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Eine Fußfessel

Was Pflanzen von der Sklaverei erzählen

Die Verschleppung von mehr als zwölf Millionen Menschen aus Afrika hat so tiefe Spuren hinterlassen, dass sich durch die Analyse vermeintlicher Nebenschauplätze die Geschichte der Sklaverei nacherzählen lässt. Eine aktuelle Studie tut genau das anhand von Pflanzennamen in Surinam.

Ethnobotanik 02.12.2014

Insgesamt 2.350 Pflanzennamen, die in zwei in Surinam (Südamerika) sehr verbreiteten Sprachen vorkommen, haben niederländische Linguisten und Biologen um Tinde van Andel vom Naturalis Biodiversity Center in Leiden auf ihre Herkunft überprüft und dabei eine hohe Übereinstimmung mit afrikanischen Bezeichnungen gefunden.

Sklaven für die Zuckerrohrplantagen

Die Studie:

"Local plant names reveal that enslaved Africans recognized substantial parts of the New World flora" ist am 1. Dezember 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

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Surinam war ab 1667 eine niederländische Kolonie, in der an den Küstengebieten Zuckerrohr angebaut wurde. Die Arbeitskräfte dafür wurden über den Sklavenhandel "besorgt", vor allem aus den Ländern der sogenannten "Sklavenküste" zwischen Ghana und Benin wurden die Menschen verschleppt. Zwischen 1658 und 1825 kamen auf diesem Weg geschätzte 295.000 neue Einwohner nach Surinam.

Diese große Gruppe spaltete sich schnell auf: Da waren zum einen diejenigen, die auf den Plantagen bleiben mussten und so gezwungenermaßen engen Kontakt mit den europäischen Kolonialherren hatten. Um sprachliche Barrieren zu überwinden, erschufen sie eine neue Sprache, die früher abwertend "Negerenglisch" hieß und heute Sranantongo genannt wird. Im Grunde ist das eine auf dem Englischen basierende Kreol-Sprache mit niederländischen, portugiesischen und afrikanischen Einflüssen. Rund 300.000 der 550.000 Einwohner Surinams sprechen heute Sranantongo als Umgangssprache.

Die zweite große Einheit sind die Maroons, bei der letzten Volkszählung in Surinam im Jahr 2004 gaben rund 72.500 Menschen diese Zugehörigkeit an. Sie sind die Nachkommen ehemaliger Sklaven, die von den Plantagen flüchteten und im dichten Regenwald Zuflucht suchten. Heute gibt es noch sechs Maroon-Gemeinschaften mit jeweils unterschiedlicher Sprache und Kultur.

Ausgeprägtes Pflanzenwissen

Die große Mehrheit der Sklaven verfügte über ein ausgeprägtes Pflanzenwissen, schließlich waren die meisten vor ihrer Verschleppung Bauern gewesen. Deshalb lag es für die niederländischen Linguisten und Biologen nahe, die Entwicklung der Pflanzennamen unter die Lupe zu nehmen und damit den Einfluss von ehemaligen Sklaven auf den aktuellen Sprachgebrauch in Surinam zu untersuchen.

Konkret zogen sie 1.400 Pflanzennamen der Maroons und 935 Sranantongo-Pflanzennamen für ihre Studie heran, und es zeigte sich: Durch die Herkunftsanalyse konnte nicht nur die Wurzel der Wörter bestimmt werden, mit Hilfe der Sprache entstand auch ein Bild der jüngeren Vergangenheit Surinams.

Großer Einfluss von Europa und Afrika

Die Mehrheit der Pflanzennamen enthält Elemente europäischer Sprachen, oft kombiniert mit afrikanischen Wörtern oder Silben. Ein Drittel der Namen hat eine eindeutig afrikanische Wurzel, ein kleinerer Anteil einen indianischen bzw. asiatischen Ursprung. Der asiatische Einfluss ist das Erbe von Arbeitern aus Ostindien bzw. von der Insel Java, die nach dem Ende der Sklaverei als Hilfskräfte auf den Plantagen eingesetzt wurden. Besonders hoch ist der afrikanische Einfluss unter den Maroons, die sich heute noch als direkte Nachfahren der Sklaven verstehen: 43 Prozent.

Besonders unter den afrikanischstämmigen Wörtern stießen die Forscher auch auf manch Überraschung: So zeigte sich beispielsweise, dass Pflanzen, die traditionellerweise der "Neuen Welt" zugeschrieben werden, wie etwa Erdnüsse und Tabak, auch in Afrika schon vor dem Höhepunkt des Sklavenhandels heimisch gewesen sein mussten. Sie behielten in den aktuellen Sprachen in Surinam nämlich ihre afrikanischen Bezeichnungen.

"Aus dem schwarzen Land"

Manche Pflanzen haben in der Sprache der Maroons bzw. in Sranantongo mehrere Bezeichnungen - ein Hinweis, dass sie mehrfach entdeckt und benannt wurden. Andere tragen heute noch Namen, in denen durch Hinzufügungen wie "Nengrekondre" (wörtlich: aus dem schwarzen Land) der Vorfahren gedacht wird.

Wurden neue Bezeichnungen erfunden, so enthielten sie häufig Erinnerungen an die Heimat, beispielsweise der Name "Elefantenschuh" für ein Kraut im Unterholz des Regenwalds. Und auch der Kontakt mit den indianischen Ureinwohnern spiegelt sich in den Pflanzennamen: 17 Prozent der Namen entstammen deren Sprachen.

Sprache spiegelt Herkunftsländer

Analysiert man die afrikanischen Namen noch einmal für sich, kann man detailliert nachvollziehen, woher die Sklaven in Surinam stammten: 43 Prozent der Namen haben ihre Wurzel in Gabun, im Kongo und in Angola, 24 Prozent in Benin, ebenso viele in Ghana und 14 Prozent in der Elfenbeinküste, Liberia und Sierra Leone. Neun Prozent der Namen stammen aus Nigeria und Kamerun. Manche Wörter wurden doppelt zugeordnet, weil sich ihre Herkunft nicht eindeutig klären lässt - deshalb ergeben die Zahlen mehr als 100 Prozent.

"Versklavte Afrikaner mussten sich mit der südamerikanischen Flora vertraut machen, um zu überleben", schreiben die Biologin Van Andel und ihre Kollegen. Eben dieser Prozess der Aneignung einer fremden Natur spiegle sich bis heute in der Sprache, heißt es - und sei ein noch immer gültiger Beleg für den massiven Einfluss, den der Sklavenhandel über Kontinente hinweg hatte und hat.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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