn zur Folge, dass dort die Abschmelzung geringer ist, als Eis nachfließt, die Länge ist gleichbleibend oder es ergibt sich ein leichter Vorstoß.

Alle andern, größeren Gletscher, sind so sehr aus dem Klima-Gletscher-Gleichgewicht, dass die Gletscherzungen "verhungern" und weiter sehr stark abschmelzen werden. Die starken Flächenverluste der letzten Jahre fanden vor allem an den Gletscherzungen statt. Die Pasterze ist dafür das "erschreckendste" Beispiel: Das Zusammenbrechen und starke Abschmelzen der zu langen Gletscherzunge wird auf jeden Fall noch Jahrzehnte weitergehen.

Mehr über die Längenänderungen von rund 100 Gletschern werden die Auswertungen der Längenmessungen des Alpenvereins (OeAV) bis Anfang April 2015 ergeben: Gibt es erstmals seit Jahren wieder eine kleine Prozentzahl von stationären oder vorrückenden Gletschern?

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