Standort: science.ORF.at / Meldung: "Heftiges Tauziehen um gesetzliche Regelungen"

Eine Frau dampft eine E-Zigarette.

Heftiges Tauziehen um gesetzliche Regelungen

Der Jahreswechsel ist auch immer ein guter Zeitpunkt für Vorsätze. Wer 2015 endlich von der klassischen Zigarette loskommen möchte, der kann seit einiger Zeit auch zur E-Zigarette greifen. 2014 hat die EU erstmals Regeln zum Verkauf dieser elektronischen Variante des Nikotinkonsums festgesetzt - unter heftigem Tauziehen.

E-Zigarette 30.12.2014

Denn die Debatte um die E-Zigarette dreht sich nicht nur darum, ob das Inhalieren von Nikotin-haltigem Dampf nun gesünder ist als die klassische Zigarette oder nicht. Letztlich geht es auch darum, ob Tabakkonzerne in Zeiten um sich greifender Rauchverbote einen neuen Markt etablieren können.

Die gesündere Alternative?

Rechercheprojekt:

Die deutsch-französische Medizinjournalistin Astrid Viciano hat gemeinsam mit ihrem niederländischen Kollegen Ivo van Woerden intensiv zum Lobbying recherchiert, das bei verantwortlichen Politikern und Behörden vor der Neufassung der Tabakrichtlinie stattgefunden hat. Astrid Viciano stand science.ORF.at im Rahmen im Rahmen eines Seminars zu EU-Politik in Brüssel für ein Interview zur Verfügung. Eine Zusammenfassung der Rechercheergebnisse haben die beiden Journalisten in der "Süddeutschen Zeitung" und in "Vrij Nederland" veröffentlicht.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Tauziehen um die E-Zigarette berichtete auch "Wissen Aktuell" am 30.12.2014.

Harmlose Substanzen statt Teer: Das ist - kurz gefasst - der Grund, warum die E-Zigarette von immer mehr Rauchern als Alternative gesehen wird. Statt die Lunge schwarz zu färben und damit ein hohes Risiko für Krebs einzugehen, wird bei der E-Zigarette eine nikotinhaltige Flüssigkeit, das sogenannte Liquid, verdampft.

Dass die Inhaltsstoffe dieses Liquids tatsächlich harmlos sind, darin ist sich aber die Wissenschaft bisher alles andere als einig. Ein heftiger Studienstreit ist im Gange, wobei sich zuletzt insbesondere die Kritiker des Dampfens zu Wort gemeldet haben.

Umstrittene Inhaltsstoffe

So gaben Ende November 2014 japanische Wissenschaftler bekannt, dass E-Zigaretten mitunter sogar mehr krebserregende Stoffe enthalten können als herkömmliche Glimmstängel. Die Forscher testeten fünf verschiedene Liquids, bei einer Marke fanden sie sogar zehnmal so viel krebserregendes Formaldehyd wie bei normalen Zigaretten.
Im Oktober 2014 hat sich die Vereinigung der österreichischen Lungenfachärzte dafür ausgesprochen, dass "Werbung, Marketing, Sponsoring, Verkauf und Warnhinweise genauso streng geregelt werden sollen wie bei herkömmlichen Zigaretten". Sie wiesen vor allem auf die Gefährlichkeit der Lösungsmittel für Nikotin und Aromen hin: "Sie stehen in begründetem Verdacht, die Lunge zu schädigen." Außerdem sahen die Ärzte die Gefahr, dass durch den freien Verkauf von E-Zigaretten bzw. gänzlich Nikotin-freien E-Shishas vor allem Jugendliche an die vorgeblich gesunde Variante des Rauchens gewöhnt werden sollen.

Emotionale Diskussionen

Dieser Streit zwischen Medizinern bringt vor allem Politiker in eine schwierige Lage. Denn nachdem die E-Zigarette ein relativ junges Phänomen ist, das aber besonders in Europa und den USA rasant an Beliebtheit gewinnt, gibt es noch kaum Regeln zu Werbung und Verkauf. Einen ersten Schritt Richtung Regelung hat die EU im März 2014 gesetzt, als sie im Rahmen einer Aktualisierung der Tabakrichtlinie auch den Umgang mit E-Zigaretten erfasste.

"Die zuständigen Abgeordneten im EU-Parlament sowie die Beamten der EU-Kommission waren schon im Vorfeld einem Sturm an Mails und Anrufen ausgesetzt", schilderte die Journalisten Astrid Viciano im Gespräch mit science.ORF.at. "Die Debatte war hochemotionalisiert und gipfelte in persönlichen Drohungen gegen die Berichterstatterin zur E-Zigarette im EU-Parlament, Linda McAvan."

Hohe Konzentration erlaubt

Die Ärzteschaft war in sich gespalten, die einen lobbyierten für eine großzügige Freigabe, weil damit die klassische Zigarette verdrängt werden könnte, die anderen für eine möglichst restriktive Handhabung, weil man noch zu wenig über Gesundheitsrisiken wisse und Tabakunternehmen kein neuer Markt eröffnet werden sollte. Genau dieser wächst aber schon massiv: Wurden im Jahr 2010 weltweit 467 Millionen Euro mit E-Dampf-Geräten umgesetzt, sollen es heuer schon mehr als drei Milliarden sein.

Monatelang wurde die Diskussion auf EU-Ebene geführt. Während Linda McAvan - ebenso wie andere einflussreiche EU-Abgeordnete - zu Beginn eine Regelung befürworteten, die Liquids ab einem niedrigen Nikotingehalt von vier Milligramm pro Milliliter in die Apotheke verbannt hätte, wurde nach einem - von der Tabakindustrie und E-Zigarettenherstellern unterstützten - Entrüstungssturm die Grenze auf 20 Milligramm angehoben. Astrid Viciano: "Das heißt: Viele der E-Zigaretten sind auch in relativ hohen Konzentrationen frei verkäuflich."

Zwei Jahre Zeit zur Umsetzung

Die Mitgliedsstaaten haben nun bis Anfang 2016 Zeit, die EU-Vorgabe in nationales Recht umzusetzen. Medizinjournalistin Astrid Viciano erwartet, dass "die Tabakfirmen diese zwei Jahre intensiv nutzen werden, um ihre Position auf diesem Markt zu stärken und Einfluss auch auf die Politik zu gewinnen".

Österreichs Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) hat sich bisher sehr kritisch gegenüber E-Zigaretten und E-Shishas geäußert. In einem ersten Schritt wurde das Tabakmonopolgesetz geändert, E-Zigaretten dürfen ab 1. Oktober 2015 nur mehr in Trafiken verkauft werden. Weitere Regelungen zu Verkauf und Bewerbung sind geplant, derzeit liegt aber nichts Konkretes am Tisch.

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: