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IST Austria Präsident Thomas Henzinger

"Wir können nur mit guten Unis überleben"

Kurz vor dem Jahreswechsel zieht der IST-Chef Thomas Henzinger Bilanz: Er ist stolz auf die Erfolge seines Instituts, obwohl es sich noch im Aufbau befindet. In der österreichischen Forschungspolitik sieht er jedoch Mängel.

Forschungspolitik 12.12.2014

science.ORF.at: Sie haben gerade drei Neuzugänge für das Institute of Science and Technology (IST) Austria angekündigt. Mit den Festkörperphysikern Johannes Fink und Georgios Katsaros und dem Strukturbiologen Leonid Sazanov wächst die Anzahl der ProfessorInnen auf 37. Wie sehen die weiteren Pläne für die nächste Zeit aus?

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 13.12. um 12:00.

Thomas Henzinger: Also wir sind auf einem Kurs des steten Wachstums. Im Schnitt wollen wir um die fünf neue Gruppen, also fünf neue Professoren bzw. Professorinnen im Jahr dazu gewinnen. Im vergangenen Jahr haben sogar sechs von sieben Berufungsverfahren geklappt. So konnten wir unsere vorhandenen Stärken weiter ausbauen, in der Evolutionsbiologie, der Systembiologie und der Mathematik. Und wir konnten zwei neue Gebiete eröffnen: die Strukturbiologie und die Festkörperphysik.

Wie sehen die Berufungspläne für die nächsten Jahre aus?

Wir haben nach wie vor keine strategischen Pläne, Professuren nur in bestimmten Gebieten auszuschreiben. Wir sind offen für Bewerbungen in allen Gebieten der Naturwissenschaften und versuchen uns die besten Leute auszusuchen. Ich kann also nur zahlenmäßige Angaben machen. Bis 2026 wollen wir 90 Forschergruppen haben mit etwa 1000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Aber in welchen Gebieten das sein wird, kann ich wegen unserer Berufungspolitik nicht vorhersagen. Die Schwerpunkte, die bleiben werden und die wir weiter ausbauen wollen, sind eben die Biologie, die Neurowissenschaften, die Mathematik, die Computerwissenschaften und jetzt auch die Physik.

Das IST Austria ist im Vergleich zu anderen österreichischen Forschungseinrichtungen budgetär relativ gut ausgestattet. Diese Förderungspolitik wird immer wieder von anderen Institutionen kritisiert. Wie sehen Sie die Stellung des IST Austria in der österreichischen Forschungslandschaft?

Ich sehe das nicht als Kritik am IST. Uns wird von österreichischen SpitzenwissenschaftlerInnen regelmäßig bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Was ich aber durchaus verstehen kann, ist die Kritik, dass es nicht reicht, ein Institut aufzubauen, sondern dass man die hervorragende Forschung in Österreich und die Universitäten insgesamt auf höchstem, internationalem Niveau haben sollte. Das ist überlebenswichtig für ein Institut wie unseres. Auch wir können nur in einem Umfeld wirklich erfolgreich sein, wo wir auch sehr gute Universitäten haben und sehr gute Forschung außerhalb des Instituts.

Kooperieren Sie bereits mit Universitäten oder anderen Instituten?

Das passiert täglich. Jeder einzelne unserer Wissenschaftler ist mit Kollegen in und außerhalb Österreichs vernetzt. Allein 2014 konnten wir zusätzlich zu den bestehenden Kooperationen, drei große FWF-Projekte verlängern, an denen die österreichischen Universitäten beteiligt sind. Eines, aus dem Bereich der Informatik, ist beispielsweise das nationale Forschungsnetzwerk zum Thema "Rigorous systems engineering", an dem die Technischen Universitäten Graz und Wien und die Universitäten Linz und Salzburg beteiligt sind.

Arbeiten Sie auch in punkto Technik mit anderen Institutionen zusammen?

Natürlich. Gerade im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit der Universitäten für Bodenkultur und der Veterinärmedizinischen Universität Wien ein Hochresolutionsmikroskop angeschafft, dass Biologen an allen drei Institutionen zur Verfügung steht. Und das ist nur eines der Beispiele, wo es Sinn ergibt, teure Infrastruktur zu teilen.

Können hausfremde WissenschaftlerInnen theoretisch auch die Geräte im IST selbst nutzen?

Das ist natürlich möglich. Aber wir sind noch sehr klein. Wir erwarten nächstes Jahr einen Wachstumsschub, unser nächstes Gebäude wird eröffnet. Aber im Prinzip steht unsere Infrastruktur jedem offen, nicht nur akademischen Interessenten, auch kommerziellen. Aber unsere Wissenschaftler haben natürlich Priorität.

Und umgekehrt passiert das natürlich genauso. Wir können gar nicht alle wissenschaftlichen Gerätschaften, die gebraucht werden, auf unserem Campus zur Verfügung stellen. Wir mieten uns etwa am Vienna Bio Center ein, um nur ein Beispiel zu nennen.

Viele Ihrer Kooperationspartner sind in Wien. Wie stehen Sie denn zu ihrem Standort in Gugging?

Diese Frage wird mir oft gestellt, aber immer nur von Wienern. Wir sind 430 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Campus aus 57 verschiedenen Ländern. Ich habe die Frage noch nie von einem unserer Mitarbeiter gehört. Und auch noch nie von jemandem, den wir berufen wollten, das ist kein Thema.

Wie werden Sie von der Bevölkerung angenommen?

Es gibt großes Interesse. Bei den letzten IST-Lectures war der Saal immer mehr als voll.

Es ist Ihnen am IST gelungen, einige ERC-Grants zu gewinnen. Erst vor kurzem wurde Chris Wojtan mit einem ERC Starting Grant in der Informatik bedacht. Bei wie vielen stehen Sie jetzt?

Das macht mich sehr stolz, wir stehen jetzt bei 15 ERC Grants von 31 Forschergruppen. Das ist europaweit ziemlich einzigartig. Unsere Informatiker sind beispielsweise alle sechs vom ERC gefördert.

Das IST wird gerne als Elite-Institution bezeichnet. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich verwende den Ausdruck selbst nie. Aber Elite-Institution ist schon besser, als Elite-Universität, denn das stimmt einfach nicht. Wir haben kein Grundstudium. "Elite" hat in Österreich eine negative Konnotation, es klingt nach wirtschaftlichen Privilegien. Aber wir holen unsere Mitarbeiter rein nach wissenschaftlichen Kriterien, vom Doktoranden bis zum Professor und bei uns zahlt auch niemand Studiengebühren.

Halten Sie es für eine gute forschungspolitische Strategie einzelne Institute finanziell besonders zu fördern, wie eben das IST?

Selbst eine Spitzeneinrichtung wie unsere muss sich auf eine sehr gute, breite Ausbildung und ein breites Verständnis der Wissenschaften verlassen können. Es braucht zusätzlich eine gezielte Spitzenförderung und die kann natürlich nicht nur auf ein Institut fokussiert sein. Aber mit der Gießkanne kann das auch nicht passieren. Dafür braucht es ein Peer-Review-System, wie es der FWF sehr erfolgreich betreibt. Die Politik muss hier also einen Weg finden, sehr gute Forschung zu fördern, aber nicht auf Kosten der breiten wissenschaftlichen Ausbildung.

In Deutschland gibt es die sogenannte Exzellenz-Initiative, wo eben einige Universitäten besonders gefördert werden. Fänden Sie Vergleichbares auch gut für Österreich?

Nein, ich finde das System eher problematisch. Ich würde nicht dafür plädieren, das zu kopieren. Eine Uni kann nicht für vier Jahre exzellent sein und in den nächsten vier Jahren ist es eine andere. Das treibt den Wettbewerb an und nicht die notwendige Kooperation. Trotzdem kommen gerade aus Deutschland viele wissenschaftliche Erfolge und dort wird stark in die Forschung investiert, mehr als bei uns.

Ist das Bewusstsein für eine umfassende Wissenschaftsförderung in der österreichischen Politik noch nicht vorhanden?

Ich würde nicht sagen, dass das Bewusstsein nicht vorhanden ist. Ich höre sehr viel, was man eigentlich hören sollte, auch vom Wissenschaftsminister. Aber Österreich ist letztendlich in einer anderen finanziellen Situation als Deutschland und in der Förderung der Spitzenforschung fallen wir im Vergleich stark zurück.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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