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Screenshot der Website von Nature

PR-Gag oder Schritt Richtung Open Access?

Die gestrige Ankündigung von "Nature", demnächst alle Studien frei zugänglich zu machen, hat für große Aufregung gesorgt. Schnell wurde die Frage laut, ob der dahinterstehende Verlag nun den Weg Richtung Open Access einschlägt. Heute scheint klar: Die Öffnung erfolgt nur sehr bedingt.

Volltext-Freigabe 03.12.2014

Denn der Weg zum Volltext einer Studie ist eigentlich ein Umweg. Michael Eisen, Mitgründer der von Beginn an auf Open Access setzenden "Public Library of Science", spricht deshalb von einer "zynischen Ankündigung", weil sie Freiheit nur suggeriere.

Freigabe mit Hindernissen

Auf den ersten Blick klingt die Ankündigung von "Nature" tatsächlich nach einer Revolution: "Alle Artikel sollen zum Lesen freigegeben werden", hieß es online - nicht nur jene im Hauptmagazin "Nature", sondern auch alle Beiträge in den 49 Schwesterjournalen. Das hätte das Geschäftsmodell des Verlags, der sich großteils über Abonnement-Gebühren finanziert, obsolet gemacht.

Bei genauerem Hinsehen aber zeigte sich: Es ist eine Freigabe mit Hindernissen. Denn es sind nur die Abonnenten und eine auf 100 Namen beschränkte Liste von Medien, die ab dieser Woche Links zu Studien in ihrer Volltextversion verschicken bzw. publizieren dürfen. Und selbst dann, wenn man einen solchen Link erhält bzw. auf der Website eines der ausgewählten Medien findet, darf man den Beitrag nur lesen und - mit einer speziellen, von "Nature"-Verlag Macmillan vertriebenen Software Anmerkungen machen. Nicht jedoch darf ein Beitrag kopiert, ausgedruckt oder heruntergeladen werden.

"Free Access"

Der Macmillan-Verlag möchte dadurch, laut Presseaussendung, "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Zusammenarbeit unterstützen". "Open Access", also die Freigabe von Studien zum Lesen, Herunterladen und Wiederverwenden - diesen Begriff verwendet der "Nature"-Verlag nicht in seiner Ankündigung, er spricht lediglich von "free access".

Und das aus gutem Grund, wie Kritiker meinen, die sich in den letzten Stunden vor allem via "Twitter" bzw. über ihre eigenen Blogs zu Wort gemeldet haben. Grundsätzlich halten zwar viele jeden Schritt, der wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich machen, für positiv.

Kritiker: Kontrolle zurückgewinnen

Tweets von Michael Eisen zur "Nature"-Ankündigung

Screenshot: science.ORF.at

Michael Eisen veröffentlicht seine Kritik auch auf "Twitter"

"Aber", so PLoS-Mitbegründer Michael Eisen auf seinem Blog, "der Macmillan-Verlag gibt absolut nichts auf. (…) Vergessen wir nicht: Schon heute teilen Abonnenten von 'Nature'-Journals Studien sehr häufig - via E-Mail und auf 'Twitter'. Das Problem war, dass 'Nature' keine Kontrolle darüber hatte."

Genau diese Kontrolle soll nun etabliert werden, indem die Einladung an jemand anderen zum Lesen einer Studie über die "Nature"-Website erfolgt. Eisen spricht deshalb auf "Twitter" von einem "PR-Stunt" des Macmillan-Verlags.

Klagsdrohung bei Umgehung

Auf "Twitter" wird von Usern auch schon heftig diskutiert, wie man die Restriktionen des Verlags umgehen könnte - beispielsweise über eine Datenbank, die Volltextlinks zu "Nature"-Studien etwa auf Medienwebsites sammelt und gesondert veröffentlicht. Der Macmillan-Verlag findet solche Überlegungen wenig amüsant und weist Michael Eisen auf die Geschäftsbedingungen hin, die nur ein "reasonable sharing" erlauben.

science.ORF.at kann derzeit noch nicht mit Volltextlinks aufwarten. Auf Anfrage beim Verlag hieß es, dass die Liste mit 100 Medien weltweit für die Pilotphase bewusst klein gehalten wurde.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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