Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wer ist schuld an übertriebenen Medizinnews?"

Ein Stethoskop liegt auf einem Laptop

Wer ist schuld an übertriebenen Medizinnews?

"Neues Mittel verspricht schnelle Besserung", "Krebs könnte bald heilbar werden", "Neue Waffe im Kampf gegen Alzheimer" - Schlagzeilen wie diese halten meist nicht, was sie versprechen. Aber wer ist an der Übertreibung schuld? Eine neue Studie sagt, dass die Wurzel des Übels in den Presseaussendungen liegt.

Debatte 10.12.2014

Diese Erkenntnis ist für die Wissenschafts- und Medizinjournalistinnen und -journalisten freilich auch kein Ruhmesblatt, schließlich wäre es ja eigentlich ihre Aufgabe, Presseaussendungen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Einige Vorschläge, wie die Situation verbessert werden kann, stehen zur Debatte.

40 Prozent übertriebene Schlüsse

Die Studie:

"The association between exaggeration in health related science news and academic press releases: retrospective observational study" ist am 10. Dezember 2014 im "British Medical Journal" erschienen. Begleitend dazu erscheint "Preventing bad reporting on health research" im Editorial.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell" am 10. Dezember 2014 um 13.55 Uhr.

Die Psychologen Petroc Sumner und Chris Chambers haben 462 Presseaussendungen analysiert, die von 20 britischen Universitäten im Jahr 2011 veröffentlicht wurden. Ihren Inhalt verglichen sie sowohl mit den zugrunde liegenden Studien als auch 668 Berichten in landesweiten Medien.

Sie fanden heraus, dass 40 Prozent der Presseaussendungen übertriebene Schlussfolgerungen enthielten, 33 Prozent stellten kausale Zusammenhänge in einer Eindeutigkeit her, die keine Basis in der Studie hatten. 36 Prozent zogen aus Tierversuchen zu direkte Schlüsse für den Menschen.

Presseaussendung beeinflusst Bericht

Die Studie von Sumner und Chambers zeigte auch: Wenn die Presseaussendung übertrieben formuliert war, war es zu einem Großteil auch der entsprechende Medienbericht, wobei insbesondere die fälschlich hergestellten kausalen Zusammenhänge und die Übertragung vom Tierversuch auf den Menschen durchschlagenden "Erfolg" hatten.

Auch die Gegenprobe machten die beiden Forscher: Wenn die Presseaussendung keine Übertreibungen enthielt, verstiegen sich auch die Journalisten kaum zu Falschmeldungen. Und: Sie fanden keinen Hinweis, dass PR-Überzeichnungen die Chance erhöhen, dass eine Aussendung einen Beitrag anstößt.

Ergebnis des Wettbewerbs?

Um die Gefahr einer verfälschten Darstellung in den Medien zu reduzieren, setzen die beiden Psychologen nicht bei den Medien, sondern bei den Forschungseinrichtungen selbst an.

"Universitäten stehen immer stärker im Wettbewerb und müssen Werbung für sich machen - dieser Druck kann dazu führen, dass Studienergebnisse 'aufgeblasen' werden", schreiben sie. In Kombination mit Zeitdruck in den Redaktionen, der Recherche erschwert, führe das zu den vermeintlichen Sensationsmeldungen.

Drei Kriterien für Presseaussendungen

Diesen Gedanken greift auch der Arzt und Journalist Ben Goldacre auf, der im "Guardian" eine wöchentliche Kolumne mit dem Titel "Bad Science" schreibt, in der er wissenschaftliche Ungenauigkeit und Sensationsheischerei kritisiert. In einem die Studie begleitenden Text fordert er, dass auch für Presseaussendungen drei Kriterien gelten sollten:

Es sollte klar sein, wer für eine Presseaussendung verantwortlich ist ("accountability") - sowohl Pressemensch als auch Forscher bzw. Forscherin sollten mit Namen und Kontaktmöglichkeiten genannt sein. Außerdem sollten Presseaussendungen Teil der wissenschaftlichen Publikation werden ("transparency"), wodurch auch der in der Wissenschaft übliche Vorgang der öffentlichen Kommentierung möglich würde ("feedback"). Journale wie "Nature" und "Science" sollten Reaktionen auf Presseaussendungen ebenso veröffentlichen wie Kritik an Studien selbst.

Medien bleiben außen vor

Kaum in die Pflicht genommen werden die Medien. Von Studienautoren und Kommentator wird lediglich kurz erwähnt, dass die Zeit für Recherche fehle. "Natürlich wäre es ideal, wenn Journalistinnen und Journalisten immer Zeit hätten, die Fakten zu checken und Hype von Substanz zu unterscheiden. Aber viele haben die Zeit nicht und sind davon abhängig, Informationen von vertrauenswürdigen Quellen zu bekommen", sagt Petroc Sumner auf Nachfrage von science.ORF.at.

Diese Abhängigkeit, die auch ein Audruck schrumpfender Redaktionen und größer gewordener PR-Abteilungen ist, sei durch die Daten seiner Studie belegt worden. Deshalb seien die Presseabteilungen besonders gefordert, verlässliche Information zu liefern, so Sumner.

science.ORF.at versucht die Abhängigkeit von Presseaussendungen zu reduzieren, indem möglichst oft die Originalstudien gelesen und deren Bedeutung durch Gespräche mit unbeteiligten Forscherinnen und Forschern gecheckt werden. Ob diese Übung gelingt - das müssen die werten Userinnen und User beurteilen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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