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Nazijäger Efraim Zuroff während einer Pressekonferenz 2008 in Wien

"Habe keinen reuigen NS-Verbrecher getroffen"

Wer Efraim Zuroff nach seinem Beruf fragt, bekommt keine eindeutige Antwort - er sei jeweils zu einem Drittel Detektiv, Historiker und Lobbyist. Zuroff ist Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel und versucht, noch lebende NS-Kriegsverbrecher aufzuspüren. Ein Gespräch über Optimismus und Gerechtigkeit.

Zeitgeschichte 29.12.2014

Herr Zuroff, Anfang des Monats wurde bekannt, dass Alois Brunner, der "Ingenieur der Endlösung", tot ist. Was war Ihr Gefühl, als Sie erfuhren, dass er nicht mehr lebt? Waren Sie wütend? Erleichtert?

Zuroff: Erleichtert war ich sicher nicht. Es war eine Kombination aus Zorn und Frustration. Brunner hat eine wichtige Rolle bei der "Endlösung" gespielt und er sollte für diese Verbrechen bezahlen. Gleichzeitig wusste ich schon lange, dass er in Syrien ist, dass er dort geschützt und niemals ausgeliefert werden wird. Ich habe trotzdem immer gehofft, dass man ihn doch noch irgendwie zur Rechenschaft ziehen kann. Aber nun ist er tot - das war's, es gibt keine Gerechtigkeit mehr.

Sie haben schon vor Jahren einen Hinweis bekommen, dass Brunner tot sein soll. Aber erst letzten Dezember wurde es öffentlich. Warum?

Zuroff: Wir haben die Information aus einer verlässlichen Quelle bekommen, trotzdem hatten wir den Wunsch, sie forensisch zu überprüfen. Aber wie sollten wir das in Syrien machen? Da Brunner schon sehr alt und die Quelle gut war, gehen wir davon aus, dass er tatsächlich nicht mehr lebt. Wir hatten schon einmal einen ähnlichen Fall: den von Aribert Heim. Auch damals konnten wir nicht sicher verifizieren, ob er tot ist.

Aribert Heim war Lagerarzt und hat Versuche an Häftlingen durchgeführt. Er soll 1992 in Kairo gestorben sein.

Zuroff: Und wissen Sie was? Erst heute hat mir eine Deutsche geschrieben, die überzeugt davon ist, Heim 2011 in Kairo getroffen haben.

Zur Person:

Der 66-jährige Efraim Zuroff ist Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. Die Einrichtung sammelt Informationen über den Verbleib von NS-Kriegsverbrechern. Unter anderem startete das Zentrum Kampagnen, die auch in Österreich zur Mithilfe bei der Suche nach den Verbrechern aufriefen. Seit Dezember 2014 läuft eine ähnliche Suchaktion in Norwegen.

Links:

Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Centers (SWC) in Jerusalem, zeigt Fotos von Aribert Heim in Buenos Aires (Archivfoto vom 27.11.2007).

dpa/EFE/A2609 epa efe Leo La Valle

Efraim Zuroff zeigt Fotos von Aribert Heim (Archivfoto vom 27.11.2007)

Wie viele solcher Briefe bekommen Sie am Tag, von Leuten, die glauben, einem gesuchten Nazi begegnet zu sein?

Zuroff: Eine Menge. Das meiste ist, ehrlich gesagt, Blödsinn. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft mich Leute anrufen und sagen: Mein 89-jähriger Nachbar ist ein Dreckskerl und ein Nazi. Können Sie nachsehen, ob er auf Ihrer Liste steht? Aber was diese Frau mir heute schrieb, ergibt Sinn. Es ist möglich, dass es so war. Ich werde den Brief wahrscheinlich an die deutschen Behörden schicken. Auch wenn Sie offiziell nichts mehr tun können. (Anm.: Das Landgericht Baden-Baden hat Heim 2012 für tot erklärt und das Verfahren gegen ihn eingestellt.)

Machen Sie solche Briefe optimistisch? Lassen Sie Sie glauben, Heim könnte eventuell noch leben?

Zuroff: Bei einem solchen Fall ist es schwer, noch optimistisch zu sein. Aber ja, es quält mich. Tief drinnen denke ich mir: Wie kann es sein, dass Heim tot ist, man es aber nicht beweisen kann?

Jedes Jahr veröffentlicht das Simon-Wiesenthal-Zentrum eine Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Von der Vorjahresliste sind nur noch acht am Leben. Sie arbeiten gegen die Zeit.

Zuroff: Sie haben völlig recht. Wir spüren den Druck. Aber es gibt nicht nur die Menschen auf dieser Liste. Hunderttausende waren am Holocaust beteiligt. Man nennt sie manchmal "kleine Fische", weil sie nur Feldwebel waren oder Unteroffizier und keine der wichtigen Befehlshaber. Meine Antwort darauf ist: Wenn es die Person war, die Ihre Großmutter umgebracht hat, ist er für Sie der größte Fisch im Meer. Meine Frau wundert sich auch, wie ich diesen Job so lange machen kann. Aber immer, wenn sie glaubt, es sei vorbei, grabe ich noch einen Nazi aus, den ich vor Gericht bringen will.

Einige der Männer sind dem Tod näher als dem Leben. Der KZ-Wachmann John Demjanjuk war bei seinem Prozess 2011 so gebrechlich, dass manche Mitleid für ihn empfanden.

Zuroff: Das ist unvermeidlich. Und hier komme ich ins Spiel. Ich bin dazu da, um die Leute zu erinnern: Er ist der Letzte auf der Welt, der Mitleid verdient. Demjanjuk hatte auch kein Mitleid mit seinen Opfern. Und einige von ihnen waren noch älter als er. Und ich habe nie einen Nazi-Verbrecher getroffen, der seine Taten bereut hätte.

Was glauben Sie, wann wird der letzte NS-Kriegsverbrecher gestorben sein?

Zuroff: In etwa zwei bis drei Jahren. Aber das habe ich vor fünf Jahren auch schon gesagt.

Das Gespräch führte Alexandra Rojkov, dpa

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