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Kraftwerke am Horizont

"Ein Dilemma für die Weltgesellschaft"

Georg Kaser ist einer der Autoren des letzten Weltklimaberichts. In einem Interview gewährt der Innsbrucker Klimaforscher Einblicke hinter die Kulissen des UNO-Weltklimarats (IPCC) und räsoniert über die spröden Botschaften seiner Wissenschaft. "Unsere Inhalte", sagt er, "sind kaum kommunizierbar."

Klimawandel 07.12.2014

science.ORF.at: Derzeit tagen in Perus Hauptstadt Lima die Vertreter von 195 Staaten. Was erwarten Sie von der aktuellen Klimakonferenz?

Georg Kaser: Keine spektakulären Dinge. Die Konferenz ist gar nicht darauf ausgerichtet, Ergebnisse zu erzielen. Sie soll vielmehr die nächste Konferenz in Paris vorbereiten. Der große Wurf wird in Lima nicht passieren, zumindest wäre das eine große Überraschung.

Georg Kaser

privat

Zur Person

Georg Kaser ist Professor am Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck. Forschungsinteressen: Klima und Eis, alpine Hydrologie.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtete auch "Wissen aktuell", 2.12.2014, 13:55 Uhr.

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Vorbereitungscharakter hatten rückblickend auch die vergangenen Klimakonferenzen. Wie lange will man denn noch vorbereiten, bis die Verhandlungsergebnisse wirklich bindender Natur sind?

2012 hat man sich in Katar geeinigt, dass das Kyoto-Protokoll bis 2020 weiterlaufen soll. Nächstes Jahr will man Regelungen für die Zeit danach finden. Entweder man macht etwas Neues und einigt sich darauf - oder man lässt es ganz fallen.

Wenn die Staatengemeinschaft die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzen möchte, dann muss sie ihre CO2-Emissionen laut letztem IPCC-Bericht bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduzieren. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Dieses Ziel ist sehr schwer zu erreichen. Und es ist de facto nur erreichbar, wenn man schnell mit starken Reduktionen beginnt, also innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre. Bis 2100 wären außerdem sogenannte Negativemissionen notwendig. Bis dahin wird es hoffentlich gelingen, CO2 bleibend aus der Atmosphäre herauszuholen.

Wie?

Es gäbe einige technische Möglichkeiten. Man könnte es zum Beispiel in geologischen Schichten speichern - aber da bin ich zu wenig Experte, um sagen zu können, ob das tatsächlich funktioniert.

Laut jüngsten Berichten hat sich der westantarktische Eisschild erstmals in der Menschheitsgeschichte destabilisiert. Der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf schreibt, er befinde sich "im freien Fall". Sehen Sie das auch so dramatisch?

Man müsste präzisieren: Was die Antarktis in der Menschheitsgeschichte getan hat, wissen wir nicht. Wir wissen nur über die letzten 60 bis 70 Jahre Bescheid, den Rest können wir bestenfalls rekonstruieren. Natürlich gibt es dort zum Teil dramatische Veränderungen. Allerdings würde ich mich vorsichtiger ausdrücken, bis das alles von Forschern, die dort vor Ort messen, bestätigt wird.

Das heißt, Küstenstaaten und Inselstaaten sind langfristig noch nicht verloren?

Zumindest nicht aufgrund der Westantarktis. Sie ist nämlich nicht wegen hoher Schmelzbeträge instabil geworden - Schmelzen findet dort praktisch nicht statt. Sondern deswegen, weil sich die Meeresströmungen verändert haben. Die schwimmenden Eisteile verlieren zusehends ihre Haltepunkte, da sie dünner werden.

Anders ist das in Grönland, wo die Veränderungen viel direkter von der Erderwärmung abhängen. Das grönländische Inlandeis und die Gletscher dieser Welt schmelzen, weil die Eismassen für das aktuelle Klima schlichtweg zu groß sind. Das ist etwas, was mit großer Verzögerung passiert: Bis Eis und Ozeane ein neues Gleichgewicht gefunden haben, kann es lange dauern - vermutlich Hunderte oder sogar Tausende Jahre. Bis dahin kann der Meeresspiegel in manchen Teilen der Erde um bis zu sechs Meter steigen.

Um auf ihre Frage zurückzukommen: Unter diesen Bedingungen würden viele Küstenstädte Schwierigkeiten bekommen. Laut einer Studie würden auch viele Kulturerben der UNSECO verschwinden bzw. unter Wasser stehen.

Sie haben als Autor am letzten Synthesebericht des Klimarats IPCC mitgearbeitet. Was war Ihre Aufgabe?

Ich war einer der 259 Autoren der Arbeitsgruppe eins, die sich mit den physikalisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen beschäftigt hat. Die sogenannten Lead-Autoren beschäftigen sich nicht mit eigener Forschung, sondern müssen den Stand des Wissens anhand aktueller Studien darstellen.

Was wissen wir durch den letzten Bericht besser als zuvor?

Wir wissen: Der Klimawandel ist in vollem Gang. Die Ursachen haben nichts mit zyklischen Schwankungen des Klimas oder mit Vulkanausbrüchen und dergleichen zu tun. Wir können nun zuverlässig sagen, was die Haupttreiber dieser Entwicklung sind. Und hier gilt, was wir immer schon vermutet haben: Es sind die anthropogenen Ursachen, schuld ist der Mensch.

Wie läuft die Arbeit an den IPCC-Berichten in sozialer Hinsicht ab? Trifft man sich da physisch?

Ja, der Ablauf ist streng vorgegeben. Es gibt vier mehrtägige Meetings, beim ersten Mal wird das Material gesichtet, danach erstellen die Autoren Entwürfe des Berichts. Dazwischen gibt es Begutachtungen mit zum Teil Tausenden Kommentaren, die wir alle einarbeiten müssen, so wird das Material stringenter und stringenter.

Zusätzlich zum Gesamtbericht gibt es auch eine Technical Summary, die ungefähr nur ein Zehntel so lang ist, sowie eine 20-seitige Summary for Policymakers. Die hat es in sich, weil die Auftraggeber, also die Regierungen, jedes Wort mit den Wissenschaftlern abstimmen wollen.

Die Regierungen beauftragen Wissenschaftler mit dem Verfassen eines Berichts und wollen dann bei der Zusammenfassung mitschreiben - ist das nicht absurd?

Nein, sie schreiben nicht mit. Der Text stammt von den Wissenschaftlern, und die Politiker können Stellungnahmen abgeben. Das sind Sätze wie: "Warum sind die Zahlen absolut und nicht in Prozent angegeben?" Oder: "Warum nimmt man nicht Abbildung X statt Y in den Bericht?"

Dann trifft man sich und geht den Bericht nochmals Wort für Wort durch. Manche sagen dann: "Das versteht mein Minister nicht." Dann muss man sperrige Formulierungen eben adjustieren.

Gibt es keine Missbräuche?

Natürlich haben manche Staaten ihre Agenda und wollen den einen oder anderen Satz nicht drin haben. Aber zumindest bei den naturwissenschaftlichen Grundlagen habe ich noch nie erlebt, dass etwas herausgestrichen worden wäre. Denn dann springen andere Regierungen ein und sagen: "Wir glauben schon, dass euch das nicht gefällt. Aber das ist Faktum, und das schreiben wir jetzt rein."

Manche glauben, da würde gemauschelt oder die Politik dominiere die Wissenschaft. Das mag das eine oder andere Mal angedeutet werden, aber der Versuch gelingt nicht. Davon abgesehen: Im Gesamtbericht kann von der Politik sowieso nichts verändert werden, da gibt es gar keinen Verhandlungsspielraum.

Also geht es in den Treffen um die Verständlichkeit - und nicht um die politische Verträglichkeit der Botschaft?

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Der Prozess ist eine Legitimation. Wenn die Regierungen der Summary for Policymakers zustimmen, dann ist die Sache durch, dann gibt es keine Widerrede mehr. Das ist für die Wissenschaft ganz, ganz wichtig.

Die globale Mitteltemperatur ist in den letzten 15 Jahren kaum angestiegen. Warum macht der Klimawandel eine Pause?

Er macht keine Pause, die Lufttemperatur ist ja nicht das einzige Signal des Klimawandels. Alle anderen Kurven zeigen nach wie vor nach oben: die Masseverluste der Gletscher, der Anstieg der Meeresspiegel, die Versauerung der Meere, die Abnahme des Meereises et cetera.

Dennoch: Warum ist die Temperatur nicht ebenso nach oben geklettert?

Einige Gründe sind möglich. Vermutlich gibt es nun einen stärkeren Austausch der Oberflächengewässer mit tieferen Meeresschichten. Dadurch wird Wärme abtransportiert und ist an der Oberfläche nicht mehr so spürbar. Aber wie gesagt: Der Klimawandel läuft im Hintergrund voll weiter, auch wenn es diese eine Variable nicht anzeigt.

Ihr Kollege Leopold Haimberger von der Uni Wien sagt: Wenn die Temperaturkurve in vier, fünf Jahren noch immer nicht nach oben zeigt, dann sind die Klimamodelle vermutlich falsch.

Ich glaube nicht, dass er gesagt hat, die Klimamodelle seien falsch.

Er sprach von einem "systematischen Fehler".

Es kann sein, dass die Modelle einen Mechanismus nicht richtig erfassen. Das kann ein Programmierer in ein paar Stunden lösen, das ist an sich nicht das Problem. Nur muss man eben herausfinden, was in Wirklichkeit der Fall ist.

Glauben Sie, dass sich die Alarmrhetorik der IPCC-Berichte abnützt? Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch befand kürzlich, die Botschaft sei nun nicht mehr so aufregend.

Klar, wenn man immer wieder dasselbe hört und nicht sofort extreme Veränderungen am eigenen Leib spürt, dann nützt sich das ab. Das gilt aber auch für andere Dinge: Die Vorgänge in Kobane oder der Ostukraine fanden zu Beginn alle fürchterlich. Und sie sind es heute noch. Nur hört keiner mehr hin.

Letztlich ist die Kombination von informationsgesättigter Gesellschaft und einer Wissenschaft, die sich an präzise Formulierungen halten muss, eine unselige. Unsere Inhalte sind kaum kommunizierbar. Wenn ich "Der Meeresspiegel wird in diesem oder jenem Zeitraum mit einer soundso großen Wahrscheinlichkeit im Mittel soundso stark anstiegen" sage, dann hat jeder ab dem Wort "Meeresspiegel" weggehört.

Ein Dilemma für Sie?

Für mich nicht, für die Weltgesellschaft ist es ein Dilemma. Als Wissenschaftler könnte ich - sehr zynisch formuliert - sagen: Der Klimawandel ist ein spannendes Globalexperiment. So etwas würde man nie durch eine Ethikkommission bekommen.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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