Standort: science.ORF.at / Meldung: "Maya lebten nachhaltig - bis zum Untergang"

Die Maya-Pyramide "El Castillo" vor blauem Himmel mit weißen Wolken.

Maya lebten nachhaltig - bis zum Untergang

Auch wenn die Maya das Wort "Nachhaltigkeit" noch nicht kannten, lebten sie das Prinzip in einem bisher ungekannten Ausmaß. Jahrhundertelang schafften sie es laut Studie, sich in ihrer Metropole Tikal mit Wasser und Nahrung zu versorgen, ohne die Grundlagen anzugreifen. Erst eine Dürrephase brachte das System ins Wanken.

Anthropologie 16.12.2014

Denn um Regenarmut verkraften zu können, war das Produktionssystem der Maya zu sehr auf eine stabile Wasserversorgung angewiesen. Im 9. Jahrhundert verließen deshalb die meisten Bewohner Tikal, schreiben David Lentz und seine Kollegen von der Universität Cincinatti in Ohio, die eng mit guatemaltekischen Forschern kooperiert haben.

1.100 Quadratkilometer Einzugsgebiet

Die Studie:

"Forests, fields, and the edge of sustainability at the ancient Maya city of Tikal" ist am 15. Dezember 2014 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 16. Dezember 2014 um 13.55 Uhr.

Heute ist Tikal im Norden Guatemalas großteils vom Dschungel überwuchert, und die Ruinen lassen kaum mehr erahnen, dass die Stadt vor rund 1.300 Jahren eine blühende Metropole war, in der Architektur und Astronomie genauso gepflegt wurden wie Malerei und Dichtkunst. Schätzungen gingen bisher von zirka 50.000 Einwohnern aus, wobei aber eine Frage offen blieb: Wie konnten sich die Bewohner mitten im Regenwald versorgen?

Um diese Frage beantworten zu können, haben die Forscher um David Lentz zuerst einmal das Areal vermessen, indem sie es mit Hilfe von Satellitenaufnahmen mit jenem von Nachbarstädten wie Ixlu, Yaxha, El Zotz und Uaxactún verglichen haben. Ihr Ergebnis: Tikal hatte ein Einzugsgebiet von 1.100 Quadratkilometern. 850 Quadratkilometer davon waren tropisches Waldland, 250 Quadratkilometer Feuchtgebiete.

39.000 Tonnen Holz jährlich

Aus diesem Areal "haben die Bewohner von Tikal ihre Lebensmittel, Brennstoff, Bauholz und anderes Lebensnotwendiges bezogen", schreiben die Forscher in ihrer Studie. Aus der Analyse von Pollen entnehmen sie, dass zur Blütezeit von Tikal 60 bis 70 Prozent des Waldlandes und 35 Prozent der Feuchtgebiete gerodet waren.

Auf dem übrigen Gebiet standen laut Studie 13 Millionen Tonnen Holz. Gebraucht wurde es vor allem als Brennholz - vor allem für die Brennöfen der Maya, in denen sie Keramikgefäße herstellten. Diese Öfen waren laut Studie sehr ineffizient, zur Herstellung eines Gefäßes wurden mehr als fünf Kilo Holz verbraucht.

Dass die wachsende Metropole Tikal langsam, aber sicher das Prinzip der Nachhaltigkeit verließ, zeige sich an der Hochrechnung des jährlichen Verbrauchs, so die Forscher. Laut Studie haben die Bewohner von Tikal zur Hochzeit der Metropole 42.000 Tonnen Holz jährlich verbraucht - 3.000 Tonnen mehr als durch eine nachhaltige Produktion zur Verfügung gestanden sind.

Große Gärten zur Eigenversorgung

Die bebaute Stadtfläche von etwa 160 Quadratkilometern (zum Vergleich: Das sind 40 Quadratkilometer mehr als Graz) war nach Ansicht der Forscher komplett gerodet, wobei die Einwohner bewusst große Gärten anlegten, in denen sie Bohnen, Kürbisse, Mais, Süßkartoffeln und möglicherweise auch Maniok anbauten. Außerdem versorgten sie sich über diesen Weg auch mit Früchten wie etwa Avocados oder Kakao.

Die Forscher gehen davon aus, dass ein Mensch zur Selbstversorgung etwa 0,18 Hektar Land brauchte, also 1.800 Quadratmeter. Damit benötigten die etwa 45.000 Einwohner - mehr können es laut Studie aus Versorgungsgründen nicht gewesen sein - pro Jahr insgesamt 80 Quadratkilometer Anbauflächen. Da ihnen den Berechnungen zufolge 270 Quadratkilometer zur Verfügung standen, hatten sie genug Areal, um sich dreijährige Brachen leisten zu können - eine Grundvoraussetzung für nachhaltigen Anbau, weil sich in dieser Zeit der Boden erholen konnte.

Schwachstelle Wasserversorgung

Eine Schwachstelle hatte das Bewirtschaftungssystem der Maya allerdings: die Bewässerung. Um die großen landwirtschaftlich genutzten Flächen vor Dürre zu schützen, legten die Maya Kanäle und Wasserreservoirs an. Mindestens vier Becken habe es gegeben, aus denen die Felder regelmäßig geflutet wurden, heißt es in der Studie. Ohne Bewässerung hätten die Maya die Versorgung von Tikal nicht aufrechterhalten können - und genau das wurde ihnen letztlich zum Verhängnis.

Denn das Bewässerungssystem hatte zwar den Vorteil, dass die Menschen Regenwasser speichern konnten, beeinträchtigte aber den Wasserzufluss zu den Quellen. Gemeinsam mit den Rodungen hätten die Maya dadurch den Wasserkreislauf massiv gestört, was während der Dürren im 9. Jahrhundert "tragische Folgen" gehabt habe, betont das Team.

Empfindliches System

Trotz des jahrhundertelangen Bemühens um eine nachhaltige Wirtschaftsweise sei mit der Dürre das Schicksal der Metropole Tikal besiegelt gewesen, heißt es. Die soziale Struktur brach zusammen und die Stadt wurde verlassen.

Als "Umweltdeterminismus" möchten die Forscher ihre Arbeit dennoch nicht verstanden wissen: "Sie ist ein weiteres Beispiel dafür, welch weitreichenden Einfluss menschliche Aktivitäten haben. Selbst wenn momentan alle Voraussetzungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung erfüllt scheinen, können veränderte Rahmenbedingungen wie etwa das Klima das System innerhalb weniger Jahrzehnte zum Kippen bringen."

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: