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Zwei Ballettänzer tanzen im Hof der Wiener Universität, anlässlich des Neujahrskonzerts 2015.

Nach dem Tanz zurück in den Alltag

Spätestens durch die Tanzeinlagen an der Uni Wien beim Neujahrskonzert weiß "die ganze Welt", dass heuer ein besonderes akademisches Jahr ist. Neben der Uni Wien feiern auch die Technische Universität Wien und die Veterinärmedizinische Universität Wien runde Jubiläen. Zum Jahresbeginn ein Dreier-Gespräch mit deren Rektoren.

Uni-Jubiläen 02.01.2015

Im ersten Teil widmen sich Heinz Engl (Uni Wien), Sabine Seidler (TU) und Sonja Hammerschmid (Vetmed) den Fragen, was der Stellenwert von Unis heute ist, ob sich die Konkurrenz untereinander durch die Autonomie verstärkt hat und wie es um die interne Demokratie steht.

science.ORF.at: Die Uni Wien feiert heuer Ihren 650. Geburtstag, die TU Wien ihren 200. und die Vetmed ihren 250. Viel Geschichte, aber noch wichtiger ist die Gegenwart: Wie sehen Sie den Stellenwert von Hochschulen in der Gesellschaft heute? Sind Unis Ausbildungsstätten für junge Menschen, sollen sie noch dem Bild der Humboldt-Uni entsprechen, sind sie ökonomische Unternehmen oder Stätten, an denen man im Alltag Demokratie lernen kann?

Sabine Seidler: Das eine schließt das andere nicht aus, da gibt es Zusammenhänge. Die österreichischen Universitäten haben im Unterschied zu vielen anderen in Europa und in der Welt zwei große Aufgaben: zu lehren und zu forschen. Diese beiden Aufgaben miteinander zu verbinden, ist aufgrund der Anzahl an Studierenden nicht immer ganz einfach. Unser Grundprinzip ist aber nach wie vor die forschungsgeleitete Lehre, und damit bewegen wir uns schon in Richtung des Humboldt'schen Prinzips. Selbstverständlich befinden wir uns zugleich in einem ökonomischen Rahmen, der uns in der Regel nicht viele Spielräume lässt. Es erfordert viel Fantasie, um so erfolgreich zu sein, wie wir es geschafft haben in letzten zehn Jahren.

Universität Wien

Als Gründungsdatum der Uni Wien gilt der 12. März 1365 - auf diesen Tag ist die von Herzog Rudolf IV sowie seinen Brüdern unterzeichnete Stiftungsurkunde datiert. Das erste Gebäude der ursprünglichen Universität war nicht am heutigen Standort am Universitätsring, sondern in der Postgasse. Mit dem geregelten Lehrbetrieb ging es auch erst rund 20 Jahre nach der Gründung los, als der Papst die Gründung einer theologischen Fakultät erlaubte und zahlreiche Professoren von der Sorbonne abgeworben werden konnten. Heute verfügt die Uni über rund 92.000 Studierende und 9.500 Mitarbeiter (davon knapp 7.000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen).

TU Wien

Die TU Wien wurde von Kaiser Franz I. als "K. K. Polytechnisches Institut" am 6. November 1815 eröffnet, der Studienbetrieb startete am Tag darauf. 1872 wurde das Polytechnische Institut in eine Technische Hochschule umgewandelt, 1975 in Technische Universität umbenannt. Der Standort blieb über die gesamten 200 Jahre praktisch unverändert. 1815 startete der Unterrichtsbetrieb auf den ehemaligen gräflich Loseschen Besitzungen auf der Wieden vor dem Kärntnertor (am heutigen Karlsplatz). Am gleichen Ort wurde 1818 das bis heute bestehende Haupthaus der Uni eröffnet. Heute studieren an der TU 28.000 Studenten und Studentinnen, sie verfügt über 4.500 Mitarbeiter, davon 3.300 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Vetmed

Kaiserin Maria Theresia ordnete am 24. März 1765 die Gründung der ersten Veterinärschule im deutschsprachigen Raum an - zunächst als dem Militär zugeordnete "K.K. Pferde-Curen- und Operationsschule". Zur Hochschule wurde die sie 1897, ihre Unabhängigkeit erlangte sie 1905, das Promotionsrecht 1908 und ihre heutige Bezeichnung 1975. Seit dem 18. Jahrhundert im heutigen dritten Wiener Gemeindebezirk Landstraße (am aktuellen Standort der Musikuni) angesiedelt, übersiedelte die Vetmed 1996 nach Wien-Floridsdorf, wo sie auch ein Tierspital unterhält. Heute studieren an der Vetmed rund 2.300 Personen, die von knapp 1.300 Mitarbeitern (davon rund 650 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen) betreut werden.

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Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmen sich auch Beiträge von Marlene Nowotny und Lukas Wieselberg im Dimensionen Magazin, 2.1., 19:05 Uhr, und in Wissen aktuell, 2.1., 13:55 Uhr.

Heinz Engl: Das Wort "Demokratie lernen" gefällt mir gut, ich würde es aber ein wenig verändern. Man lernt an einer Uni in allen Gremien und auf allen Ebenen, unter ökonomischen Rahmenbedingungen Entscheidungen zu treffen. Und das hat auch mit "Demokratie lernen" zu tun. Die Universität Wien ist in dieser Hinsicht mit ihrer fachlichen Breite, ihren Sozial- und Geisteswissenschaften ein besonderes Lernlabor.

Wogegen ich mich wende, ist das Wort "Ausbildung": Wir vermitteln Bildung, in manchen Fächern auch direkte Berufsausbildung, etwa in Psychologie, aber immer basierend auf Forschung. Charakteristisch für jede Uni weltweit ist die enge Verbindung von Forschung und Lehre, da knüpfen wir an Humboldt an. Was mir noch fehlt, ist das Wort "Innovation", das für jede Uni eine wichtige Rolle spielt. Echte, nachhaltige Innovation entsteht meistens überraschend an den Grenzen von Fächern, von aus Neugierde geleiteter Forschung, bei der man nicht von Anfang an "nur" ein Produkt entwickeln will.

Die Rektoren Sabine Seidler (TU Wien), Heinz Engl (Uni Wien) und Sonja Hammerschmid (Vetmed) im Ö1 Studio beim Dreiergespräch

Ursula Hummel-Berger, ORF

Sabine Seidler, Heinz Engl und Sonja Hammerschmid im Ö1 Studio

Wie zum Beispiel?

Heinz Engl: Die gesamte medizinische Bildverarbeitung ist letztlich auf eine mathematische Arbeit von Johann Radon aus dem Jahr 1917 zurückzuführen. Auch Erwin Schrödinger und Ludwig Boltzmann haben zweckfrei geforscht, und aus ihrer Arbeit an der Uni Wien sind ungeheure Innovationen entstanden.

Sonja Hammerschmid: Zu Lehre, Forschung und Innovation möchte ich noch die wissenschaftliche Dienstleistung hinzufügen. Denn an der Vetmed betreiben wir ja fünf Unikliniken, in denen wir täglich rund um die Uhr tierische Patienten betreuen. Ansonsten unterstreiche ich das Gesagte: Im Zentrum steht die gesellschaftliche Verantwortung der Unis. Wir nutzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen - gemeinsam mit der Industrie - zu definieren und sie der Gesellschaft zurückzugeben. In den Unikliniken ist das naheliegend, weil wir durch die Krankheiten der tierischen Patienten wissenschaftliche Fragestellungen quasi immer wieder auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Unis stehen seit Jahrzehnten unter ständigen Reformen, wie zufrieden sind sie mit der aktuellen Autonomie?

Hammerschmid: Sie hat den Universitäten sehr viel gebracht, wir sind in den vergangenen zehn Jahren extrem effizient geworden, haben etwa in der Forschung unsere Drittmittel vervielfacht. An der Vetmed haben wir durch Zugangsbeschränkungen zudem eine besondere Situation; wir können durch Kleingruppenunterricht eine besondere Qualität der Ausbildung anbieten.

Die Reformen im Zeitraffer: In der Nachkriegszeit gab es eine sehr hierarchische Struktur, die Firnbergreform von 1975 setzte auf Mitbestimmung, auch von Mittelbau und Studierenden, mit dem UG 2002 ist man zu einem eher hierarchischen System zurückgekehrt - wo bleibt da das Lernen der Demokratie, das Sie auch als wichtig erachten, Herr Rektor Engl?

Engl: Ich habe das UG 75 an der Uni Linz erlebt: Mitbestimmung bestand damals darin, dass man in Gremien Anträge an das Ministerium stellen durfte. Die Entscheidungen wurden allesamt dort getroffen, jede Detailfrage, auch wer welchen Computer kaufen durfte. Das war also eine Antragsdemokratie.

Mit dem UG 2002 ist das System radikal verändert worden, in der Anfangsphase vielleicht zu stark. Wir haben auf die Kritik daran an der Uni Wien reagiert und sind dabei, die Mitbestimmung wieder zu stärken. Wobei klar ist, dass Autonomie auch viel Verantwortung bedeutet. Ein Rektorat der Uni Wien ist für eine halbe Milliarde Euro pro Jahr verantwortlich. Aber es ist auch nicht klüger als viele andere, und deshalb müssen diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, eingebunden werden.

Wie machen Sie das?

Engl: Wir haben 19 Fakultäten, mit jeder von ihnen gibt es Zielvereinbarungen, inklusive Budget. Bis letztes Jahr wurden die Zielvereinbarungen von den Rektoraten mit den Dekanaten getroffen. Heuer haben wir erstmals in allen 19 Einheiten in Fakultätskonferenzen breit unsere Ziele und Anliegen diskutiert. Das war ein ziemlicher Aufwand, hat den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aber Möglichkeiten zur Diskussion gegeben, ohne die Entscheidung und Verantwortungskompetenz der Dekane einzuschränken. Alleine die Einführung der Diskussionsprozesse hat zu einer Öffnung geöffnet, und das möchten wir auch weiterentwickeln.

Drei Ballettänzer tanzen auf den Stiegen der Wiener Universität, anlässlich des Neujahrskonzerts 2015.

ORF/Günther Pichlkostner

Ballettänzer des Neujahrskonzerts 2015 auf den Stiegen der Wiener Universität

Frau Seidler, wie sieht es mit der Partizipation an der TU Wien aus?

Seidler: Ohne Elemente der Mitgestaltung und Mitentscheidung könnten wir eine Universität gar nicht führen. Sie können zwar ein Curriculum entwerfen, aber Forschung nicht verordnen. Das gilt auch für die Lehre, zumindest wenn sie gut sein soll. D.h. die Kultur einer Universität ist stark bottom up getrieben, darauf müssen wir im Management Rücksicht nehmen.

Die TU Wien hat vor drei Jahren einen Transparenzprozess begonnen, auch getrieben durch die schwierige Finanzsituation, um die Situation zu bewältigen zu können. Ich führe zweimal im Semester eine Diskussionsrunde mit einzelnen Personengruppen des Senats durch, einmal im Jahre gehe ich in jede Fakultät und diskutiere die Zielstellungen für das Jahr, und zwar über die Gremien hinaus. Das sind Veranstaltungen, die die Dekane und Fakultätsräte selbst definieren und üblicherweise kann jedes Fakultätsmitglied an ihnen teilnehmen.

Wir wollen damit zwei Dinge erreichen: einerseits erklären, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, zum anderen das Potenzial aus den Fakultäten wieder zurückholen. Wir sind im Rektorat gerade einmal fünf Personen; das intellektuelle Potenzial des Hauses ist natürlich viel größer. Und das gilt es zu nutzen.

Wie hat das UG 2002 das Verhältnis der Unis zueinander verändert? Wird heute mehr kooperiert oder betrachten sie sich zunehmend als Konkurrenten?

Engl: Es braucht eine gesunde Konkurrenz, aber auch eine Balance zwischen Konkurrenz und Kooperation. Mit beiden Unis, die heute am Tisch sitzen, und mit anderen kooperieren wir sehr intensiv. Gemeinsam mit der Vetmed haben wir soeben mit Leonida Fusani einen hochkarätigen Vogelkundler aus Italien berufen und ein gemeinsames NMR (Nuclear Magnetic Resonance) angeschafft. Mit der TU gibt es enge Verbindungen in Quantenphysik, Materialchemie, angewandter Mathematik, und wir haben ein gemeinsames Supercomputing Center aufgebaut, mit Millioneninvestitionen. Das Center ist in den Top 100 der Welt, das hätte keine einzelne Uni zustande gebracht. Aber wir konkurrieren auch, in Informatik und Mathematik etwa um Studierende.

Seidler: Die Autonomie hat viele Dinge ermöglich, die früher nur über die Bande des Ministeriums zu spielen waren, und das hat Kooperationen nicht gerade gefördert. Das ist heute besser. Wir brauchen Kooperation und Wettbewerb, um sich auf Augenhöhe zu begegnen. Herr Engl und ich matchen uns, seit wir uns im Jahr 2007 kennengelernt haben, in der Mathematik. Das bringt uns beide vorwärts, und das ist positiv.

Was die Infrastruktur betrifft: Da braucht es Kooperation. Wir haben das etwa im Bereich der Röntgenstrukturanalytik gemacht, um den Standort Wien insgesamt weiterzuentwickeln und für Forscher und Forscherinnen attraktiv zu sein. Forschung funktioniert letztlich über die Köpfe und für die muss man spannend sein.

Teil 2 des Interviews folgt in wenigen Tagen

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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